Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1898)
- Date
- 1898-07-29
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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62. Jahrgang. Ar. 30. Lerim, 29. Luli 1898. Weikcrge zur „Allgemeinen Heilung öes Iuöenltzums". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschlaud. <SA) Berlin, 24. Juli. Eine der bekanntesten Persönlichkeiten Berlins, der königliche Kommissionsrath Joseph Lehmann, ist am 19. d. Mts. auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee zu Grabe getragen worden. Viele Hunderte aus allen Kreisen der Bevölkerung folgten dem Sarge und legten Zeugniß ab von der Beliebtheit und Achtung, deren der Verstorbene sich erfreute. So waren fast sämmtliche Ministerien durch Beamte vertreten, von den königlichen Bühnen bemerkte man zahlreiche Mitglieder, und der Kränze waren so viele, daß ein großer Wagen ste hatte hinausfahren müssen. Lehmann hatte im Kriege gegen Frankreich für die Kranken- und Verwundetenpflege so hervorragend und uneigennützig gewirkt, daß ihm Kaiser Wilhelm I. den Kronenorden 3. Klasse mit dem Johanniterkreuz und der Großherzog von Mecklenburg einen seiner höchsten Orden, das goldene Verdienstkreuz, verlieh. Lehmann war auch der Erbauer der Pferdebahnlinie nach Weißensee. In dem Nachruf seiner Freunde wird namentlich der unermüdliche Wohlthätigkeitsfinn des Verstorbenen gerühmt. Friede seinem Geiste! Sf2 Berlin, 25. Juli. Das Schiffsunglück der „Bourgo gne" hat hier auch mittelbar ein Opfer gefordert, das am Donnerstag Nachmittag unter großer Theilnahme auf dem Friedhof der jüdischen Gemeinde in Weißensee beerdigt wurde. Auf der Verlustliste des untergegangenen Dampfers findet sich auch der Name Albert Schultz aus C h i c a g o mit Frau und zwei Töchtern verzeichnet. Schultz war aber kein Amerikaner, sondern ein Berliner, der vor etwa zwölf Jahren nach Amerika auswanderte. Er erwarb sich ein bedeutendes Vermögen und verheirathete sich mit einer Deutsch-Amerikanerin, aus welcher Ehe zwei Kinder hervorgingen. Mit seinen Eltern, die zuletzt hier, in der Pallasstraße 13 wohnten, stand Schultz in regem Briefwechsel. Bor etwa einem halben Jahre erkrankte der Vater an einem organischen Leiden und drückte in einem Briefe den Wunsch aus, daß er gern noch einmal die „Amerikaner" sehen möchte. Der Sohn suchte dem Wunsche des Vaters alsbald nachzukommen und schiffte sich mit den Seinigen auf der „Bourgogne" als Kajütenpassagier erster Klasse ein, und die ganze Familie ging mit dem Schiff unter. Die erschütternde Botschaft konnte auf die Dauer dem kranken Vater nicht verheimlicht werden, und von dem Tage an siechte der erst 55 jährige Mann zusehends dahin, bis der Tod am Montag seinen Leiden ein Ende setzte. Lx. Aus der Provinz Posen, im Juli. In diesem Monat feierte Kantor Rosenthal in Schlochau sein 50jähriges Amtsjubiläum als Kultusbeamter der Synagogengemeinde daselbst. Letztere überreichte ihm aus diesem Anlasse ein Sparkassenbuch von 500 Mark. Herr Rosenthal ist nunmehr iu den Ruhestand getreten. Zu seinem Nachfolger ist bereits Kantor Rawitzfcher in Marienburg berufen worden. — Die Synagoge in Briefen wird noch in diesem Jahre mit elektrischem Licht versehen. — Der Synagogenvorsteher Marcus Hauck in Steinau ist im Alter von 81 Jahren gestorben. — In Jnowrazlaw hat sich unter dem Vorsitz des Oberkantors Magnus Davidsohn ein Synagogen-Gesangverein gebildet. — Um die Rabbinerstelle in Ostrom o haben sich zehn Bewerber gemeldet. Zu Probevorträgen find die Herren Dr. Zolinski-Kolmar in P., Dr. Pick, Straßburg in Westpr., und Dr. Chodowski in -Oels berufen worden. — Zum Kultusbeamten in Marien bürg ist der Rabbiner Weißrock aus Lötzen in Ostpreußen berufen worden. — Bei der kürzlich stattgehabten 150 jährigen Jubelfeier der Schützengilde in Hammerstein errang der Vorsteher der Synagogen-Gemeinde in Pr. Friedland die Würde eines Schützenkönigs. — Bei dem kürzlich in Memel stattgehabten 25jährigen Stiftungsfest des dortigen Kriegervereins wurde im Aufträge des Kaisers vom Regierungsassessor Jäger dem Vorsitzenden des Vereins, Landgerichtsrath Meyer, einem gesetzestreuen Juden, das Allerhöchst verliehene Fahnenband für den Verein überreicht. u. Aus Westpreußen, im Juli. Nachdem die seit zwei Jahren in der Flatower Synagogengemeinde obwaltenden Meinungsverschiedenheiten in der Gemeindeverwaltung, betreffend Gemeindesteuer, infolge der energischen Agitation für eine gerechte Vertheilung der Kultusabgaben seitens des neuen'Repräsentantenvorstehers L. Drucker, welcher im Interesse der guten Sache für die Abschaffung des alten Systems, der indirekten Steuer, der sogenannten Krupka, mir großem Eifer und viel Geschick sowie durch Anrufung der Aufsichtsbehörden mannhaft und furchtlos eingetreten ist, geklärt sind und Repartation von der Repräsentantenversammlung beschlossen und durchgeführt worden, ist nun auch der Vorstand neu konstituirt und besieht aus den Herren Kaufleuten Stein, Klein und Cohn. Rendant ist Herr Moritz Kariel, Schriftführer Herr Lehrer Lachmann. Als Chewra-Vorsteher ist an Stelle des in den Vorstand gewählten Herrn Klein Herr Sally Kariel gewählt. — In Briefen (Westpreußen) erhält jetzt auch der Tempel elektrische Beleuchtung. — Den Intentionen des Westpreußischen Gemeindebundes gemäß wird vom 1. August ab ein Religionslehrer der Danziger Synagogengemeinde den israelitischen Kindern in Mewe den Religionsunterricht ertheilen, wozu der Gemeindebund eine Subvention von 200 M. gewährt. — Ein jüdischer Schützenkönig! Bei der 50jährigen Jubelfeier der Schützengesellschaft zu Schwetz errang die Königswürde der israelitische Kaufmann Herr S. Knopf. 2. Ritter wurde Herr Kaufmann Feilel. — Der Landgerichtsassistent Rofenbaum in Graudenz sollte als Sekretär bei dem Amtsgericht in Neumark (Westpreußen) angestellt werden, auf dessen Antrag ist die Verfügung zurückgenommen. — Herr Lewinsohn in Graudenz ist zum Abgeordneten für den in Deutsch-Krone stattstndenden Städtetag gewählt. Liegnitz, 25. Juli. Am Freitag, den 22. d. Mts., feierte der langjährige Vorsitzende der Synagogengemeinde und hochgeachtete Stadtverordnete Herr Heinrich Cohn Hierselbst in voller Körper- und Geistesfrische, umgeben von seinen Kindern, Verwandten und Freunden, seinen 70. Geburtstag. Aus diesem Anlaß empfing Herr Cohn mannigfache Beweise der Anerkennung für seine ebenso selbstlose wie segensreiche Thätigkeit im Dienste des Gemeinwohls. Zunächst überbrachte der Vorstand der Synagogengemeinde und das Repräsentantenkollegium ihre herzlichen Glückwünsche, wobei der Vorsitzende des letzteren die Arbeitsfreudigkeit, Treue und Hingebung des Gefeierten für die Obliegenheiten seines Amtes in beredten Worten pries und mit den besten Wünschen für die Zukunft schloß. Als persönliche Gabe der Gemeindevertretung wurde dem Jubilar ein kostbarer, kunstvoll gearbeiteter silberner Pokal sowie eine sehr werthvolle, in einer Breslauer Kunstanstalt hergestellte Adresse überreicht. Ebenso überbrachte der Vorstand des israelitischen Frauenvereins seine Glückwünsche unter Ueberreichung einer Adresse. Die Chewrah Kadischah und der israelitische „Verein der Freunde" überbrachten gleichfalls ihre Glückwünsche durch eine Abordnung und ernannten Herrn Cohn zu ihrem Ehrenmitgliede. Da Herr Cohn auch langjähriges Vorstandsmitglied des liberalen Wahlvereins, erster Direktor der Braukommune und zweiter Vorsitzender und Ehrenmitglied des Gewerbevereins ist, waren auch Abordnungen dieser Vereine unter den Gratulanten erschienen. Außerdem hatten sich, abgesehen von den zahllosen Telegrammen, sonstigen schriftlichen Glückwünschen und Blumenspenden, persönliche Freunde und Amtsgenossen des Gefeierten in großer Anzahl zur Beglückwünschung eingefunden, darunter auch Mitglieder des Magistrats und der Stadtverordnetenversamnlung. Der Jubilar empfing die Gäste mit der ihm eigenen Einfachheit und Liebenswürdigkeit und beantwortete mit treffenden Worten die an ihn gerichteten Ansprachen. Am 23. d. M. hatte der „Verein der Freunde" zu Ehren des Herrn Cohn einen Kommers veranstaltet, zu dem auch Nichtmitglieder als Gäste geladen waren. Aus derselben Veranlassung hielt am 25. d. M. der Gewerbeverein eine Festsitzung