Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 31 (5.8.1898)
- Date
- 1898-08-05
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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5*5? 62. Jahrgang. Ar. 31. Weikage «etlh, 5.lUg»M898 zur „Allgemeinen Zeitung des Iuöenthums". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. ca> Berlin, 2. August. Der Bau der neuen Synagoge in der Lützowstraße ist bereits so weit vorgeschritten, daß nunmehr die Einweihung des Gotteshauses bestimmt im nächsten Monat vor den hohen Feiertagen wird stattfinden können. Die Synagoge selbst ist genau nach dem Muster der in der Lindenstraße gebaut; sie enthält auch ebenso viele Männer- und Frauenplätze. Der einzige Nachtheil dürfte der sein, daß sie nicht so frei steht wie jene, und daß deshalb der Jnnenraum etwas dunkel sein wird. Neben der Synagoge ist ein stattliches Gebäude für die dritte Religionsschule der Gemeinde aufgeführt worden, die bisher sich mit einigen engen Räumen der Gemeindeschule in der Dersflingerstraße begnügen mußte. Hoffentlich steigt in dem neuen Hause auch die Frequenz dieser Schule wie bisher, so daß bald Parallelklassen eingerichtet werden können. Für die Synagoge ist auch bereits der Vorstand gewählt worden. Dieser besteht aus den Herren Justizrath Meyer, Maurermeister Fränkel, Naumann Alexander, Wolf Lewin, Louis Levin, Siegfried Caro und Martin Lesser. Die Einweihung des neuen Hauses dürfte genau in derselben Weise sich vollziehen wie die der Lindenstraßen-Synagoge. Auch der Gottesdienst wird zunächst derselbe bleiben wie in jener Synagoge. Denn die Revision des Gebetbuches, die von beiden Parteien angestrebt wird — wenn auch aus verschiedenen Motiven — dürfte noch ziemlich lange auf fich warten lassen. In jedem Falle wird die neue Synagoge im Westen einem wirklich tiefgefühlten Bedürfniß entsprechen und unserer Gemeinde zur Ehre gereichen. g. Berlin, 31. Juli. Im Rathhause fand gestern eine Besichtigung des großen Mühlenbruch'schen Wandgemäldes, das „Berlins Blüthezeit" darstellt, durch die Mitglieder des Magistratskollegiums statt. Das Gemälde fand allgemeinen Beifall. Von den Berühmtheiten aus den Kreisen der städtischen Verwaltung und der Gelehrtenwelt, welche auf dem Gemälde dargestellt sind, weilen folgende nicht mehr unter den Lebenden: Oberbürgermeister Forckenbeck, Bürgermeister Duncker, die Stadtvexordneten-Borsteher Kochhann und Straßmann, die Professoren Gneist und Dubois-Reymond, Helmholtz, Ranke, der große Geschichtsschreiber, und Eduard Lasker. Das Porträt unseres Glaubensgenossen, der neben Eugen Richter und Schulze-Delitzsch steht und in ganzer Figur dargestellt ist, ist von vorzüglicher Porträtähnlichkeit. Diese drei parlamentarischen Koryphäen sind die einzigen Politiker, die auf dem Bilde dargestellt sind, und ihre Auswahl ist eine besondere Auszeichnung. Unter den großen Künstlern und Schriftstellern, welche auf dem Bilde in nächster Umgebung Kaiser Wilhelms II. dargestellt sind, befindet sich kein einziger Jude, ebenso wenig unter den Professoren. Das Bild wird wegen seiner Aehnlichkeit in der Gruppirung mit Raphaels „Schule von Athen" die „Schule von Berlin" genannt. fg. Berlin, 31. Juli. Unter den am Wiener Schachturnier betheiligten Meistern, in dem unser Glaubensgenosse Dr. Tarrasch den ersten Preis von 6000 Kronen erhielt, befand sich auch ein Glaubensgenosse, Horatio Caro, aus einer bekannten Berliner jüdischen Familie. Dr. Lasker und Winawer hatten fich dieses Mal nicht betheiligt. Jedenfalls wird dies königliche Spiel nach wie vor in unseren Kreisen mit der Ausdauer gepflegt, die es als Bildungsmittel für hervorragenden Scharfsinn verdient. N. Berlin, 1. August. Die Israelitische Volksküche hat trotz der bedeutenden Theuerung der hauptsächlichsten Nahrungsmittel, namentlich der Hülsenfrüchte, auch in diesem Jahre Mittagssuppen zu fünf Pfennig verabreicht und es dadurch auch dem Aermsten ermöglicht, sich zu sättigen. Es wurden in der Zeit vom 1. Januar bis 30. Juli 1898 verabreicht: Mittags ä 10 Pf. 88956, Mittags ä 5 Pf. 140153, zusammen 229109 Portionen. An Arme unentgeltlich 13 696 Portionen. Abends ä 10 Pf. 30 301, Abends ä 5 Pf. 62 732, zusammen 93 033 Portionen. An Arme unentgeltlich 5127 Portionen. Für den Kindergarten und Kinderhort 3776 Portionen. Für die Kinder-Volksküche 10 074, zusammen 355 315 Portionen. Hierzu sind verbraucht: 57 Ctr. Rindfleisch, 25 Ctr. Rindsfett, 878 Ctr.. Kartoffeln, 159 Ctr. gelbe Erbsen, 29 Ctr. grüne Erbsen, 101 Ctr. Bohnen, 91 Ctr. Linsen, 43 Ctr. Weizenmehl, 31 Ctr. Salz, 15 Ctr. Reis, 21 Ctr. Graupen, 14 Ctr. Hirse, 13 Ctr. Zwiebeln, 87s Ctr. Backobst, 35 Tonnen Heringe. 243372 Liter Esstg, 94 090 Weiß- und Schwarzbrödchen. §2 Berlin, 2. August. Sehr interessante Untersuchungen hat der hiesige Arzt Dr. Gutzmann an mehr als 5000 Kranken über die Vererblichkeit von Sprachstörungen gemacht. Auffallend häufig hat Dr. Gutzmann die Form des S.-Lispelns bei Juden gefunden. Diese Beobachtung hat in gewisser Hinsicht geschichtliches Interesse; es gab nämlich eine Zeit, wo dieses Lispeln eine ausgesprochene jüdische Stammeseigenthümlichkeit war. Denn in der biblischen Erzählung von dem Kampf zwischen den Gileaditen und Ephraiten heißt es: „Und die Gileaditer nahmen ein die Furth des Jordans vor Ephraim. Wenn nun sprachen die Flüchtigen Ephraims: „Laß mich hinübergehen!" so sprachen die Männer von Gilead zu ihm: Bist Du ein Ephraimiter? Wenn er dann antwortete: „Nein!" so ließen sie ihn sprechen Schibolet, so sprach er Sibolet und konnte es nicht (recht) reden; sie griffen ihn und schlugen ihn an der Furth des Jordans, daß zu der Zeit von Ephraim fielen 42 000." (Richter 12.) Auch Taubstummheit ist nach Dr. Gutzmanns Ermittelung unter der jüdischen Bevölkerung viel mehr verbreitet als unter der übrigen. So fand er in Berlin auf 1000 Katholiken 3, auf 1000 Protestanten 6 und auf 1000 Juden 27 Taubstumme — es giebt ja auch seit längerer Zeit besondere jüdische Taubstummenanstalten. In 45 vom Hundert war die Taubstummheit angeboren, und bei 17,2 vom Hundert dieser lag erbliche Belastung vor, eine Zahl, die als nicht sehr hoch gelten kann. Auch taubstumme Neffen und Nichten sind beobachtet worden, wenn ein Onkel oder eine Tante taubstumm war. Die Statistik ergiebt auch, daß in blutsverwandten Ehen mehr Taubstummheit auftritt als in nichtverwandten. Da bei der jüdischen Bevölkerung Verwandtschaftsehen häufiger sind, so spricht dieser Gesichtspunkt bei der Beurtheilung der Ursachen der Taubstummheit bei Juden wahrscheinlich mit. O Nybnik, 31. Juli. Am hiesigen israelitischen Waisenhause fand am 24. d. M. die feierliche Eröffnung eines Gartenbau- und Handfertigkeitskursus für jüdische Lehrer Oberschlestens statt. Der Leiter genannter Anstalt, Herr Waisenhausdirigent Katz, hat durch Vorträge im verflossenen Winter die Lehrer und Gemeinden für diese neue Kulturaufgabe derart zu interesstren vermocht, daß nach Verlauf weniger Monate das Werk zu Stande kam. Der Synagogengemeindeverband des Regierungsbezirks Oppeln, etliche hochherzige Gemeinden Oberschlesiens und einige Vereine zur Hebung des Ackerbaues und Handwerks unter den Juden subventionirten den Kursus, der theils vom rühmlichst bekannten Kreisobergärtner Kynast aus Piskretscham, theils vom Anstaltsdirigenten geleitet wird. Der Lehrgang des zehntägigen Kursus umfaßt folgende Gegenstände: Allgemeines über die wichtigsten Kulturpflanzen zum Betriebe des Gartenbaues, die Bodenbearbeitung im Allgemeinen, die Einrichtung eines Hausgartens, die Anlegung einer Baumschule und deren Bewirthschaftung, die Einrichtung eines Obstgartens im Besonderen, die wichtigsten Veredelungsarten und ihre praktische Anwendung, die Pflege der Obstbäume, Beerenobstkultur, Obstverwerthung, T opspflanzenkultur, Blumenzucht, Bienenzucht und Kerbschnitt. Zur Eröffnungsfeier hatten sich im Festsaale der Anstalt der Vorstand und die Repräsentanten der hiesigen Gemeinde eingefunden. v. Dülmen, 1. August. Am 24. v. Mts. fand in Münster i. W. die Sommerkonferenz des Bezirksvereins Münster (Zweig des Vereins israelitischer Elementarlehrer in Rheinland und Westfalen