Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1898)
- Date
- 1898-07-29
- Page
- Seite 358 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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358 Weil Sie in Ihrem letzten geehrten Schreiben auf unsere freundlichen Gespräche des vergangenen Sommers Hinweisen, so will ich auch manches davon erwähnen, das mein Handeln besser aufklärt. Es ist wohl richtig, daß ich mich damals gegen Dresden sehr abgeneigt zeigte; allein Sie selbst sagten mir, daß ich aus diesem rfiÖ^X JT1K saus dieser unwirthlichen Gegend) in jedem Falle Weggehen soll, sei es auch nach Dresden; sollte ich je mein Ziel, höher zu streben, verfolgen, so sei Dresden für jetzt der Ort dazu, von dort wird mir wohl manche freundliche Sonne winken, und ich werde dann weiterziehen können. '2b bv DfilPO VnöWl ""Q^n sich werde die Sache in Erinnerung behalten). Vorzüglich da das, was mich in Dresden am meisten beunruhigen? mochte, die innere Uneinigkeit, welche zu keinem Resultate kommen läßt und die in kleinen Gemeinden nicht selten einheimisch ist, nun von selbst kraftlos wurde; da ich nämlich nun vom Minister angestellt bin und aus der Staatskasse Gehalt beziehe. Ich glaube, daß auch Sie, mein geehrter Freund, in solchem Falle schwerlich anders würden gehandelt haben, wozu Sie nun noch den Umstand rechnen mögen, daß in Berlin in meiner Hinsicht noch gar nichts geordnet war, als schon in Dresden die Wahl in Gegenwart des Stadtrathes vor sich ging und auf mich fiel. Damals bekam ich gleich den Brief der Dresdener Gemeinde; was sollte ich nun thun? Den Antrag zurückweisen? Wie aber, wenn auch in Berlin das Projekt, dessen Realisirung noch so fern schien, auch scheiterte? Bedenken Sie nun noch, welche herrliche Vorschule Dresden mir fein muß. Bin ich drei Jahre daselbst und habe also dreijähriges Fortschreiten und dreijährige Praxis mehr, um wie viel energischer, mit welchem höheren Selbstbewußtsein werde ich dann in Berlin auftreten können. Und wahrlich (ich sage es nur Ihnen im Vertrauen), wird Berlin mich in einigen Jahren noch verlangen, so werde ich dann auch bereitwillig sein, und um so lieber, als ich hoffe, dann, s. G. w., mehr Kraft noch zu diesem Amte mir erworben zu haben. Ich habe mich überhaupt mit Dresden auf keine bestimmte Zeit eingelassen, bin also auch gar nicht für immer verpflichtet. Doch gehe ich jetzt mit dem besten Willen und dem Vorsatze, dort mit Liebe auszuharren." Joseph Muhr schien sich bei dieser Antwort nicht beruhigt zu haben; er bat Frankel, die an diesen ergangene Vokation von Seiten der sächsischen Regierung abschriftlich den Aeltesten der jüdischen Gemeinde zu Berlin mitzutheilen. Muhr hoffte, die Berufung Frankels nach Dresden noch .rückgängig machen zu können. Frankel sandte dem Freund eine Abschrift der Vokation mit, lehnte es aber ab, mit dem Gemeindevorstand zu Berlin offiziell in Verbindung zu treten. Durch diesen Mißerfolg ließ sich Muhr jedoch nicht abschrecken. Auf seine Veranlassung thaten die Aeltesten der jüdischen Gemeinde den ersten Schritt. Am, 3. Mai 1836 schrieb Frankel an Muhr: „Die würdigen Herren Aeltesten der Berliner Gemeinde haben in einem Schreiben vom 13. mir in sehr ehrenvollen Ausdrücken angezeigt, daß sie mich der Gemeinde zum Rabbiner vorschlagen wollen, so ich nicht abgeneigt sein werde, diese Stelle anzunehmen, und sie wollen sie daher noch einige Jahre vakant lassen, bis ich sie antreten kann. Glauben Sie mir, mein verehrtester Freund, mein erster Gedanke beim Empfang dieses Ehrenrufes war Gott, und ihm rief ich aus dem Inneren des Herzens zu: rmn nbv-un ^2 ns toj 12^21 “p2“t “vorn1) Der zweite Gedanke aber waren Sie, der gewiß aus edlem Beweggrund diese Sache mit solchem Eifer betrieb. Doch läßt sich für jetzt von der ganzen Sache noch wenig sprechen. Die Zukunft liegt in der Gottheit Schooß, wer will sie entschleiern? Einige Jahre muß und will ich in Dresden bleiben. . . Mein Schreiben an die würdigen Herren Aeltesten ist ganz so abgefaßt, wie ich den Stand unserer religiösen Angelegenheit erkenne. Sie wissen, mein geehrter Freund, und werden es auch aus einigen meiner Reden, denen Sie beiwohnten, noch mehr aber aus manchem freundschaftlichen Gespräch wahrgenommen haben, wie ernstlich hier meine Ansichten und nach diesen meine Sprache ist. Ich wünsche sehr, daß meinem Schreiben keine Deutungen unterlegt werden; denn es sind hier nicht bestimmte i) Vergl. 2. Samuel 7, 21. Personen, sondern überhaupt die Lage, in der die Gemeinden Deutschlands sich größtentheils befinden, gemeint. . . Ich habe vorsätzlich in jenem Schreiben meine Meinung ganz offenbart, um zu zeigen, in welchem Geiste ich zu handeln entschlossen bin, und überhaupt keine Hoffnungen zu erwecken, denen ich nicht Nachkommen könnte. Es wäre dann nur eine bittere Täuschung von beiden Seiten, die nicht wieder gut gemacht werden könnte. Sie, mein geehrter Freund, werden um desto mehr den Brief erfassen, da ich weiß, daß auch Sie so fühlen, und daß, was ich dort sagte, gewiß Ihr Beweggrund war, warum Sie so eifrig die Wahl eines Rabbiners betrieben. Vergangene Woche besuchte mich ein gewisser Dr. Sachs aus Berlin. Er verweilte nur auf einige Augenblicke, da er bald wieder wegreisen mußte; doch sagte er mir, er wolle mich auf seiner Rückreise, die in einigen Wochen erfolgen wird, besuchen. Wie ich höre, will er Prediger in Prag werden. Da er mir eine Empfehlung von Herrn Jaeobsohn, des Präsidenten Sohn, brachte, bitte ich Sie, mir anzuzeigen nt ep# nJO2)- Er sagte mir, er hätte auf seiner Rückreise vieles mit mir zu sprechen; allein ich bin ein bischen mißtrauisch geworden, da ich die Menschen auch schon von mancher schlimmen Seite kennen lernte. EUILLETON Are Rose von Saron. Line Erzählung. V. brannte die Sonne, aber schon zog von der Höhe des Meeres ein kühler Hauch hernieder und milderte die Schwüle der Atmosphäre. Das Leben der beschäftigten Küstenstadt flackerte kräftiger auf, und wieder begannen die Uferkähne die glatten Spiegel des Hafens zu durchschneiden. Reson stand sinnend am Gestade und blickte über die bewegte Szene. Der Horizont war südwestlich durch die Berge Sinai und Horeb begrenzt; weit hinüber lag Aegypten. „Ob sie die Schiffe rüsten?" murmelte Reson. „Ob die Krieger des Pharao gegen Edom Heraufziehen? — Liebten sie dich also wie Reson, unglückliche Naömi! — doch es ist gut! Mögen sie zögern! Mein Schwert, das Schwert der Verzweiflung und der Liebe, und die Lanzen meiner Männer werden entscheiden! Und so wollen wir kämpfen! „Sei gegrüßt, Edomiter!" sagte eine Stimme in hebräischer Sprache neben dem Sinnenden. Dieser trat zurück und betrachtete erstaunt den Grüßenden. „Wer bist Du?" versetzte er zweifelhaft. Der Grüßende war eine sonderbare, fast erschreckende Männergestalt. Er war ein Mann in den Fünfzigern, hoch, dürre, mit verwitterten Zügen, aber funkelnden Augen und pechschwarzen langen Haaren. Die mächtig entwickelte hohe Stirn war tiefsinnig gehalten, die kräftige, scharf gebogene Nase paßte zu dem ernsten, entschlossenen Ausdruck der Augen. Der lange Bart wucherte wüst an Kinn und Lippen, das Haupt war unbedeckt. Ein beschmutzter Mantel von Linnen hing um die eckigen Schultern; ein langer Pilgerstab in der Hand und stark abgenutzte Ledersohlen an den Füßen deuteten eine unlängst stattgefundene Reise an. Der sonderbare Fremdling starrte den Edomiter auf dessen Frage an. Dann rief er mit dem Ausdruck des Hohnes um die aufgeworfenen Lippen: 2) Was ist das für ein Mann? Vergl. Mischnah Kethuboth 1, 8.