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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-08-12 · Heft 32 (12.8.1898) · p. Seite 374

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 32 (12.8.1898)
Date
1898-08-12
Page
Seite 374 (sequence 2)
Language
German
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374 m schärfsten kennzeichnen zwei Lhatsachen Bismarcks persönliche Stellung zu den Antisemiten. Man erinnert sich noch lebendig genug der unter ungeheuerem Lärm und mit den absonderlichsten Kunststücken zu Stande gebrachten sogenannten Millionenadresse der Antisemiten. Unter dem Aufgebot aller Kraft, mit Aufwendung aller agitatorischen Mittel brachten die Antisemiten im ganzen Deutschen Reiche eine an den Reichskanzler gerichtete Petition zu Stande, angeblich von nahezu einer Million Unterschriften bedeckt. Werth und Echtheit dieser Unterschriften waren freilich nicht gerade besonders garantirt. Fürst Bismarck hat es nun entschieden abgelehnt, diese Petition, die eine Einschränkung der Rechte der Juden im Deutschen Reiche forderte, entgegenzunehmen; er hat es abgelehnt, die Deputation zu empfangen, die mit der Ueberreichung des Schriftstückes betraut war. Die befrackten Herren mußten sich damit begnügen, das Papier beim Portier des Reichskanzlerpalais abzugeben und haben bis auf den heutigen Tag keinerlei Antwort erhalten. Als ferner ein Antisemitenblatt in Kassel einmal den Fürsten Bismarck einen Antisemiten nannte, ließ der Reichskanzler deswegen die Beleidigungsklage erheben und erwirkte thatsächlich eine Vevurtheilung jenes Blattes. Als Bismarck »ach dem deutsch-französischen Kriege unter seinen besten Mitarbeitern nicht wenig Juden sah, kam er von seinem früheren Vorurtheil ab; das war die Zeit, in welcher die ehemaligen junkerlichen Anschauungen des Fürsten Bismarck über die Juden, die er noch als Bundestagsgesandter in Frankfurt festgehalten hatte, eine gründliche Korrektur erfuhren. „Ich hatte keine anderen Juden gekannt," äußerte er damals, „als die, welchen ich auf meinen pommerschen Gütern als Hausirer begegnet bin. In diesem Typus habe ich mir alle Juden gedacht. Als ich aber später im öffentlichM Leben mit Juden in Berührung kam, die Achtung verdienten und auch mir Achtung abgerungen, schämte ich mich nicht, meinen Jrrthum einzugestehen. In Bezug auf den Werth der Juden, habe ich meine Erfahrungen gesammelt, die mich zu einer diametral entgegengesetzten Meinung von ihnen gebracht haben. Darum trage ich kein Bedenken, hier öffentlich die Erklärung abzugeben, daß in dieser kurzen Zeit, seit der die Emanzipation auch eine praktische Bedeutung erlangt hat, die Juden sich auf allen Gebieten des öffentlichen Berufes durchwegs glänzend bewährt haben." Nichtsdestoweniger bleibt es eine geschichtliche Thatsache, wir sind weit davon entfernt, dies zu verkennen oder in Abrede zu stellen, daß des Fürsten Bismarck Verhalten eine Zeit lang die Antisemiten zu begünstigen oder zu fördern durchaus geeignet war. Der erste Kanzler des Deutschen Reiches, groß im Lieben wie im Haffen, fühlte sich von allen Parteien im Reichstage am empfindlichsten durch den Liberalismus, am tiefsten durch Laster und Bamberger verletzt. Eugen Richter, der nachmalige Führer der freisinnigen Partei, war ihm nicht blos ein einflußreicher und gefährlicher Gegner seiner Vorlagen, er hat ihn oft auch persönlich aufs Grimmigste gereizt. Die ganze Leidenschaftlichkeit der politischen Propaganda des Antisemitismus richtete sich nun aber gegen ihre heftigsten Feinde im Parlament, gegen die Freisinnigen. Fürst Bismarck hätte nun nicht der vielerfahrene Diplomat, der mit allen Faktoren rechnende und alle Mittel geschickt ausnutzende Politiker sein müssen, wenn er sich nicht diese unverlangte und zu nichts verpflichtende Hilfe hätte gefallen lassen sollen, diese Hilfe, die er auch nicht im Entferntesten als ein Bündniß hätte gelten lassen wollen. Zu dem Zeitpunkt, da die Antisemiten dem Fürsten Bismarck am nächsten standen, da galt von ihren Beziehungen schmeichelhaftestenfalls der bekannte Vers: „Blamir.jmich nicht, mein Kind, und grüß' mich nicht unter den Linden!" Im Privatleben hat Fürst Bismarck des Oefteren Gelegenheit genommen, sich über Juden und Judenfrage zu äußern. Es geschah immer ohne genauere, ohne tiefere Kenntniß vom Wesen des Juden - thums, denn wo hätte der pommersche Junker und Deichhauptmann, wo hätte der nachmalige Diplomat und Kanzler Gelegenheit gehabt, einen Einblick in das Judetlthum zu thun? Aber es geschah auch immer ohne Vorurtheil und ohne Gehässigkeit, ja sogar mit einem gewissen Wohlwollen. Die Tagebuchblätter von Moritz Busch enthalten mancherlei bemerkenswerthe Aeußerungen Bismarcks über die Juden, unter anderen die, daß eine Verschmelzung der germanischen Raffe mit den Juden der Nation große Vortheile bringen und viele gute Eigenschaften zuführen würde. „Ich werde meinen Söhnen rathen," so sagte Fürst Bismarck einmal bei den berühmten Versailler Tischgesprächen, „Jüdinnen zu heirathen". Die beiden Söhne des Fürsten haben diesen Rath freilich nicht befolgt; das ändert aber nichts an der Gesinnung, der er entsprang. Hat übrigens Fürst Bismarck seinen Söhnen keine jüdischen Frauen gegeben, so gab er ihnen doch einen jüdischen Lehrer, den er später, wie so manchen anderen Juden, in den Dienst des Auswärtigen Amtes zog. In langwährenden persönlichen, bis zu einem gewiffen Grade vertraulichen Beziehungen stand Fürst Bismarck zu einem einzigen Juden, der bis an sein Lebensende seinem Glauben und den jüdischen Erinnerungen treu blieb: zu dem verstorbenen Baron Gerson von Bleichröder. Hat Bismarck als Großgrundbesitzer und ungewöhnlich gewiegter Geschäftsmann vielfach mit jüdischen Unternehmern gute Beziehungen gepflogen, so war es Gerson v. Bleichröder vergönnt, nicht nur in nähere, rein persönliche, sondern darüber hinaus in wichtige politische Beziehungen zum Fürsten Bismarck zu gelangen. Der vielerfahrene Bankier war sein vertrauter Rathgeber in vielen finanziellen Fragen, und als beim Friedensschlüsse mit Frankreich im Jahre 1871 die Frage der Kriegsentschädigung zur Erörterung stand, ließ der Kanzler den Berliner Jinanzmann als seinen Experten zu sich kommen. Auch bei der späteren Regulirung der Milliardenzahlung leistete Bleichröder dem Reiche wichtige Dienste. Was Bismarck in allem Antisemitentrubel aber nie vergessen hat, das war die Thatsache. daß dieselben Leute, die sich heute als Bismarckgarde aufspielen, ihn dereinst mit Bleichröder gemeinsam zum Zielpunkt der giftigsten Angriffe machten. „Die Aera Bismarck-Bleichröder", so waren jene galligen und verleumderischen Artikel in der „Kreuzzeitung" überschrieben, die vor fünfundzwanzig Jahren die konservative Partei gegen Bismarck abschnellte. »„Kein anständiger Mensch kann ein solches Blatt in die Hand nehmen", hatte Fürst Bismarck damals im preußischen Abgeordnetenhause von demselben Blatte gesagt, dem er einst seine geistsprühende Feder geliehen hat. Ein Theil der Junkerschaft protestirte gegen jenen Bismarck'schen Satz durch die öffentliche Erklärung, daß er zur ..Kreuzzeitung" halte. Dieselben Deklaranten, die Bismarcks unversöhnlicher Haß nie verlassen hat, schaaren sich heute um seine Bahre, um ihn für sich und ihre mehr oder minder antisemitischen Bestrebungen in Anspruch zu nehmen. Dieses Unterfangen gebührend zurückzuweisen, ist uns heute besondere Pflicht. Rein und ohne jeden Hintergedanken, als treue Deutsche und Patrioten, stehen heute wir an Bismarcks Grabe. In unsere Trauer mischt sich nichts von Selbstsucht und Parteiabsicht. Wahr und tief ist unser Schmerz über den Heimgang des größten Deutschen, den die Geschichte zu nennen hat, ist unsere Trauer um den Tod des Fürsten Bismarck.

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