Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1898)
- Date
- 1898-07-29
- Page
- Seite 357 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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357 bedauerte dies sehr. Seinen Plan, Frankel für Berlin zu gewinnen, sah er dadurch gescheitert. Auf einen Brief an Frankel, in dem. Muhr jenen Gefühlen Ausdruck gab, antwortete Frankel am 5. März 1836 wie folgt: „Geehrter Herr und Freund! Ihre beiden werthen Briefe, die ich vorgestern und heute empfing, haben mich mit einer Unruhe und Wehmuth erfüllt, daß auch ich nur mit Mühe alles Ihnen ausführlich werde schreiben können und mehr dem Denker überlassen will. Wohl waren diese Briefe am meisten geeignet, meine Liebe und Hochachtung für Sie zu vermehren, der Sie so thätigen Antheil an dem Glaubenswohl Ihrer Brüder (nehmen), und besitzt Berlin mehrere solche Männer, so müßte es wahrlich eine der ersten Gemeinden bilden, und nichts wäre wünfchenswerther, als daß die Angelegenheiten einer solchen Gemeinde durch einen würdigen Religionsvorfieher geordnet würden. Sie glauben mich dazu berufen und find trostlos, daß ich durch die Annahme der Dresdener Stelle nun nicht nach Berlin gehen kann. Hören Sie nun aber, mein geehrter Freund! vor allem ein Wort der Beruhigung: ich habe die Stelle zu Dresden noch nicht definitiv angenommen; die Annonce in der „Spenerschen Zeitung" ist mir erst durch Ihr heutiges Schreiben bekannt geworden. Allein ich will Ihnen keineswegs verhehlen, daß die Unterhandlungen sich ihrem Ende nähern, und ich fürchte, es ist mir kaum mehr gestattet, zurückzutreten. Ich will Ihnen nun alles umständlich auseinandersetzen. In einer öffentlichen, von der Stadtbehörde beigewohnten Wahl fiel eine ungeheure Stimmenmehrheit auf mich, worauf sogleich der Stadtrath im Namen des Ministeriums sowie die Gemeinde sich beeilten, mich hiervon in Kenntniß zu setzen und anzufragen, ob ich die Stelle annehme wolle. Ich wurde zugleich ausgefordert anzugeben, unter welchen Bedingungen ich nach Dresden gehen wolle; allein ich schlug dieses ab und verlangte, daß die Gemeinde mir erst schreibe, was sie zu leisten im Stande sei. Dieses geschah auch; da ich mich aber mit diesem nicht zufrieden geben konnte, so wurde nun von der Gemeinde das Ministerium um Unterstützung angegangen, und es erfolgte beiliegendes Reskript. — Nun ist zwar noch kein offizielles Schreiben von der Gemeinde an mich eingegangen; ich wurde aber von einem dort angesehenen Privatmann im Namen der Vorsteher benachrichtigt, daß nichts meiner Anstellung im Wege sei. Erinnern Sie sich gütigst meines Mottos in meinem letzten Schreiben TüSfi vb ’JÖÖ 1Yu6B331 so werden Sie leicht begreifen, warum ich mit einem wirklich ziemlich mäßigen Gehalte mich begnügte und überhaupt mehr darauf bedacht war, einen Platz im Auslande zu finden, wo ich im Umgänge mit Gelehrten und in Benutzung auserlesener Bibliotheken meinen Brüdern und der Wissenschaft lebe. Ich glaube, bis Sonntag höchstens einen Brief von dem Dresdener Stadtrath und der Gemeinde hier zu haben. Enthält nun dieser eine offizielle bedingungslose Genehmigung meiner Vorschläge, so läßt sich gar nichts machen. Redlichkeit ist doch wohl das Erste, was ein Rabbiner beachten soll; und mit welchem Gewissen würde ich bei Ihnen eintreten, wenn nur ein Betrug die Brücke hierzu sein sollte? Wird aber die Dresdener Gemeinde neue Bedingungen machen und für die bewilligte Gehaltsvermehrung mir Lästiges vorschreiben wollen — dann bin ich rein bK'W'Öl 'HÖ (vor Gott und Israels und das will sehr viel sagen und ist unerläßlich. . . . Ehe Sie aber weiterschreiten, bedenken Sie noch einmal, geehrter Freund, ernstlich, ob ich und Berlin ganz für einander taugen. Es sollte Ihnen doch hinlänglich bekannt sein, sowohl aus mündlicher als schriftlicher Mittheilung, daß mein Ehrgeiz hier meiner Zufriedenheit nachstehen muß. Und sollte ich entweder durch das Gefühl meiner Schwäche oder indem ich der Gemeinde nicht genüge, in Berlin nicht glücklich sein, wäre es dann nicht besser, wenn ich Dresden vorgezogen hätte? Bedenken Sie dieses noch einmal, und beharren Sie dann noch bei Ihrer Meinung, so glaube ich Ihnen vorschlagen zu müssen, daß nun der ehrenwerthe Vorstand sich baldigst schriftlich an mich wende. Ich werde Ihnen nämlich höchstens bis Sonntag s. G. w. nochmals schreiben und Ihnen alles genau mittheilen. Im Fall, daß ich in Dresden Bedenklichkeiten finde, so werde ich mit der Rückantwort etwas zögern, bis ich ein Schreiben, welches aber in bestimmten Ausdrücken abgefaßt sein muß, von oer ehrenwerthen Gemeinde zu Berlin erhalte. Bestimmt muß es sein, denn sonst könnte ich bleiben fflp tfcöfcl1) und länger in Teplitz zu verweilen, bin ich nicht gesonnen. Welchen Gehalt ich verlange? Ich schreibe hier nichts vor: Berlin weiß seinen Rabbiner so zu stellen, daß er von keinem Privatwohlwollen abhänge, und wenn das kleine Dresden 700 Thaler fix jährlich bewilligt, so wird Berlin noch mehr das Seinige zu thun wissen. Aber darauf werde ich allenfalls dringen, daß die Leitung des Religionsunterrichts mir anheimgestellt sei, so wie das Schreiben des Herrn Dr. Rubo es besagt. Eines ist, was mich abschreckt: die Sperrung des Jaeobsohn'schen Tempels. Zwar bin ich nicht Willens, solche radikale Neuerungen vorzunehmen, sondern nur zu verbessern, und zwar in solcher Weise, daß es Niemanden zurückschreckte: allein wenn die Regierung abgeneigt ist und sogar deutsche Reden verbieten würde, dann wäre freilich mein Wirkungskreis sehr gehemmt. Ist die dortige Regierung so gesinnt wie das Kultusministerium zu Dresden, dann läßt sich alles Gute hoffen; wo nicht, so beschwöre ich Sie darum ^pJTlK tPBJl nblOTl Halten Sie nicht sich und ihren Freund mit falschen Hoffnungen hin), und reißen Sie mich nicht aus der Sphäre, wo ich mir manches Gute verspreche. Das Schreiben des Herrn Dr. Rubo werde ich Ihnen erst Sonntag einfchicken, weil es sonst den heutigen' Brief wegen der schon folgenden Jnlage vermehren und verdoppeln würde. Dieses Schreiben sagt freilich nur, daß ich der Gemeinde werde vorgeschlagen werden, allein Ihre Briefe geben die beruhigende und schmeichelhafte Versicherung, daß Ihre Gemeinde diese Wahl fast schon genehmigt habe." Am 8. März beantwortete Muhr diesen Brief von Frankfurt a. O. aus, wohin ihm Frankels Schreiben durch Eilboten nachgeschickt worden war, mit der inständigen Bitte, Frankel möge sich den Entschluß, nach Dresden zu gehen, nochmals reiflich überlegen; er bitte Gott, das Herz seines gelehrten Freundes dahin zu lenken. Wisse er doch, daß Muhr nur das Wohl der Judenheit im Auge habe. „Ich bitte Sie dringend, die Sache noch hinzuhalten. Ich werde gleich nach meiner Ankunft in Berlin alles Erforderliche arrangiren; Gemeinde und Regierung werden Sie unterstützen. Fürchten Sie nicht die Schließung des ehemaligen Jaeobsohn'schen Tempels. Die Ursache der Schließung ist nicht mehr vorhanden. Ich muß hierbei bemerken, daß ich mit der Art und Weise des damaligen Gottesdienstes nicht ganz einverstanden war; aber es war ein Extrem nothwendig, um einem anderen entgegenzutreten, um die Schläfer zu wecken und sie in den Kampf zu führen. In pekuniärer Hinsicht werden Sie in Berlin das sorgenfreiste Leben führen können, überhaupt in jeder Beziehung unabhängig von allem sein. Der Einfluß aber, den Sie durch Berlin auf das Schicksal unserer Glaubensbrüder haben werden, ist unberechenbar." Am 13. März schrieb Frankel hierauf: „Mein sehr geehrter Freund! Ich kann erst heute dem in meinem letzten Schreiben gegebenen Versprechen Nachkommen, da ich bis heute auf die Dresdener Antwort warten mußte. Sie traf so ein, wie ich es vermuthete. Man kommt nämlich allen meinen Wünschen nach, erfüllt alle von mir gestellten Forderungen, so daß ich nun in der That mit Liebe zu einer solchen Gemeinde gehe, die, wie es scheint, mich auch mit Liebe erwartet. Nur das Eine schmerzt mich tief, daß Sie THI '21N8 über diese Nachricht nicht erfreut fein werden, weil Sie mich lieber in Berlin wünschen. Empfangen Sie meinen innigsten Dank für Ihr freundschaftliches Wohlwollen; es wäre mir zu viel geschmeichelt, sollte ich nicht glauben, daß Berlin r6lT) feine sehr bedeutende Stadt) solchen Verlust nicht reichlich von anderswo sich werden ersetzen können, und auch was mich selbst anbelangt, halte ich es für gerathener, für jetzt nach Dresden als nach Berlin zu gehen. Ich sage für jetzt und hoffe, daß, sobald vpp ‘TOnft (Sie, mein Theuerster) Ihre erste Unruhe sich werde gemindert haben. Sie auch den Gehalt meiner Gründe anerkennen werden. *) Von beiden Seiten leer ausgehen, talmudische Redensart (Tr. Baba-Kama s. 6ob).