Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1898)
- Date
- 1898-07-29
- Page
- Seite 359 (sequence 11)
- Language
- German
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359 „Du erkennst mich nicht, Edomiter?" Reson stieß plötzlich einen Ausruf der Ueberraschung aus. „Ahija, der Prophet von Silo!" rief er staunend. „Ahija von Silo," sagte der Andere trocken, „der vor den Altären Jehovahs erleuchtet wurde, der bin ich!" „So hast Du Deine Pilgerschaft beendet und kehrst nach Kanaan zurück?" „Ich kehre zurück," erwiederte der Prophet düster. „Ich will da fein, wenn die Geschicke in Erfüllung gehen." Reson lächelte mit einigem Spott. „Deine Prophezeiung ging schlecht in Erfüllung. Jerobeam unterlag — und flieht nach Aegypten." Der Prophet blickte mit wilden Augen um sich. „Deinem blöden Auge, Götzenanbeter, sind die Wege Jehovahs dunkel. Hundert und wieder hundert Arme sind Salomos Knechten zwar erlegen, aber der Kopf des Ganzen ist gerettet — Jerobeam. Was Ahija prophezeite, wird in Erfüllung gehen!" „Möge es also sein!" versetzte der Edomiter. „Bei der großen Isis der Aegypter! Die Männer Edoms werden treulich mithelfen!" Der Hebräer spuckte aus, und seine Züge verzerrten sich zornig. „Verflucht sei der Götze, den Du nanntest!" rief der Prophet. „Es ist Keiner, denn Jehovah, welcher helfen könnte!" Der Edomiter lachte spöttisch und sorglos. „Deinem Geist", sprach er, „ist der Name der großen Göttin ein Greuel, die doch alle Kräfte und Schöpfungen der Welt und auch Deinen Jehovah, wie alles Göttliche, das die Völker anbeten, in ihren unermeßlichen Schooß faßt!" Der Prophet schlug unmuthig mit seinem langen Stab wider die Erde und sagte dann rasch und hastig: „Mein Pfad war nach jenen Gegenden gerichtet, wo mächtige Könige steinerne Grabmäler für die Ewigkeit gründeten. Ich sah die Pyramiden zu Thebäi's. Und dort wandte sich mein Auge von dem Greuel der Aegypter, dem verhüllten Bilde zu Sars. Es ist ein Greuel gleich dem Moloch der Chaldäer und dem Astaroth der Sidonier. Aber Jehovah schaut die Frevel mit dem Auge seines zornigen Blitzes. — Auch schiffte ich über die Felsenpforte des Rothen Meeres und zog an den Tempeln der Sabäer vorüber, wo sie die leblosen Gestirne anbeten. Doch es ist alles Greuel vor den Augen Jehovahs." „In jenen Ländern," sagte der Edomiter, „wo ich zuerst Dich traf, wohnen friedliche und von den Göttern beglückte Menschen- Jhr Hebräer aber seid ein seltsames Volk und meint, es muffe ein Gott sein über alle Völker, und dieser Gott sei Euer Jehovah. Aber die klugen Aegypter lehren anders. Alle die Götter, vor denen die zahllosen Völker der Erde knieen, sind nur Geburten und Kräfte der großen Isis. Die große Isis aber ist die geheimnißvolle, ungeheure Mutter, an deren Brüsten alle Geschöpfe der Erde saugen; sie ist die Kraft, welche die Gestirne des Himmels und den Bau der Erde stützt, und die ewig da sein wird, ob tausend und tausend Geschlechter hinsterben." Der Edomiter hielt inne, da der Prophet Ungeduld und Zorn zeigte. Da dieser aber zu reden verschmähte, fuhr Reson fort: „Vor dieser ungeheuren Mutter knieen alle Völker der Welt, ob auch unwiffend, gleich den Kindern Israel. Aus den Brüsten der großen Isis fließt aller Segen, der die Menschheit beglückt. Aus ihrem Schooße quillt ewig die Liebe, die über die ganze Erde wandelt und Glück und neue Erschaffungen ausstreut. Denn das ist der geheime Drang und das stille Gebot, welches die große Mutter in die Herzen aller Geschöpfe legte." Der Prophet von Silo wandte sich wild ab, um fortzugehen. Der Edomiter aber faßte ihn am Mantel und sagte ernst: „Ich bin bereit, von diesen heiligen Sachen zu schweigen, die Deine Seele empören. Die große Mutter befiehlt uns nicht, die Irrenden mit Haß und feindlichem Eifer zu bekehren, wie Euer Jehovah es in den heiligen Büchern zu Zion gebietet. Steh', und höre meine Worte!" Der Prophet blieb stehen, wandte aber dem Sprecher seine Augen nicht zu. „Ich weiß," fuhr der Edomiter fort, „daß die Kraft Deines Geistes einen großen Aufstand leitet, der gegen Davids Haus entbrennen soll. Ich weiß, es ist Jerobeam die Lanze, welche Du gegen Salomos Thron zu schleudern denkst, wie Dein Gott Dir's geboten. So steh', und gieb mir Auskunft über Eure Rüstungen!" Der Prophet wandte sich um und schaute den Sprecher an. In seinen ausdrucksvollen Zügen lag das Mißtrauen so gut als der Wunsch, einen neuen kräftigen Helfer für geheime große Pläne zu gewinnen. „Womit, Edomiter," sagte er rauh, „denkst Du mein Vertrauen zu verdienen?" „Beurtheile meine Lage nur richtig," sagte Reson freimüthig, „so mußt Du einsehen, daß Reson und die Sache, für welche er kämpft, die natürlichen und treuen Verbündeten Eures Aufstandes sind. Es sind Dir bekannt die Geschichten vom Falle Edoms. Du weißt, daß die Tochter des gemordeten Königs an des Pharao Hof erzogen wurde, daß sie von Aegypten herüber kam, um die Männer ihres Volkes zum Aufstand aufzufordern." „Und wo weilt sie jetzt?" unterbrach der Prophet, besten rastloses, funkelndes Auge auf dem Gesicht des Sprechers weilte. „Die Treuen aus Edom wissen sie zu finden," versetzte der Edomiter ruhig. „Das Alles erfuhrst Du bereits, und Dir sind die Gedanken bekannt, mit denen Reson umgeht. Wohlan, so eine die Sache Jerobeams mit dem Kampf der Erbin von Edom, und laß uns mit zwei blutigen Schlägen die Herrschaft Salomos in Kanaan und Edom zugleich brechen!" Der Prophet faltete die Stirn und wälzte die unruhigen, funkelnden Augen unter den gesenkten Augenliedern umher. „Ich errathe Deine Gedanken, Hebräer," sagte Reson. „Du zögerst, den Anbeter der großen Isis an dem blutigen Werke theilnehmen zu lassen, welches Dir Dein Jehovah, wie Du sagst, eingab." „Es ist sein Geist, der mich treibt!" rief der Prophet hastig. „Auf Davids Haus floß ehemals der Segen Jehovahs herab, aber Salomo hat die Räume, wo David anbetete, mit Götzen gefüllt und mit seinen frechen Weibern, deren Zahl unendlich ist. Seine Hand hat an dem Gott seiner Väter gefrevelt, denn er hat Opfer gebracht dem Greuel der Sidonier, der Syrer und der Aegypter. Und darum hat Jehovah in mein Ohr gerufen: Ich will den Samen Davids um der Sünden seines Sohnes willen trocknen; doch nicht auf immerdar." „Das ist Deines Gottes Gebot!" versetzte der Edomiter ruhig. „Und somit helfet uns Edom befreien, und dann bringen wir gewaffnete Helfer nach Zion für Jerobeams Sache." „Du willst Edom von da an trennen vom Reiche Israels" sagte der Prophet düster. „Bei der großen Isis!" rief der Edomiter hastig — „wir wollen euch treue Bundesgenossen sein und auch fernere Feindschaft vermeiden. Aber der Thron Edoms falle Dem zu, der ein gutes Recht darauf besitzt!" Der Prophet vermied, dem Blicke Resons zu begegnen. In seinen Augen war versteckter Hohn und am wenigsten gute Gesinnung zu lesen.