Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-08-05 · Heft 31 (5.8.1898) · p. Seite 368

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 31 (5.8.1898)
Date
1898-08-05
Page
Seite 368 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228289--54791-3290959
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

368 schämt fortläuft. Dann liest er von Sabbathai Zewi und hält sich für einen Propheten, lockt in der Nacht Waisenkinder aus ihrer Anstalt ohne daß man recht weiß, was er mit ihnen vornimmt, steht vor einer Kirche und möchte sie verbrennen, wird verfolgt und findet einen Schlupfwinkel bei einer jüdischen Tänzerin, die auch irgend eine große Aufgabe, man weiß nur nicht welche, zu vollbringen meint, ist auf dem Maskenball und im weichen Bett, auf der Landstraße und am Starnberger See und heirathet schließlich ein Mädchen, das ein Anderer vor ihm genoffen hat. Dann aber wälzen sich tolle Bilder, in denen Juden und Christen bunt durch einander Vorkommen; von der Mitte des Romans an hat man den Eindruck, der Verfasser habe vergessen, daß er seinen Roman „Die Juden von Zirndorf" betitelt hat. Der Autor, dem Namen nach ein Jude, ist gewiß noch ein sehr junger Mann; auf dem Umschlag des Romans werden nur zwei seiner Werke, beide im Jc.hre 1896 erschienen, aufgezählt. Talent hat er gewiß, aber es ist noch alles höchst roh und unreif. Er wird noch lange brauchen, um wirkliche Kunstleistungen zu schaffen. Aber bester wäre es für ihn wie für uns, wenn er daffelbe Milieu, das die meisten seiner jugendlichen Genoffen wählen, auch zu seiner Schilderung nähme und das jüdische Wesen bei Seite ließe. Denn derartige unwahre und unmännliche Charaktere existiren entweder nicht oder lohnen keine Schilderung. Daß ein siebzehnjähriger Schulknabe aus Rache für eine ihm angethane Unbill seinen Peiniger niedersticht — natürlich heimlich in der Nacht —, niemals darüber eine. Gewiffensqual empfindet, keinen Versuch macht, das Verbrechen zu sühnen, sein Leben lang von Niemandem beargwöhnt wird, ebenso wie er am nächsten Morgen ganz ruhig, als wäre nichts geschehen, zur Schule geht, — das dürfte außer dem Versaffer des Romans wohl schwerlich ein Anderer glauben. Die Reden, die dieser junge Weltbeglücker hält von einem christlichen Gefühl, das er in sich trägt, von einer neuen Zeit, die kommen, und von einem neuen Geist, der sich entwickeln soll, sind, um das mildeste Wort zu gebrauchen, noch recht jugendlich. Als einzige Probe dieser Weltbeglückungstheorie mag folgender Satz dienen, der aus einer Anrede der Tänzerin an den Prophetenjüngling entnommen ist. „Daß wir beide Juden sein müssen!" rief sie aus, als sie sich in einen Winkel gesetzt hatte. „Ich fühle das ganze Alter des Judenthums auf meinen Schultern und alle seine Verbrechen, alle seine Leiden. Ich habe alle seine Fehler in mir; ich bin der pure Verstand und die pure Schwäche. Ich bin grüblerisch und scheu, feig und frech, ich liebe die Nacht und das Orgelspiel und bin gern geistreich, wie Du siehst. Und Du, was bist Du eigentlich? Wie kommst Du zu »iis mit Deiner reinen Stirn? Du sollst ja auch ein Wunderthäter sein. Ja, ich spüre es. Wenn Du willst, bin ich Deine Magd. Das habe ich Dir schon einmal versprochen. So werden alle Worte wahr. Mein Gott, mein Gott, wie kann man so viel reden! Der reine Brunnen versiege nicht." Wie man aus dem Vorstehenden erkennt, kann der Leser aus diesen beiden Erzählungen reinen Genuß nicht schöpfen. Immerhin ist das Jugendwerk des gereiften christlichen Mannes bei Weitem erfreulicher als die Romanstndie des jugendlichen Brausekopfs. Sollten unsere jüdischen Schriftsteller nicht geneigt sein, uns auch einmal einen deutsch-jüdischen Roman zu geben? Man möchte meinen, unsere Zeit fordere dringend dazu auf. Antisemitismus und Zionismus, Begeisterung für deutsche Gesittung und Ablehnung angeblicher deutscher Forderungen und Ansprüche — das ganze sehnsüchtige Verlangen, sich ganz mit dem Volke zu vereinen, dem man durch Jahrhunderte lange Kultur und Gesittung angehört, und daneben der pietätvolle Zug, der die Einen zum Orient, die Anderen zu den althergebrachten Sitten zieht, was gäbe das einem Dichter für einen Stoff! Und welche Konflikte, wenn hier die Liebe sich einmischt! Wo aber findet sich ein Autor, der Derartiges behandeln möchte, und vielleicht, wenn sich ein Autor fände, wer würde das Werk lesen? Zacharias Frankei in Berlin. Von Dr. S. Bernfeld. IV. rankel ging also im Sommer 1836 nach Dresden, von wo aus er eine segensreiche Thätigkeit nach aflen Richtungen hin entfaltete. Die armseligen Verhältnisse, die er in seiner Gemeinde vorfand, schreckten ihn nicht im Mindesten ab. Insbesondere nahm er sich des Jugendunterrichts und der Regelung des öffentlichen Gottesdienstes mit Willensstärke und Beharrlichkeit an. Sein religiöser Standpunkt war jber des besonnenen Liberalismus. Der Gedanke von der historischen Entwickelung des Judenthums fand in diesem kenntnißreichen Mann, der den Werdegang der jüdischen Lehre in allen seinen Stadien erforscht hatte, einen kraftvollen Vertreter. So wie er mit aller Entschiedenheit gegen das sprunghafte Wesen der damaligen Reformbewegung auftrat, so hielt er auch mit seinem Urtheil gegen Jene nicht zurück, die das Judenthum wie ein versteinertes Gebilde betrachteten und behandelten. Von dem ersten Augenblick an, in welchem Frankel nach Deutschland kam, wurde er allen Erwartungen gerecht, die man in ihn gesetzt hatte. Joseph Muhr blieb in regem Briefwechsel mit Frankel. Er verfolgte dessen segensreiche Wirkung in Dresden mit großer Aufmerksamkeit. Unterdessen war er unablässig bemüht, für Frankel in Berlin den Weg zu ebnen. Im Anfang des Jahres 1838 stand der Berufung Frankels nach Berlin nichts mehr im Wege, was ihm Muhr am 15. Mürz mittheilte. Darauf schrieb dieser an seinen Berliner Freund wie folgt: „Geehrter Herr und Freund! Ihr inhaltreiches Schreiben vom 15. März hat mich in Versuchung gebracht und in einen mächtigen Kampf zwischen meinem Gewissen und der Freundschaft und glänzenden Aussichten. Ich soll nach Berlin gehen, wünschen Sie, ich fühle mich nicht abgeneigt, ich sehe mich sogar auf mancher Seite gedrungen, dem Rufe Gehör zu geben; aber mein Gewissen sagt mir laut, daß dies schlecht gegen Dresden gehandelt wäre, daß durch mein Weggehen nicht nur das Halberstandene in Nichts zurückstnken, sondern daß in einer langen Reihe von Jahren hier nichts erstehen und der Muth zu jedem ferneren Unternehmen fehlen würde; kurz, ich sehe ein, daß ich durch meine anderthalbjährige Anwesenheit zu Dresden nur geschadet haben würde, und diese Gemeinde wäre ganz zu Grunde gerichtet. Sagen Sie mir, mein Freund, wie soll ich da mein Gewissen beschwichtigen? tpgj jirTH pKsMan darf nicht den Einen für den Anderen opsern.j Sie werden in Berlin doch wohl eher Jemanden finden oder schlimmstenfalls noch einige Zeit sich gedulden; hier aber würde mein Abgehen einen schädlichen Umsturz Hervorbringen; und kennten Sie genau den Stand oder besser den jetzigen Zustand meiner Gemeinde, Sie würden von dem Gewicht meiner Gründe gewiß ganz durchdrungen sein. Ich leugne es nicht, daß mein Wirkungskreis zu Berlin größer sein würde denn der hiesige; mein Standpunkt wäre ehrenvoller, meine Einkünfte auch bedeutender; aber mein Gewissen wäre verletzt, mein Inneres mit Vorwürfen erfüllt, und meine künftige Gemeinde selbst würde nicht ganz Vertrauen zu mir fassen können; denn was bürgte ihr, daß ich nicht auch sie bei einem lockenden Anerbieten verlasse? Ich habe die Sache genau erwogen und mit der Antwort gezögert. Ich habe mich befragt und wieder befragt, und stets sagte mir mein Pflichtgefühl, daß ich für jetzt von hier nicht Weggehen darf. Es wird

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.