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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-08-05 · Heft 31 (5.8.1898) · p. Seite 367

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 31 (5.8.1898)
Date
1898-08-05
Page
Seite 367 (sequence 7)
Language
German
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„J«IJJl,!.;iJl,y.fll / 367 Köpfchen ist ebenso wenig glaubhaft wie die Umkehr von Romantik zur gesunden Realität. Sie liebt nämlich den jungen Hellem, der sie als Kind aus den Fluthen rettete, trotzdem zürnt sie der Thamar nicht, die ihr jenen abspenstig macht. Sie befreundet sich mit ihr in einer romantischen Weise, die uns bei Pensionsfreundinnen, sogenannten höheren Töchtern, wahrscheinlicher dünkt als bei diesen Kindern einer vergangenen Zeit; und trotz dieser Liebe und Sentimentalität giebt sie nur gar zu bereitwillig den Bewerbungen des jungeil Tischlermeisters Gehör und wird mit bewundernswerther Schnelligkeit ihre ehemaligen Liebesempfindungen los. Der seltr samste christlich-moderne Zug tritt jedoch in der Gestalt des Jsachar hervor (warum schreibt Jensen stets Jsaschar?), des Bruders Kalebs, * der gerade zur Zeit der Pest-Epidemie als Bruder Dominicns, der Führer der Geißler, nach Köln zurückkehrt. Durch eines jener! Wunder, die eben nur dem Dichter möglich sind, trifft er seinen Sohn, rettet den Erkannten, vernichtet den vor Jahren vollzogenen Glaubenswechsel, dem, wie man annehmen müßte, doch auch eine innerliche Umwandlung zur Seite ging, erklärt sich als Juden, wird von seiner Familie, die ihn verflucht hatte, wieder ausgenommen, gedenkt mit ihr zu leben und zu sterben und spricht, damit sich dem einen Wunder sofort das zweite anschließe, gleich wieder, sobald k. er sein jüdisches Herz erkennt, sein Jüdisch-Deutsch, das ihm Jahrzehnte laug abhanden gekomnien war. I Die Darstellung ist wenig plastisch und klar. Wie die Retter in die Judengaffe und in das Judenhaus, wie die Geretteten aus ihrem Hause kommen, dürfte schwerlich irgend ein Leser ganz verstehen. Wir verlangen nicht in thöricht naturalistischer Weise bei Stadtgeschichten einen vollkommenen Ortsplan, aber wir verlangen, daß eine solche Darstellung anschaulich und verständlich sei. Auch historische Einzelkenntntffe braucht ein Romanschrciber nicht sonderlich zu besitzen. In seiner archaistischen Weise geht Jensen, der gewiß gute Studien zu seinem Werk gemacht hat, so weit, uns einzelne Urkunden jf im Wortlaut mitzntheilen. Uns wäre lieber gewesen, ein glanb- < hafteres Bild aus dem 14. Jahrhundert vor uns zu sehen. Denn I ich habe den Eindruck, als wenn ein paar Seiten aus Freytags „Bildern" uns lebendiger in jene entsetzliche Zeit eiuführten als die ganze Jensen'sche Novelle. Sie handelt von einer Krankheit; deswegen werden wir nicht verlangen dürfen, daß ihr Verfaffer mit allen medizinischen Einzelheiten vertraut ist. Vielleicht kommt für manche Zartbesaitete schon etwas zu viel vom Wesen der Krankheit vor. Recht lächerlich aber wirkt wohl für Jeden, daß die beiden mit einem schwachen Anlauf zum Humor geschilderten Aerzte durch einen plötzlichen, im Augenblick tödtlich wirkenden Fall dahingerafft werden, während sie gerade 4 im Begriff sind, etwas ganz besonders Thörichtes zu thun. j Auch wird man von einem Schriftsteller, der eine Novelle aus q dem jüdischen Leben schreibt, keine bis in die kleinsten Einzelheiten! gehende Kenntniß jüdischen Wesens verlangen dürfen, sondern eine j allgemeine Bekanntschaft. In dieser Beziehung genügt, wie ich! glaube, der Alltor mäßigen Ansprüchen. Ganz unjüdisch scheint mir nur das Eine: daß der alte Kaleb, und zwar von einem jüdischen Künstler, in der Mitte des 14. Jahrhunderts ein großes Bild hat malen lassen, das die Szene der Vertreibung und Ermordung seiner eigenen Familie darstellt, ein Bild, das er sorgfältig verwahrt, Keinen sehen läßt, und das die Sehnigen daher erst zum Schluß wider seinen Willen kennen lernen, j Jensens Geschichte ist keineswegs ein Kulistwerk ersten Ranges. Aber es ist eine wackere Arbeit, ein lesenswerthes Buch, das dem geschätzten Autor auch die Sympathie eines großen jüdischen Leserkreises verschaffen oder erhalten dürfte. Während man von diesem Buch, ohne es zu verherrlichen, mit Achtung und Ernst sprechen kann, kann -man dies von? dem zweiten Buch nicht. An Wassermanns Roman ist alles ge- \ schmacklos. Titelblatt, Einleitung und das Werk selbst. Das Titelblatt zeigt in aufdringlicher Weise einen siebeiiarmigen Leuchter. l Wollte der Verfasser dadurch etwa seine gediegene Kenntniß jüdischer s Sitten zeigen? Denn in dem Roman kommt ein solcher Leuchter . j auch nicht mit einem Wort vor. Auch die Einleituilg ist irreführend. j Denn sie geleitet den Leser ins 17. Jahrhundert und giebt ein mit schreienden Farben gemaltes, aber höchst ungeschichtliches Bild über , Stimmung und Gebühren der Juden in einem Theile Baierns } während des 17. Jahrhunderts, zur Zeit, als die Nachrichten von ji Sabbathai Zewis seltsamer Prophetenrolle nach Deutschland kamen.! Nirgends in dem Roman wird auf die Einleitung verwiesen. Man müßte denn die Stelle meinen, wo der Hauptheld die | Schriften des genannten Schwärmers liest, ohne indessen daraus j Anregung zu schöpfen, ein Reformator des Judenthums zu werden.; Wollte man sonst einen Zusammenhang zwischen Einleitung und Roman aufspüren, so müßte man daran denken, daß der Autor in gewisser Weise nach modern-französischem Rezept die Wirkung einzelner Ideen in verschiedenen Generationen in der gleichmäßigen Geistes- und Charakterentwickelung nachfolgender Geschlechter mit den vorangehenden aufzuzeigen wünschte. Die Juden im 17. Jahrhundert, angesteckt durch messianische Ideen, ergaben sich nach Wasserj manns Behauptung sinnliche» Genüssen, entflammenden Tänzen und berauschten sich in feurigen Getränken. Das möchte die Aehnlichkeit j sein, welche zwischen den baierischen Landjuden des 17. und den Zirndorfer Israeliten vom Ende des 19. Jahrhunderts herrscht. j Und auch die Aehnlichkeit könnte hervorgehoben werden, daß dem Judenhaß des 17. Jahrhunderts der Antisemitismus des 19. gleicht, wenn dieser auch nicht in so wilden und gesetzlosen Ausbrüchen sich; kundgiebt.! Die Einwirkung der nioderuen Franzosen kann man außerdem besonders in einzelnen Bildern erblicken; der Verfasser weiß mit ' knappen Worten merkwürdige Situationen, besonders die Erlebnisse der Haupthelden zu schildern. Es ist, als wenn er sich habe Bilder zeichnen laffen, die er dann in Worte umsetzt. Wie der Held an einen Ast sich klammert über dem gurgelnden Waffer, bis der Vater zurückkommt. Wie der Held mit der Fackel vor der Kirche steht, in drohender Geberde, mit drohenden Worten. Selbst die groteske Szene, wie das junge Mädchen im Ballsaal ihres Vaters dessen Gäste über ein gespanntes Seil springen läßt, meint mau vor sich zu sehen, ebenso die Szene, in der der alte Goldmacher, in der Hoffnung, Maffen des ersehnten Materials fabriziren zu können,; das Wenige, das er besitzt, überall vertheilt und nun von einem Haufen Elender und Habsüchtiger bedrängt wird. Solche Szenen , indessen verrathen wohl eine gewisse Kunst plastischer Schilderung, machen aber kein Ganzes. Der Roman heißt: „Die Juden von Zirndorf". Er könnte ebenso gut heißen: „Der Tod des Königs Ludtvig von Baiern", „Der angekränkelte Schulmeister", „Der Goldmacher", „Die jüdische Tänzerin". Denn alle diese Personen und gar manche andere kommen wirklich vor; die Episoden, in denen von ihnen erzählt wird, haben nur losen Zusammenhang mit einander, wie eigentlich * das ganze Buch in willkürliche Szenen zerfällt. : Der Held ist ein junger Mensch von 17 Jahren, der einen ' christlichen Wirth ermordet, einen gegen die Lehrer und das Schul-; wesen gerichteten Aufsatz schreibt, infolgedessen er aus der Schule - verwiesen wird, dann ein bischen Messias spielt, abwechselnd liebelt | und den keuschen Joseph kopirt, sich die Hände küffen läßt und be- A

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