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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-08-05 · Heft 31 (5.8.1898) · p. Seite 366

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 31 (5.8.1898)
Date
1898-08-05
Page
Seite 366 (sequence 6)
Language
German
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EWMMEWWUWM.»a4 qM 3C6 Iwer jüdische Erzählungen. Von Prof. Dr. Ludwig Geiger. Oj*n zwei voraufgeheuden Studien habe ich mich mit jüngst ervyj schienenen Dramen beschäftigt, von denen das eine einen nicht C3^ ganz jüdischen Stoff in unjüdischer Weise behandelte, das andere durchaus moderu-jiidische» Inhalts war. Unsere heutige Betrachtung gilt zwei jüdischen Erzählungen. Ich verfolge die neuere Romanlitteratur nicht berufsmäjjig und darf mich daher keiner vollständigen Kenntniß rühmen. So viel aber darf ich wohl sage», ohne fürchten zu müssen, Widerspruch hervorzurufen, daß die neuere deutsche Romanproduktion, soweit sie den Juden gilt, sich mit einer zwar nicht völlig unerklärlichen, aber bedauerlichen Vorliebe mit außerdeutschen Verhältniffen beschäftigt. Die Autoren solcher Ro»u.»e und Novellen, ihrem Ursprünge nach meist nicht reindeutscheu Ländern angehörig, schildern mit Vorliebe die Länder, deren Verhältnisse ihnen seit ihrer Kindheit vertraut sind, und führen uns in Zustände ein, die wir mit Interesse, vielleicht auch mit Shinpathie kennen lernen, mit denen toir aber innerlich keine Fühlung besitzen. Mir ist es zwar unerklärlich, wie jüdische Romanschriftsteller, die in Deutschland leben, sobald sie überhaupt in ihrer Produktion jüdischen Dingen ihren Blick zuwendeu, nicht' das Bedürfniß, ja nicht einmal die Neigung zu empfinden scheinen, die deutsch-jüdischen Verhältnisse der Gegenwart darzustellen. Börnes leider auch den Juden unbekannte Novellenskizze — denn es ist nicht einmal eine ausgeführte Novelle — „Der Roman", in dem das Schicksal eines jüdischen Obersten vorgeführt wird, der von seinem Plan, ein adeliges Mädchen hcimzuführcn, abstehen muß, sobald sein väterlicher Glaube entdeckt wird, hat merkwürdigerweise keine Fortsetzung erhalten. Auch die beiden Romane, von denen ich die Leser unterhalten möchte, sind halb oder ganz historisch: Jensen, „Die Juden zu Köln", und Wassermann, „Die Jude» von Zirndorf"?) Jeusens Arbeit ist nicht jetzt zum ersten Male erschienen. Vielmehr ist sie vor einem Menschenalter etwa zuerst veröffentlicht, leider aber heute vielleicht zeitgemäßer zu nennen als in der Periode ihres ersten Erscheinens. Wir haben es freilich in Deutschland noch nicht zu Judenmorden gebracht, und von den mittelalterlichen Anklagen ist diejenige. Brunnen vergiftet zu haben, noch nicht wieder aufgetaucht. Aber neue Auflagen des Ritualmordmärchens wagen sich stets aufs Neue vor. Jensens Werk führt nach Köln in die Zeit des schwarzen Todes. Die Krankheit wird durch einen jungen Juden, Hellem, der zuletzt in Frankfurt lebte, »ach Köln gebracht. Die Wuth des Pöbels richtet sich gegen ihn sowie gegen die Familie des reichen Kaleb, der von ihm als Vater betrachtet wurde, in Wirklichkeit aber sein Onkel ist, gegen dessen Frau Lea und seine Tochter Thamar. Zwar werden Kaleb und Hellem, der Letztere, nachdem er von seiner i) Wilhelm Jensen, „Die Juden zu Köln", Novelle a. d. deutschen Mittelalter. Zweite durchgesehene Auflage. Berlin 1897. Siegfried Cronbach. 278 Seiten. — „Die Jude» von Zirndorf", Roman von Jakob Wassermann. München, Leipzig, Paris. Albert Langen. 489 Seiten. Der Verfasser des ersten Buches lehnt es in der Einleitung ab, sein Werk unizuarbeitcn. Ich halte das nicht für richtig. Für einen lebenden Autor dürfte ein Werk seiner Jugendzeit keine solche Autorität gewinnen, daß er nicht daran energisch bessert. Für ihn mag ja die Arbeit in ihrer ersten Gestalt Interesse haben, um ihm zu zeigen, was er damals konnte; für das Publikum jedoch dürfte, außer bei Arbeiten erlauchter Autoren, diese erste Gestalt ganz gleichgiltig sein. Krankheit befreit ist, durch das Gericht freigesprochen, trotz der Anklagen eines übermüthigen Junkers, aber sie haben kaum Zeit, sich in das Ghetto zurückzuziehen. Der Sturm beginnt. In wunderbarer Weise wird die Familie, der sich Hellems Vater zugesellt, der wegen, seiner Heirath mit einer Christin verstoßen, Geißler geworden, nun aber, da er seinen Sohn gerettet, wieder in Frieden aufgenommen wird, von einem jungen Mädchen, Sibylle Reinbacher, der Tochter des Thorwarls, und von einem jungen Zimmermann, Frank Waldhofer, nach Holland in Sicherheit gebracht. Daß auch in dieser Erzählung die vorkommenden Juden im Jargon sprechen, r erwähne ich nur, ohne noch den Ausführungen, die ich neuerdings an dieser Stelle gemacht habe, etwas hinzuzufügen als die Frage, warum der Dichter nicht die Kölner in dem Kölner Dialekt des 14. Jahrhunderts reden läßt? Bei einer Schilderung wie der eben analysirten würde sich ein jüdischer Autor darin gefallen, nur die Juden als liebenswerthe gute Menschen, die Christen aber als gcwaltthätig und verblendet zu zeichnen. Anders, aber keineswegs umgekehrt, verfährt der christliche Autor. Unter den Juden stellt er Keinen als böse dar. Außer der Menge, die als gläubig, tapfer, aber ohne besondere charakteristische Unterschiede vorgeführt wird, erscheint nur die Familie des ersten geretteten Opfers in etwas deutlicherer Darstellung. Aber auch diese: < ► Der Vater, ein eifervoller, frommer, dabei auss Geld erpichter, seinem Glaube» fanatisch ergebener Mann, Mutter und Tochter, I bei denen das Liebedürfniß, mütterliches und bräutliches, die starre « Religiosität überwiegt, gehen nicht allzu sehr über das Konventionelle st hinaus. Der einzige mit besonderer Vorliebe Dargestellte ist ein 8 jüdischer Arzt, der att§ Mainz gleichfalls zu Zeiten einer Krankheit gekommen, ein Heilbringer für Seele und Leib ist, mit seinem Zuspruch ebenso erquickt wie mit seinen Salben, thörichten Quacksalbern mit demselben Muth entgegen tritt wie der aufgeregten Volksmenge und keinen Unterschied des Glaubens kennt, für seinen Beruf lebt und stirbt. Unter den Christen, die Vorkommen, finden sich gute und schlechte: \\ christliche Aerzte, von denen nachher noch ein Wort zu sagen ist. i stehen neben dem christlichen Pöbelhaufen und betrunkenen Bürgersöhnen. Eine widerliche, aber trefflich geschilderte Figur ist ein junger Adliger, Graf Hohnfried, welcher Führer der ganzen Bande beim Sturm gegen die Judcnstadt ist, und dessen Tod im Bett des von ihm vergeblich begehrten Judenmädchens fast mit naturalistischer Kraft beschrieben ist. Die Farben sind hier recht grell aufgetragen; sowohl dieser Adelige wie ein Lazarethdiener und einzelne andere Personen aus dem Volke werden so verthiert vorgeführt, daß sie r kaum eine Menschenähnlichkeit mehr besitzen. Andererseits wird man | nicht leugnen dürfen, daß diesem Grau in Grau zeichnen ein über- | mäßiges Hellmalcn entgegensteht. Der Autor wünschte zu zeigen — J. was, wie uns dünkt, psychologisch und historisch unberechtigt ist —, 7 daß in Zeiten der Verzückung nicht eben alle Menschen den gesunden Verstand verlieren. Deswegen fingirte er einen Schultheiß und! Kölner Richter, die im Gegensatz zu der Bevölkerung, die in den! Juden die Bringer alles Schlechten erblicken, in lauterer Wahrheits¬ und Gerechtigkeitsliebe Schuldige und Unschuldige trennten. Dagegen muß doch bemerkt werden, daß es geradezu unmöglich erscheint, daß in Köln im Jahre 1349 ein ganzes Gericht zwei der Vergiftung angeklagte Jude» freisprechen konnte. So wenig man an die Möglichkeit dieser an und für sich prächtig geschilderten Richtergestalten glauben kann, ebenso wenig an die des Wärtertöchterleins. Ihre Kühnheit trotz mädchenhafter Scheu, eine gelviffe Vorurtheilslosigkeit trotz der Verblendung des 14. Jahrhunderts möchte man gelten lasten. Aber die Romantik in diesem jungen

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