Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1898)
- Date
- 1898-07-29
- Page
- Seite 356 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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356 Hut ab vor einem solchen Manne, der auch in einer solchen Lage der Menschlichkeit die Ehre giebt!" Ich kann nicht umhin, zu diesem Artikel zu bemerken, daß auch das Judenthum uns dieselbe große Art von Menschlichkeit — eigenthümlicherweise — in unserer Liturgie predigt und seit undenklichen Zeiten jahraus jahrein mehrere Tage hinter einander in lebhafte Erinnerung bringt. Und zwar geschieht dies durch die Anordnung, daß wir nur an den beiden ersten Tagen des Paffahfestes das vollständige Hallelgebet, an allen übrigen Tagen desselben aber nur fragmentarisch dieses Gebet zu verrichten haben. Das Motiv für diese Anordnung finden wir im Jalkut 960. Daselbst heißt es: Eigentlich hätten wir an sämmtlichen Tagen des Pafsahfestes das vollständige Hallelgebet verrichten sollen, wie dies ja auch an den sämmtlichen Tagen des Laubhüttenfestes der Fall ist. Gleichwohl soll dies unterbleiben, weil uns die Paffahtage an den Wafsertod der Aegypter sowie an den Umstand, daß Unzählige derselben ihren Untergang in des Meeres Fluthen fanden, erinnern, dem gegenüber einmal der königliche Gleichnißredner das wahrhaft königliche Wort sprach: Wenn dein Feind fällt, juble nicht, und wenn er strauchelt, jauchze nicht in deinem Siege (Sprüche 24,17). Und an einer anderen Stelle im Midrasch heißt es in ähnlicher Weise: Gott habe den Israeliten zugerufen: Die Gebilde meiner Hand sind in den Abgrund des Meeres gesunken, und ihr wollet mir Jubellieder anstimmen? (Siehe Chol Jacob 6 zu Orach Chajim 490.) Psychiatrisches in der Bibel. Von Dr. S. Nafchör. fm Pentateuch werden Sinnesverwirrungen, wie andere Krankheiten, als Strafen Gottes bezeichnet. Nur die Befolgung von göttlichen Gesetzen, ethisch-diätetischen Vorschriften vermag von körperlichen und seelischen Krankheiten zu befreien, für die der Herr Arzt ist?) Sinnestäuschungen durchs Gehör sowohl s) als auch durch die Gicht * 3 4 *) werden als Strafen gegen den göttlichen Willen angeführt, ebenso wie Schwermuth und tiefe Bestürzung, so daß für die Seele am Hellen Mittag des Lebens die Kerzen ausgeblasen sind, welche auf der Wanderung durch die Welt leuchten sollten. *) Der Kranke kann sich selbst nicht schützen und nicht geschützt werden auf der Dornenbahn des Daseins.3) Nur der Glaube an eine über alle Wesen erhabene/) über Klüfte und Grüfte erhebende, erlösende göttliche Macht/) die Hingabe an das durch äußerliche Normen des Inneren der Seele weihende und veredelnde Gottesgesetz3) und die Ausübung der Gerechtigkeit und Mildes schützen vor, befreien von seelischer Krankheit. Das beweist die siebenjährige psychische Leidensgeschichte Nebukadnezars10). In der prophetischen Zeit wurden häufig die Grenzlinien zwischen Genie und Wahnsinn in der Volksmeinung geflissentlich verwischt und geistige Krankheiten mit der Tendenz erfunden. die Erhebung zur Uebernatur als Unnatur verächtlich zu machen"). Insbesondere haben die Propheten mit den Schwingen der Vorstellung über die Niederungen des Alltagslebens zu den Höhen des Göttlichen sich erhoben, die Harmonie des Himmlischen mit dem Irdischen in ihr Herz hinein verschlungen. Das macht ihre Rede groß, herrlich, unsterblich. Um nun die Einwirkung des Gottbegnadeten auf das Volk unmöglich zu machen, hat das nicht berufene h Exod. 15. 26. s) Levit. 26, 37. S) Deut. 29,34. ■*) Deut. 28, 28 u. 29 (Parallele: Zachar. 12, 4). ">) Jalkut Simeoni daselbst. 6) Daniel 4, 32.?) Psalm 42, 11 u. 12. «) Exod. 15, 26. °) Daniel 4, 24. 10) Daniel 4, 22. u) Ii. Könige 9, 11 (D. Kimchi im Biur z. St.). und nicht auserwählte, mittelmäßige oder falsche Prophetenthum und der Anhang deffelben die Gottesverkünder als Geisteskranke verdächtigt und verfolgt. Und wie sündhaft ist, psalmistischer Sittenanschauung gemäß"), die Verfolgung um wirklicher, geschweige denn erfundener Leiden willen. „Ward doch als Thor der Prophet, als wahnsinnig das Genie gebrandmarkt." Während der göttliche Seher ins Reich des Himmlischen sich vertiefte, hatte die sündige Gehässigkeit und gehässige Sündhaftigkeit des Gesinnungspöbels Netze erfunden, um die Propheten auf ihrem Wandel in Verwirrung zu bringen. Ach, diese Sünde fand furchtbare Vergeltung"). Der große König Jehu, welcher den Götzendienst vernichtete und am Hause Achabs geschichtliche Vergeltung übte, ward als von Gott auf den Thron Erhobener von den Rivalen der Krone, König J'horam von Israel und König Achasjah von Juda für wahnsinnig erklärt"). Nicht besser erging's dem erhabensten rednerischen Gottesverkünder Jeremias, dessen Wort Feuer war, ein Hammer, der den Fels zersplittert"). Dieser Prophet wurde von einem feilen Knechte Zidkiahs, Schmajah") für geisteskrank erklärt, weil er den Krieg gegen den babylonischen Welteroberer als heroische Thorheit widerrieth und die Hingabe an das neue chaldäische Vaterland als die einzige Rettung für das jüdische Volk verkündet hatte"). Der Prophet wurde in eine Grube geworfen, eingekerkert, aber die Flammen, welche aus den Trümmern Zions himmelwärts stiegen, beleuchteten unheimlich die Wahrheit der Sendung, die ergreifende Wirkung der Klagelieder des großen Sohnes über den Untergang des Heiligthums. Seitdem das erste Heiligthum durch Haß gegen die Propheten, das zweite durch Verachtung der Gottesgelehrten untergegangen war, blickte das Auge der israelitischen Gläubigen sehnsuchtsvoll auf Zion, auf dessen Höhen die Krone des Königs der Poesie und der Wissenschaft, des Wortes der That und der That des Wortes, des Heldenkönigs mit Harfe und Schwert erstrahlt war. Auch dieser gottgesalbte König David, der das Urbild der Könige ist, war dem Schicksal nicht entgangen, von Achisch, dem König von Gath, als dem Größenwahn verfallener Unglücklicher dargestellt zu werden. Der scheinbare Wahnsinn war die Rettung des geheiligten Sängerkönigs"). Von dem König David haben wir nun ethisch-diätetische Lehrsätze ererbt, welche in dem 34. Psalm niedergelegt sind: Willst gesund du geistig leben. Hüte Dich vor bösen Reden. Thue Gutes nur hienieden, Suche stets den wahren Frieden.") Zacharms Frankel in Berlin. Von Dr. S. Bernfeld. III. m Sommer 1835 war Joseph Muhr wieder in Teplitz. Bei dieser Gelegenheit scheint der Gedanke von Frankels Berufung nach Berlin ernstlich besprochen worden zu sein. Während man aber in Berlin darüber berieth, wurde im März 1836 Dr. Frankel zum Oberrabbiner in Dresden gewählt. Die Art der Berufung, von der am 21. März 1836 durch das Bürgermeisteramt von Dresden an Frankel Mittheilung gemacht wurde, erregte in jenen Tagen Aufsehen. Muhr, der davon früher erfahren hatte, ") Psalm 69, 27- 30, «) Hosea 9,7 u. 8. ") II. Könige 9, 20 u. 21 ") Irrem. 23, 29. ") Irrem. 29, 26 u- 27. ") Jerem. 29, 7 und 8. ") I. Samuel 21. ") 34. Psalm 13-16. tfül