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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-08-05 · Heft 31 (5.8.1898) · p. Seite 372

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 31 (5.8.1898)
Date
1898-08-05
Page
Seite 372 (sequence 12)
Language
German
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372 „Nit schlecht!" rief mein neuer Freund aus Trebitsch aus, als ich ihm erzählte, daß inan hier an der Existenz meines alten Freundes Reb Chajjims zweifle. „Sie sollen so leben, wie er lebt!" Eine so geistvolle und milde Behandlung der historischen Konlekturalkritik habe ich in philologischen Zeitschriften noch nie gefunden; möge sie den gelehrten Herren als Muster dienen. Und dann erzählte der Trebitscher wie zum Beweise für seine Worte wieder eine allerliebste neue Geschichte, die unserem Freunde in diesem Winter Passirte, und die jeder Kenner sofort als einen echten „Grünwald" erklären wird. Bei einem Hochzeitsmahl war es. Man hatte ihn neben eine jener Frauen postirt, die in dem gefährlichen Alter von 20—50 Jahren sind, d. h. von denen man nicht sagen kann oder darf, wie alt sie seien, die aber trotzdem den vollen Anspruch auf das Prädikat einer schönen Frau noch erheben zu dürfen vermeinen. Der Ehrensitz neben dieser Moudaiue erheischt Kavalierpflichten, das wird unserem Freunde sofort klar. Aber wie sich derselben entledigen? Das ist schon viel schwerer, wenn man nie in der großen Welt verkehrt und von der Existenz eines Komplimentirbuchs keine Ahnung hat. Lange wälzt Reb Chajjim seine Gedanken hin und her, um zu einer passenden Ansprache an seine Tischdame zu gelangen. Endlich hat er's, und mit der liebenswürdigen Naivetät, die ihn so gut kleidet, beginnt er, sich zu der schönen Frau wendend, mit den Worten: „Ihnen hätt' ich gern gekeimt, wie Se jung gewesen sein!" Und solch ein Mann sollte nicht existirt haben? In der That, hier ist auch der geringste Zweifel schon ein Verbrechen an der Majestät der Thatsachen, die keine Kritik in Abrede stellen darf. Nein, bis auf den Chalif will ich die Existenz meines klugen Freundes gegen alle Zweifel vertheidigen und sein Dasein aller Kritik gegenüber sicherstellen. Solche Kritik mag ja ihre Berechtigung haben gegenüber einem Wippchen und anderen Gestalten der humoristischen Laune zeitgenössischer Schriftsteller — Chajjim Grünwald aus Loschitz in Mähren gegenüber wird sie aber zu Schanden. Er hat nichts gemeinsam mit jenem legitimistischen Marquis mit den drei Lilien, von dem Theodor Fontane in dem neuesten Bande seiner Erinnerungen so hübsch erzählt. Diesen Marquis hatte nämlich Georg Hesekiel als Redakteur der „Kreuzzeitung" für die von ihm selbst fobrizirten Korrespondenzen aus Paris erfunden. Jahre lang spukte er in den Spalten des frommen Blattes, und sämmtliche Krautjunker in Ostelbien schwuren auf sein Wort. Eines Tages mußte Hesekiel nach Karlsbad reisen. Da es ihm hier an Stoff für Pariser Korrespondenzen fehlte, so ließ er auch den Marquis mit de» drei Lilien die Reise hierher antreten und von hier aus Briefe schreiben. Nun wurde die Sache aber brenzlich, und es blieb schließlich dem guten Hesekiel nichts anderes übrig, als seinen Marquis hier am Sprudel eines plötzlichen Todes sterben zu lassen. Nein, mit diesem Marquis ist Chajjim Grünwald nicht in eine Reihe zu stellen. Sein Dasein ist geschichtlich bezeugt. Und wenn von ihm alle historischen Quellen schwiegen, „so würden tausend Steine redend zeugen", die tausend Ziegel nämlich, die er zur Renovirung der „Schul" in seiner Heimathgemeinde hergegeben, ohne zu „mucksen", wie der Chase» rühmend von ihm sagte. Aber freilich, was nützt mir sein Dasein, wenn er nicht hier ist? Wohl mag er athmen im rosigen Licht, hier unten aber ist's fürchterlich, um mit Schillers verehrtem Taucher zu reden. Denn es regnet Tag für Tag, und wenn's genug geregnet hat, dann fängt's von vorn an. Außerdem ist es drückend voll hier, und an einem solchen regnerischen Nachmittag kann man bei Pupp oder in den Mühlbrunnkolonnaden einen ungefähren Geschmack dessen empfinden, was sich in der Arche Noahs während der Sintfluth zugetragen hat, Ueber den Jammer dieser Situation helfen einem nicht einmal die besten Witze und die komischsten Situationen hinweg. An beiden fehlt es auch diesmal hier wahrhaftig nicht. So behauptete Jemand, er hätte jüngst gerade in der Mühlbrunnkolonnade den guten „Vater Plötz," der nun inzwischen auch zu seinen Vätern versammelt wurde, zwischen einem polnischen Juden und einer dicken Bankiersfrau friedlich zum Allheilquell ziehen gesehen. Ein Anderer will gestern sogar Emile Zola begegnet sein, und von Mund zu Mund ging heute Morgen im Posthof die Frage: „Haben sie schon Zola gesehen?" Wo mehr als zehntausend Staubgeborene müßig gehen, da ist nicht nur der Anfang aller Laster, sondern auch der Mittelpunkt aller erdenklichen Erfindungen, Abenteuer und Legenden, recte Lügenden. Es wäre für die Volkspsychologie nicht uninteressant, einmal das Gespräch-Repertoir eines solchen Karlsbader Tages zusammenzustellen. Vielleicht versuche ich's einmal; für heute aber will ich schließen. Denn es ist bereits Val Uhr Mittags — und wenn ich fünf Minuten später zu Glattaucr komme, so riskire ich, keinen Apfelstrudel mehr zu bekommen. Diesen Schmerz will ich mir aber ersparen und mir deshalb mit einer hübschen Kindergeschichte einen passenden Abgang machen, die ich gestern Morgen zwischen Lipp' und Kelchesrand im Stadtpark aufgeschnappt habe. Zwei werihe Glaubensschwestern mit sehr vielen Kilo Liebreiz promcnirteu dort an der Kaiserquelle und erzählten sich natürlich Wundergeschichten von ihren verehrten Kindern. „Mein Kodi", fing die Eine an. „schlagt gottlob ganz in meiner Familie. Das Kohu'sche Blut fließt in seine Ader»; er werd, der liebe Gott soll ihn gesund lassen, ka Schläfer un ka Raunzer wer'». Wie me hat ihn neulich ins Bettel gelegt, hat er nix gewollt das Nachtgebet sagen, was ihm die Kinderfrau gelernt hat: „Miede bin ich, geh' zur Ruh, schließe meine Eiglein zu" — de sieße, schwarze Eiglein, die er ganz von mir hat. Und wie ich ihm frag, warum er nix beten will, sagt er: „Weil man den lieben Gott nix anlügen darf, denn erstens bin ich nix müd', un zweitens Hab' ich die Eiglein ganz offen!" Was sagen Se daderzu? Ham Se das von ä Kind in dem Alter schon emal verlebt?" Die. Antwort der Frau Rosendnft habe ich leider nicht gehört und bin deshalb auch nicht in der Lage, niitzutheilen, ob sie Derartiges nicht wirklich schon erlebt habe. Ich schließe deshalb für heute mit dem Ihnen wohlbekannten Karlsbader Appetit als Ihr verehrungsvollst ergebener 6. K. aff* Sprechsaal. Sehr geehrte Redaktion! bitte Sie, in der nächsten Nummer gefälligst ausdrücklich zu bemerken: „In dem Aufsatz von Frau Regina Neisser: „Ein wunder Punkt" muß es heißen: „vor mehreren Jahren!" nicht vor mehreren Wochen!" und seit Luise Ottos Tod sind drei Jahre, nicht ein Jahr, vergangen." Breslau, 29. Juli. Regina Neisser. * Krirfk asten der Redaktion. A. H. in Sch. Das Unternehmen erscheint aussichtslos, da die Gegend nach dieser Richtung bereits versorgt ist. R. Es ist sehr schwer, in diesem Fall einen Rath zu geben. Aber es dürfte Ihnen doch kwhl nichts anderes übrig bleiben> als eine neue Stelle zu suchen. | Druck und Vertan van Rudvls Masse in Berlin. VerantwvrtUch U°n Die Aedallian: i)iu£ Bauchwitz in Berlin.

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