Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 31 (5.8.1898)
- Date
- 1898-08-05
- Page
- Seite 371 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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371 fremde Besitzung angeiuaßt. Ich spreche im Namen der beraubten Erbin von Edom!" Der Hebräer schlug mit Wuth an seinen Säbel. „Nie geschehe solcher Raub an Israels Macht!" rief er erzürnt. „Du hast große Forderungen, Sohn des gefallenen Edom. Du bist stolz auf die Räuber zu Damaskus und denkst den Sieg zu gewinnen. Aber der Muth Edoms ward hingewürgt durch David und Joabs Schwert und die Knechte Salomos!" Der Prophet heftete seine leuchtenden Augen auf Jerobeam, und deutlich sprach sich in seinen Zügen ein mit auffallender Zärtlichkeit gemischter Stolz aus. Sprach doch Jerobeam wie aus der Seele des eigensinnigen, begeisterten Hebräers! „Denkst Du auf solchem Trotz zu bestehen. Flüchtling aus Israel?" rief der Edomiter höhnisch. Im Auge des Hebräers blitzte eine ungezügelte Leidenschaft empor. „So ist's, Edomiter!" rief er aus. „Und möge der Fluch Jehovahs auf Dein Unternehmen fallen!" Der Edomiter lachte mit Hohn. „Ich will mich in den Schooß der großen Mutter Isis flüchten!" versetzte er kalt. „Reicht bis dahin der Fluch Eures Gottes?" Die beiden Hebräer spuckten aus, und die Wuth raubte ihnen die Sprache. „Und somit helfe uns Aegypten!" sagte Reson entschlossen und wandte sich, um fortzugehen. Die beiden Hebräer wechselten von Neuem einen seltsamen Blick Dann sagte Jerobeam mit erzwungener Ruhe: „Vertrauest Du auf Aegyptens Hilfe?" Reson blieb einigermaßen betroffen stehen und musterte die höhnischen Züge der beiden Hebräer. „Ich vertraue!" erwiederte er dann ruhig. „Naömi wurde an Pharaos Hof erzogen, und ihr ward Hilfe versprochen. Und warum nicht? Pharao Sisak ist der gewaltigste König zwischen dem Euphrat und den Wüsten Lybiens. Die Macht Salomos ist gesunken, da er den fremdem Weibern unterthänig wurde und die Tempel Eures Gottes verachtete. Und darum wird Pharao Sisak siegen." Ter Blick, den Jerobeam jetzt dem Propheten zuwarf, drückte Erstaunen aus. Ahija aber zuckte verächtlich die Achseln. „Und ist Nasmi in Deiner Gewalt?" wandte sich Jerobeam nach einer Pause an Reson. „Die Erbin Edoms ist frei!" versetzte der Edomiter rauh. Jerobeam schüttelte das Haupt. Dann versank er in tiefes Sinnen, während deffen Reson befremdet beide Hebräer anblickte. Endlich tratJerobeam mit freundlichem, frcimüthigem Wesen näher. „Scheide nicht im Zorn, tapferer Sohn Edoms," sagte er ernst. „Die Stunde ist der Vereinigung unserer Wünsche nicht günstig, aber nicht trenne das Schicksal so tapfere Männer. Ich scheide aus dieser Stadt und gehe, ferne Könige zu meiner Unterstützung aufzusuchcn. Doch bleibt der Mann Gottes hier, und sein Pfad geht »ach den Städten Israels. Bleibe in seiner Nähe, und Du wirst Nachricht von mir empfangen. Was immer aber geschehe: hebe das Schwert des Aufruhrs nicht früher als Jerobeam. Bist Du aber von unserer Treue nicht überzeugt, so stehe es Dir frei,. Dich des Bündnisses zu entschlagen. Vertraust Du mir?" \ „Ich glaube, ich kann es thun," versetzteXder Edomiter, in das stolze, schöne Antlitz des Hebräers blickend. „So reiche mir die Hand," fuhr Jerobeam fort, „und so lange Du vertrauest, beginne den Aufruhr nicht. Unsere Treue aber wird Dir nie verdächtig werden l" ■1 Der Edomiter reichte die Hand hin, die Jerobeam freundlichst schüttelte. Der Phrophet blickre aber düster die beiden Krieger an und schüttelte das Haupt. Einige Minuten später hatte Reson das Haus der beiden Hebräer verlassen. (Fortsetzung folgt.) Kriselt riefe. i. 4 Karlsbad, im Juli. lauben Sie wirklich, auch in diesem Jahre noch neuen Stoff zu Briefen aus Karlsbad zu finden?" Diese war eine der ersten Fragen, die am Marktbrunn gestern an mich gerichtet worden sind. Ich habe die höfliche Einkleidung wohl verstanden, denn eigentlich meinte der verehrte Zeitgenoffe: Du hast Karlsbad schon tüchtig abgeklappert! Laß nun genug sein des grausamen Spiels!, Müßte ich befürchten, daß diese Anschauung auch von der Majorität der Leser, die mir seit Jahren mit seltener Treue auf verschiedenen Kreuz- und Querfahrten gefolgt sind, getheilt würde, dann stünde es allerdings traurig um meine Karlsbader Briefe. Ich bin aber in der angenehmen Lage, das Gegentheil nicht nur versichern, sondern auch beweisen zu können, und gehe deshalb über die obige Frage des nörgelnden Glaubensgenossen mit jenem journalistischen Glcichmuth hinweg, den dreißig Jahre „rinentwegter" Thüiigkeit in diesem Berufe auch dem Empfindlichsten wohl zu verleihen im Stande sind. Wir sind also wieder in Karlsbad und trinken am Marktbrumr und effen bei Glattauer und plaudern im Kaiserpark: Die gelehrten Freunde aus Budapest und Wien, der bewährte Freund aus der Hauptstadt Luegers, und die Korona ans Lemberg, Krakau und den umliegenden Weltgegenden, die die gelehrten Mittheilungen und die guten und schlechten Witze, die in der Tafelrunde gemacht werden, wie der Chor in der antiken Tragödie mit ihren Bemerkungen abrunden. Nur Einer fehlt, Einer, aber ein Löwe — nämlich mein alter Freund Chajjim Grünwald, dessen sich meine gütigen Leser noch sicher gern erinnern, den sie gewiß auch lieb gewonnen haben wegen seines unverwüstlichen Humors, wegen seiner herzerquickenden Naivetüt. Er fehlt, und Keiner vermag ihn zu ersetzen. Und weil er fehlt, hat die historische Kritik, die ja vor keiner Frevelthat zurnckschreckt, seine Existenz überhaupt anzutasten gewagt, und sogar die Legende hat sein graues Haupt bereits mit einem Strahlenkranz umwoben. Etwas zaghaft meinte kürzlich eine schöne Frau aus Frankfurt a. M.: „Hat denn dieser Chajjim Grünwald wirklich existirt?" indeß der gelehrte Historiker aus Budapest kühn behauptet: „Chajjim Grünwald hat nie gelebt!" Welch ein Frevel! Mein alter Freund Chajjim mit der deutschen und der jüdischen Brille, der Man», vor dem halb Loschitz zitterte, der mit seinem Scharfsinn jeden gordischen Knoten zerhieb, dem hier weder der Fürst von Bulgarien noch der Sultan von Johore imponirte, weil keiner von Beiden ein solcher Lat Tefilla war wie er, — dieser Mann sollte nicht existirt haben? Und wo sollten wohl die vielen klugen und geistvollen Wörtchen und Witzchen Herkommen, die alle auf seinen Namen gehen? Nein, Reb Chajjim, Du lebst, und wenn Du auch gegenwärtig nicht mit uns über das Effen bei Glattauer oder über den Zählkellner bei Pupp raisonnirst, so denkeir wir Deiner doch in aller Liebe, und keine historische Kritik soll uns den Glauben an Deine Existenz rauben.