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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-08-05 · Heft 31 (5.8.1898) · p. Seite 363

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 31 (5.8.1898)
Date
1898-08-05
Page
Seite 363 (sequence 3)
Language
German
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1 363 in offizieller Ceremonie besuchte. Im Zenith seines Wirkens hat der große Staatsmann mehrfach offizielle Aussprüche gethan, die darauf berechnet waren, seine wohlmeinende Gesinnung dem Judenthum gegenüber zu bekunden. Er möge in Gott die ewige Ruhe finden! * Die Agrarier beklagen den Tod ihres Führers und Hauptes. Herr - v. Plötz ist vor einigen Tagen gestorben. Natürlich nimmt jetzt Freund und Feind Stellung zu dem Mann; denn für Charaktere des öffentlichen Lebens gilt heute nicht das alte Römerwort, das den Todten nur Gutes nachzusagen gebietet, sondern vielmehr das Gebot einer höheren Moral, von solchen nur die Wahrheit zu berichten. Herr v. Plötz war kein Freund der Inden. Das ist allgemein bekannt. Auch ist kein Geheimniß, daß die antisemitische Richtung des „Bundes der Landwirthe" im Wesentlichen auf seinen Einfluß zurückzuführen ist. Im Anfang konnten noch Meinungsverschiedenheiten darüber herrschen, ob Juden in den Bund aufzunehmen seien oder nicht. Aber schon nach der ersten Versammlung im Cirkus Busch konnte kein Zweifel darüber aufkommen, daß der Bund sich gegen die Juden richte. Herr v. Plötz hat in seinen Parlaments- und Wahlreden dies auch stets mit aller Schärfe hervorgehoben. Aber niemals ist die antisemitische Richtung des Bundes so e»tschieden betont worden wie vor den letzten Reichstagswahlen. Wenn der Erfolg trotzdem ausgeblieben, so lag die Schuld wahrlich nicht an dem dahingeschiedenen Führer, dem wir übrigens nicht den geringste» Groll nachtragen, wie wehe er uns auch gar oft im Leben gethan hat. Der Tod versöhnt; das ist die Lehre des Judenthums, an der wir auch in dieser Periode des Völkerhasses festhalten wollen. £ Das Eintreten des gefeierten nordischen Dichters Björnson für Emil Zola und die Sache des unglücklichen Drcyfus hat in allen objektiv und liberal denkenden Kreisen einen sehr sympathischen Eindruck gemacht. Neuerdings hat Björnson in einem Briefe an Zola mitgetheilt, daß der Reichskanzler Fürst Hohenlohe sich ebenfalls dahin ausgesprochen habe, daß er Dreyfus für unschuldig halte. Der Reichskanzler soll bei diesem Gespräch den Ausdruck: „Der Jude von Nazareth" gebraucht haben. Letztere Mittheilung sieht sich Björnson allerdings veranlaßt, einzuschränkeu. Aber sein Standpunkt bleibt doch unverändert. Derselbe und sein zweiter Brief an die „Fr. Z." ist für uns von besonderem Interesse. Er lautet folgendermaßen: München, 23. Juli. Ich sehe, daß antisemitische (und auch „christliche") Zeitungen es dem Reichskanzler Fürsten Hohenlohe übelgenommen haben, daß er in der Sache Dreyfus die unverschuldeten Leiden Jesu von Nazareth zum Vergleich herangezogen hat. Es kann ja sein, daß mein Gewährsmann oder ich den Wortlaut nicht richtig Wiedergaben. Aber ich will diese Gelegenheit ergreifen, um festzustellen, wie richtig es ist, die Judenhetzer dann und wann wieder daran zu erinneru, daß unser Religionsstifter wirklich ein Jude war. Wenn der Jude Dreyfus die Sünde Anderer tragen muß, so folgt er insofern einem großen Beispiele, als er es mit der edelsten Würde thut, die möglich ist. Seine Briefe bezeugen das. Man vergleiche damit das Betragen seiner christlichen Verfolger wie das der Judenhetzer überhaupt. Hochachtungsvoll Björnstjerne Björnson. Ehre dem wackeren imb unerschrockenen Kämpfer für die hart bedrängte Wahrheit! £ In Basel soll im August auch ein zionistischer Studententag stattfiudcn. Helwant sibi. In einer Korrespondenz aus Zürich haben wir nach den Angaben der Unternehmer das; Nähere darüber mitgetheilt und könnten damit die Akten über diese j Angelegenheit schließen. Es findet sich aber in dem Aufruf an die j jüdische akademische Jugend ein Passus, der energisch zurückgewiesen werden muß. Derselbe lautet: j „Die jüdischen Protesttheologen, welche unbewußt oder bewußt im jj Dienste der jüdischen Börse stehen, spinnen die Lüge aus, die Juden seien keine Nation und dürfen es auch nicht fein, weil sie die Mission haben, den Monotheismus in der Welt zu verbreiten. Dieser der Wirklichkeit widersprechende, in die Rumpelkammer der veralteten | Theologie und des philosophischen Schwindels gehörende Gedanke ist viel zu albern, als daß er noch ernst diskutirt werden könnte. Er j klingt nur noch wie ein Hohn der wenigen satten Juden über das Elend und den Jammer der Gesammtheit." Wenn jlmge Leute, die, anstatt zu lehren, lieber noch lernen , sollten, in dieser Weise über angesehene und gelehrte Männer zu! sprechen wagen, so muß ein so keckes und unreifes Gerede mit aller Entschiedenheit und Schärfe zurückgewiesen werden. £ j In der Moldau giebt es eine Reihe von bedeutenden Ort- ' schäften, welche sich seit langer Zeit vergeblich um das Stadtrecht bemühen. Es wäre ihnen längst bewilligt worden, aber wenn, dies geschähe, so könnten die Juden nicht mehr ausgewiesen werden und aus diesem Grund allein verweigert man den großen Dörfern die! Anerkennung als Stadt. Es ging den Juden dort schon immer schlimm, und die Regierung wie das Volk suchten sie mit allen Mitteln zu drücken, seitdem aber der Antisemitismus in Frankreich so überhand genommen hat, glauben die rumänischen Judenfresser jeder Rücksicht überhobeir zu sein. Fortwährend kann man hören, die Juden sind ja auch in Frankreich genau so verhaßt wie in Deutschland, das ist ein Beweis, daß auch die Rumänen, die Frauj zosen des Ostens, das Recht haben, Judenfresser zu sein. So wirken die Anfeindungen gegen unsere Glaubensgenossen in Frankreich auch auf die dortigen Verhältnisse höchst ungünstig zurück. £ Die englische Fremdenbill, die dazu angethan schien, die jüdische Einwanderung nach England ernstlich zu gefährden, ist erfreulicherweise doch gescheitert. Kürzlich theilte Mr. Balsour, der Führer des Unterhauses mit, daß die Geschäftslage des Unterhauses i nicht gestatte, diese Bill in der laufenden Session in Berathung zu ziehen. Mit dieser geschüftsordnungsmäßigen Behandlung hat sich die Regierung die ihr offenbar sehr peinliche Gesetzesvorlage am bequemsten vom Halse geschafft. Doch dürfen sich die englischen Juden nicht in dem Vertrauen täuschen, daß die Bill für immer beseitigt sei, denn dieselben Elemente, die diesmal das Gesetz im Oberhause durchbrachten, werden nicht verfehlen, es im folgenden Jahre zu erneuern. £ Seitdem die Thatsache feststeht, daß es Drumont gelungen ist. 1 die Abberufung des Generalgouverneurs von Algier, Löpine, durchzusetzen, sind die Judenfeinde dort mehr obenauf als je. Ist doch! die Centralregierung in Frankreich bei der Machtprobe klüglich unter- 1 legen, und mit Lepine werden alle die Beamten, Richter rc. weichen > müffen, die noch eingetreten sind für Recht und Gerechtigkeit und es wagten, sich der antisemitischen Hochfluth entgcgenzusiellen. Kein Wunder, daß man hier die Jagd auf die Juden jetzt geradezu als Sport betreibt und sich nur soweit vorsieht, daß man sie nicht geradezu todt schlägt. Kürzlich hat man zwei Rabbiner im Schlachthofe unter! Todesdrohungeu gezwungen, „Hoch Drumout, hoch Negis! Nieder mit den Juden!" mitzuschreieu. Am 14. d. M. kam es gelegentlich 1 i i

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