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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-08-05 · Heft 31 (5.8.1898) · p. Seite 365

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 31 (5.8.1898)
Date
1898-08-05
Page
Seite 365 (sequence 5)
Language
German
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365 Bereitwilligkeit -er Verwaltung des königlichen Staatsarchivs von Venedig bin ich heute in der Lage, diese Angabe wenigstens zum Theil zu bestätigen. Es hat sich thatsächlich eine Depesche erhalten, in welcher Giambattista Ballarino, der Großkanzler der venezianischen Botschaft an der Pforte, am 18. März 1666 von Per« aus endlich sein bisheriges Stillschweigen über den bereits längst Europa und nicht blos die Juden darin in Aufruhr bringenden angeblichen Messias zu brechen sich veranlaßt sieht. Mehr als anderthalb Monate waren vergangen, seit Sabbathai auf des Großvezirs Achmed Köprili Geheiß in Konstantinopel gefangen gehalten wurde. Der Ruf seiner Erscheinung hatte längst bereits Europa erfüllt. Der Kanzler Venedigs mochte nicht ahnen, daß daheim in italienischen Landen bereits die jüdischen Knaben, die in dieser schicksalsvollen Epoche, da das Heil angebrochen sein sollte, geboren wurden, den Namen Sabbathai erhielten, wie ein zeitgenössischer Bericht aus Siena es uns überliefert hat'). Schon waren selbst die Christen im Orient ob der Bewegung, die sich da vor ihren Augen in unheimlich wachsender Stärke unter den Juden vorbereitete, irre geworden. Christliche Kaufleute in Hamburg waren voll Bestürzung zu dem Prediger Edzardi?) gekommen, um ihn zu fragen, was aus der christlichen Lehre vom Messias werden sollte, wenn die Wunder sich bewahrheiteten, die ihre christlichen Korrespondenten aus Smyrna, Aleppo, Konstantinopel und anderen Orten der Türkei von dem neuen Juden-Messias Sabbathai Zebi übereinstimmend berichteten^). Der venezianische Staatsmann ließ sich freilich auch jetzt noch nicht irre machen. Er beurtheilte den falschen Propheten und die Behandlung, die ihm die Pforte zu Theil werden ließ, mit gewohnter Nüchternheit. Er erkannte, daß die ganze Bewegung für die türkischen Staatsmänner nur ein Mittel war, von den bethörten Juden Geld auszupressen und den Wahn, der nicht zu heilen war, wenigstens für sie selber nutzbringend zu besteuern. Aber die Nachrichten, die zu Ballarino drangen, bestätigen doch auch wieder den Eindruck der außergewöhnlichen Persönlichkeit, die Sabbathai unzweifelhaft eigen gewesen sein muß. Die Unruhe, welche die Gemüther der Juden ergriffen hatte, war so groß gewesen, daß Schaaren von Juden aus der europäischen Türkei zu Sabbathai, so lange er am asiatischen Ufer des Reiches sich aufhielt, hinüberpilgertcn, ihre Habseligkeiten verkauften und freudig Haus und Hof verließen, um dem Wiederhersteller des jüdischen Reiches sich anzuschließen. Sabbathai war also im Sinne der türkischen Behörde ein Aufwiegler, ein Rebell, besten Leben verwirkt war. Kein Wunder, daß er zum Tode durch den Pfahl verurtheilt war, als er den Häschern in die Hände fiel. Gleichwohl vermochte er es durch sein Auftreten, durch seine glänzende Beredsamkeit und außergewöhnliche Beherrschung des Arabischen, den Großvezier, vor den er geführt wurde, so gründlich umzustimmen, daß er zur Haft begnadigt wurde, die obendrein durch ihre Bequemlichkeit und laxe Handhabung mehr den Charakter einer Auszeichnung als einer Verurtheilung trug und dein Propheten 0 Salomo Abraham Galileo berichtet uns in seinem Mvhelbuche von Siena, daß Chananel Sabbathai den Rafael Cohen am 26. Dezember 1665 diesen Namen erhielt: V1DÜ1 “1WH Dpi SED Sw rnyiaw yatyii Sk-iw Sam viawa -iSirw aw Sr '2L 'naw' -T'nrtao •’T Sy mnp nyiwn- Am 24. April 1666 erhält Sabbathai benJsakNunes Lumbroso EySWn der Enkel des Abraham Nunes Lumbroso, diesen Namen. Die Einsicht in diese Handschrift verdanke ich der Freundschaft des Besitzers, Rabbiner Dr. I. S. Margulies in Florenz. 2) Vgl. Zunz, Zur Geschichte p. 12; Schudt, Jüdische Merckwürdigkeiten, IV, 1, 265. B) Schudt a. a. £>. II *47, IV, 2, 238. nur noch gläubigere Anhänger werben mußte. Der Eindruck von Sabbathais Persönlichkeit auf den Großvezier wird unter den fremden Diplomaten in Konstantinopel wohl aus deffen eigenem Munde in Umlauf gekommen sein und kann darum als eine kritisch feststehende Thatsache gelten. Sabbathai, der uns gewöhnlich als dicker, wenn auch wohlproportionirter Mann geschildert wird'), muß nach dem venezianischen Bericht auch durch seine schöne Erscheinung ausgefallen sein. Wir gewinnen hier zum ersten Male auch einen Einblick in eine Haft. Er hat die ihm gebotene Freiheit damals also »och keineswegs schwelgerisch mißbraucht, sondern in Kasteiungen seine Haftzeit hingebracht. Der Zweck lag auf der Hand. Die Stunde der Erlösung sollte mit Gewalt herangebracht werden. Drei Tage nach einander gab er sich oft ununterbrochenem Fasten hin. Dann blieben aber auch die Wunder nicht aus. Feurige Erscheinungen füllten nach solchen Bußwerken die Nacht seines Kerkers aus und verkündeten der draußen harrenden Menge seiner bethörten Gläubigen, daß die Gnade des Himmels in immer neuen Zeichen unerschöpflich sich äußere. Aber auch die andere Seite des Bußwerkes, das Baden, durfte der leidende Messias nicht vernachlässigen. Er mußte zur Küste des Meeres wallfahrten, um vor den Augen seiner Bekenner in den reinigenden Fluthen unter- und emporzutauchen. Auch dies gestattete die Milde der Behörden. Aber der Auflauf, den der Zug in den Straßen hervorrief, der Hohn und Spott der Bevölkerung, der sich wie ein Schotten daran heftete, machten die Allsführung dieses Theiles der Bußiibungen ohne militärische Bedeckung unniöglich. Allein für Geld war auch diese zu erreichen, und Sabbathais Anhängern war kein Opfer zu groß. 60 000 Realen, so erzählte man sich, soll die Erwirkung dieses Schutzes gekostet haben, andere 40 000 die Erlaubniß freien Eintritts seiner Gläubigen in seinen Kerker. Ja, schon sollen weitere 100000 Realen bereit und auf seine an Opferfreudigkeit keine Grenzen kennenden Getreuen aufgetheilt gewesen sein, um von dem für diesen Preis bereitwilligen Großvezier seine völlige Enthaftung und Befreiung zu erwirken, als Sabbathai selber dazwischen trat. Kein Groschen, so erklärte er, solle für diesen Zweck geopfert werden dürfen. Er habe eine Rettung auf solche Art nicht nöthig, binnen wenigen Tagen werden von selber Dinge erfolgen, die alle Augen in Erstaunen setzen werden. Dieser Zug in dem Bilde Sabbathais, den wir hier zum ersten Male erfahren, zeigt die klug und treffend auf die Massen berechneten Mittel, die der falsche Messias in Bereitschaft hatte und zur gegebenen Zeit spielen zu lasten verstand. Was gab es Entscheidenderes, Greifbareres zun. Beweise seiner göttlichen Sendung, seiner kühil und entschlossen höherem Schutze sich anvertrauenden Ueberzeugung als die irdische Machtmittel einfach verschmähende und verbietende Zuversicht, die er da aus seinem Kerker an den Tag legte! Wir wissen aber gleichwohl jetzt, was das Geheimniß seiner jetzigen Erfolge war. Sicherlich nichts anderes als das, was Giambattisto Ballarino zu seinem Berichte an den Dogen nach Venedig bestimmte, die überreich in dem Säckel Achmed Köprilis und seiner Unterbeamten durch diese Bewegung einfließenden Summen, welche die Anhänger Sabbathai Zebis in ihrer durch die bevorstehende Erlösung noch ins Ungemeffene gesteigerten Opferwilligkeit anzubieten und aufzubringen nicht müde wurden. 0 Lrewer bei Schudt IV, 2, 236: obesi et bene proportiousti eorporis Judaeus. ■ÜitHMm

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