Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 31 (5.8.1898)
- Date
- 1898-08-05
- Page
- Seite 362 (sequence 2)
- Language
- German
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362 Schulgebetbuch, das allen Anforderungen genügt und in allen Religionsschulen, soweit die jüdische 'Diaspora reicht, seit Jahrhunderten sich eingebürgert hat. Wenn die „fortschrittliche Richtung im Judenthum" eine „Gcbetbuchfrage" auf die Tagesordnung setzt, wenn sie aus den bis heute vorhandenen 31 Gebetbüchern noch nicht die Lehre gezogen hat, daß alle Versuche nach dieser Richtung gescheitert sind, und daß, was Männer wie Geiger, Joel, Präger und Andere nicht fertig brachten, ihren sogenannten Gebetbüchern zur Alleinherrschaft zu verhelfen und die alte Tefilla, den alten Siddur zu verdrängen, auch anderen größeren (?) und kleineren Geistern nicht gelingen wird; wenn das neue Gebetbuch dem Judenthum keine neuen Anhänger zuführen, sondern nur die Anhänger der „altkonservativen Richtung" desto mehr im Festhalten an den altbewährten religiösen Einrichtungen bestärken wird; wenn man noch nicht zu der Erkenntniß gekommen ist, daß das Aufrollen einer „Gebetbuchfrage" eine Zersplitterung der großen Gemeinschaft der im Lande wohnenden Israeliten herbeiführen muß, was jeder Ehrlichdenkende möglichst zu vermeiden bestrebt sein sollte, wenn alles dieses bedauernswerthe Thatsachen sind, die sich nicht wegstreiten lassen: so verschone man wenigstens die Religionsschule und die Jugend mit derartigen Manipulationen." Mit dem Vertreter eines solchen Standpunkts ist natürlich nicht zu streiten, noch auch ein Kompromiß zu schließen. Vollständige Passivität des Oberraths und der Landessynode auf dem wichtigsten Gebiete des kirchlichen Lebens wird auch von Bezirksrabbiner Dr. Eschelbacher in Bruchsal mit beredten Worten empfohlen, der zunächst erklärt, daß er nicht in der Lage sei, Vorschläge für Aeudcruugen auf dem innerkirchlichen Gebiete (Gottesdienst und Religionsunterricht) zu machen, weil ihm die Kenntniß der Verhältnisse in anderen Bezirken fehle. Auch diesen Standpunkt können wir umso weniger billigen, als selbst in dem Rabbinatsbezirk zu Bruchsal das Bedürfniß nach religiösen Reformen ein sehr reges ist, wie das unmittelbar hinterher mitgetheilte Gutachten des dortigen Synagogenvorstehers und Deputirten der Synode, Louis Marx, zur Genüge beweist. Dr. Eschelbacher glaubt sich mit einer großen Zahl von Glaubensgenossen in dem Wunsche einig zu finden, daß der Oberrath eine Neubearbeitung des Gebetbuches der Jnitative derjenigen Gemeinden, innerhalb welcher eine größere Anzahl von Mitgliedern den Wunsch danach ausspricht, überlasse, seinerseits aber, wie bisher, sich auf die Beurtheiluug und Genehmigung des fertigen Werkes beschränken und damit den Schutz der Minderheit wie die Erhaltung des Friedens innerhalb der Gemeinden verbinden möge. Aber auch abgesehen von diesen praktischen Erwägungen, stellt er die Möglichkeit, ein wirklich befriedigendes neues Gebetbuch zu schaffen, z. Z. überhaupt in Frage, weil die verschiedenen deutschen Gebete bisher noch nicht populär geworden seien. Er wünscht deshalb dringend, „daß nicht durch aussichtslose Versuche der Werth unseres allgemeinen Gebetbuches weiter herabgesetzt werde, sondern das; wir uns, wie es bezüglich der übrigen religiösen Gebräuche mit Recht empfohlen wird, bemühen, dieses Vermächtniß unserer großen Vergangenheit, mit dem alle unsere religiösen Erinnerungen verwachsen sind, in seinem Inhalt und seiner Bedeutung zu erfassen und deni Verständnisse und der Liebe der neu Heranwachsenden Geschlechter zu erschließen". Wie das möglich sei, wenn ein großer Theil — vielleicht die Mehrzahl — der Rabbiner und Religionslehrer selbst viele der überkommenen Gebete theils vollständig, theils in einzelnen Ausdrücken als veraltet und unangemessen ansieht und die Majorität der Beter sie nicht versteht, das ist allerdings in keinem der Gutachten in Betracht gezogen oder gar beantwortet, die gegen jede Reform des Gebetbuches sich aussprechen. Wohl kann der Religionsunterricht eine Besserung insofern herbeiführen, als durch ihn die Schüler die Hauptgebete übersetzen lernen müssen. Wenn aber diese Gebete nicht genügen, so muß eben ein gutes, für alle Fälle des Lebens zu gebrauchendes Gebetbuch neu geschaffen werden, in welchem der deutschen Sprache ein größerer Spielraum eingeräumt werden wird. f Berlin, 2. August. ie Flagge des Deutschen Reiches weht aus Halbmast! Fürst Bismarck, der Schöpfer und erste Kanzler des einigen Deutschlands, ein Mann des eisernen Willens, der mit gewaltiger Kraft dem Strom der Ereignisse Jahrzehnte das Bett graben half, ist nun dem unerbittlichen Tode erlegen, hat sich den Gesetzen des ewigen Mysteriums unterwerfen müssen. Die Welt war vorbereitet, daß der Mann, deffen Name einer der polulärsten auf dem Erdball gewesen, in die bange Stunde treten müsse, wo Menschenkraft und Menschengröße in den herben Konflikt mit den Gesetzen der Zeitlichkeit gelangt. Allein in dem Moment, wo ein großer Mann dahingeht, vollzieht sich jener erschütternde Konflikt, der im Gefühle aller Zeitgenossen, Aller, seien es Verehrer oder Gegner des Mannes gewesen, einen tiefen Widerhall erweckt: Der große Moinent, wo die lebendige Gegenwart sich in die Geschichte umwandelt. Der Tod des Großen bedeutet das Ueberschreiten der ehernen Pforte, die zur Weltgeschichte führt. Und darum schaaren sich neben den Freunden auch die früheren Gegner um die Bahre des Todten und bringen dem Helden eines Jahrhunderts ihre Ehrung dar. Bismarck war ein Kämpfer, ein Mann der That, er schlug ans dem Wege, den er einmal beschritten, um sich, und unter der Wucht seiner Schläge lohte der Kampf der Meinungen wild in die Höhe. Aber auch die erbittertsten Gegner konnten ihm nicht das Zeugniß verweigern, daß er in erster Reihe das Wohl des deutschen Vaterlandes im Auge hatte. Die Antisemiten beeilten sich, als der Verklärte einst den Fortschritt zu bekämpfen für richtig fand, ihn als einen Gegner des Judenthuius auszuposaunen. Jndeß zu wiederholten Malen hat er durch unzweideutige Aussprüche die an seine Rockschöße sich hängenden Apostel des Judeuhaffes abzuschütteln gesucht, da er in religiöser Beziehung ein vollkommen vorurtheilsfreier Mann war. Er hatte eine Reihe hervorragender Juden zu Mitarbeitern seiner weitausschauenden Politik gewonnen und zog einige Gkaubensgenoffen in seine nächste Umgebung, so Gerson v. Bleichröder, Dr. Israel (Sailer), den glaubenstreuen Neffen des Oberrabbiners Dr. Loeb in Altona, der unter ihm im Auswärtigen Amt Anstellung fand, ferner Dr. Cahn, der von Bismarck zum Legationsrath ernannt wurde. Letzteren; theilte er seine Ernennung unter Hinweis auf die mehrfach von Dr. Cahn zurückgewiesenen Aufforderungen zum Uebertritt mit den Worten mit: „Wir haben Sie ja als einen tapferen Mann kennen gelernt." — Am 5. September 1866 hat Bismarck, der sonst allem Festgepräuge gern auswich, der Einweihung der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße beigewohnt, und zwar in der Begleitung der Minister v. d. Heydt, Mühler, Eulenburg, des Feldmarschalls Wrangel, Fürsten Radziwill, Generals v. Waldersee und der städtischen Behörden. Fürst Bismarck wußte, was er that, als er den ersten von der Berliner jüdischen Gemeinde in ihrer fortschreitenden Entwickelung erbauten prachtvollen Tempel, den auch Kaiser Friedrich als Kronprinz mehrmals und der jetzige Kaiser als Prinz Wilhelm betreten haben,