Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1898)
- Date
- 1898-07-29
- Page
- Seite 355 (sequence 7)
- Language
- German
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855 „damit sie nicht dumm sei, wenn von wichtigen Zeitfragen und Zeitereignissen gesprochen werde!" So nur konnte sich eine hochgesinnte Frau entwickeln, welche bahnbrechend wirkte; durch diese vernünftige Erziehungsmethode wurde aus dem jungen Mädchen eine so warme, begeisterte Vorkämpferin für Frauenwohl und Frauenrecht! Was die edle Heimgegangene für eine große Menge gewirkt hat, das kann jede Frau in dem engen Kreise ihrer Familie thun. Theilnahme, Interesse für nationale und geistige Bestrebungen muß jede echte Mutter in der heranblühenden Generation zu wecken verstehen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß es oft nur einer Mahnung an die deutschen Jüdinnen bedarf, um sie aus der sie noch so vielfach beherrschenden Lethargie und Gleichgiltigkeit aufzurütteln, ich bin optimistischer als meine verehrte Gesinnungsgenossin und Mitarbeiterin dieses theuren Blattes, welche mir jüngst schrieb: „Arbeiten wir weiter, aber hoffen wir nichts, und wir werden keine Enttäuschungen erleben!" Ich wende mich mit diesem Appell hauptsächlich an die Mütter, denn die Erziehung der Kinder liegt ja zumeist in den Händen der Mütter, da den Vater sein Beruf oft fern von Hause hält, und darum sein Einfluß auf die Kinder von weit geringerer Bedeutung ist. Die Aufgabe der Frauen und Mütter ist es daher in unseren Tagen, den Sinn und die Theilnahme der Kinder auf die höchsten Interessen hinzuweisen, edle Geschmacksrichtung in der heranblühenden Generation zu wecken, schon um der so erschreckend überhandnehmenden Blasirtheit der Söhne und Oberflächlichkeit der Töchter zu steuern; es scheint geradezu, als hätte unsere Jugend verlernt, sich für irgend etwas zu begeistern. Um aber diese hochwichtige Aufgabe erfüllen zu können, müssen die Frauen und Mütter strenge Selbsterziehung üben, nicht rasten und ermüden, an sich selbst zu arbeiten, müssen mit offenem, klarem Blicke nicht nur um sich schauen, denselben nicht geflissentlich den Anforderungen der Zeit verschließen, sondern ebenso in sich schauen, ihre Schwächen und Fehler erkennen lernen, sich dieselben eingestehen und streben, dieselben energisch zu bekämpfen. Es ist eine veraltete und durchaus irrige Anschauung, daß mit der Verheirathung das geistige Leben der Frau aufhören solle; wir vermeinen, es solle erst recht da beginnen; die gereiftere Frau, die Mutter, hat die Pflicht, ernst und eifrig weiter zu lernen, sich fortzubilden, „rast ich, so rost ich!" Sie soll und muß ja ihr Wissen, ihre Welt- und Menschenkenntniß ihren höchsten Schätzen, ihren Kindern, nutzbar machen; darum muß sie streben, sich ein klares, sicheres Urtheil zu bilden, nach bester Ueberzeugung, auf edelsten Grundsätzen die Erziehung ihrer Kinder leiten zu können, damit dieselben einst nützliche Glieder der menschlichen Gesellschaft werden, und die hohe Gesinnung der Frauen und Mütter ein unveräußerliches Erbtheil ihrer Familie werde. Dies ist eine der hervorragendsten Kulturaufgaben unserer Frauenwelt! Die wahrhaft gebildete Frau darf den nationalen Fragen auch nicht theilnahmslos gegenüberstehen. Es ist durchaus nicht „unweiblich" wenn eine Frau auch Interesse für Politik und öffentliches Leben zeigt; ja in unseren Tagen, wo hochbedeutungsvolle Fragen von unberechenbar großer Tragweite die Nation bewegen und beschäftigen, ist es geradezu nothwendig, daß die gesammte Frauenwelt „nicht dumm dastehe, wenn von Politik gesprochen wird". O über das „unweiblich!" Es ist durchaus „weiblich", auch neben dem höchsten Ideale der rechten und echten Frau, dem Wäscheschrank, neben dem glänzenden Fußboden auch andere Ideale zu haben! Man kann nicht nur eine rechte, echte Frau sein, sondern man ist es nur einzig und allein, wenn man praktische Thätigkeit und Tüchtigkeit mit den höchsten geistigen Interessen verbindet, wenn man die Schäden der Zeit, in der man lebt, kennt und versteht, wenn man strebt, sie zu bessern, wenn man Kopf und Herz auf dem rechten Flecke hat, hilfsbereit gegen die leidende und darbende Menschheit ist, wenn man seine Pflichten als Gattin und Mutter treulich erfüllt und nie verabsäumt, wenn man sich im wechselvollen Kampfe des Lebens bewährt und sich dennoch für Kunst und Wissenschaft begeistert. Das ist „weiblich"! Wenn wir an dem geistigen Leben der Männer regeren Antheil nehmen werden, dann werden sie uns nur umsomehr achten>nd schätzen, unser Wort, unser Streben mehr gelten lassen! Fort mit der Gleichgiltigkeit und Indolenz, sie gehören einer früheren Epoche an; die deutsche Jüdin unserer Zeit darf den geistigen Bestrebungen auf allen Gebieten nicht mehr in stumpfer Theilnahmslosigkeit gegenüberstehen; alle Diejenigen, welche ernst für die Sache der Frau, für „Frauenemanzipation" im edelsten Sinne des Wortes eintreten, können ihren Mitschwestern nicht eindringlich genug vor Augen führen, daß jene Gleichgiltigkeit und Achtlosigkeit schon gar manche edle Bestrebung scheitern ließen, welche in bester, uneigennützigster Absicht hervorgerufen wurde. Kern Hurrah! Von Dr. H. Tietz in Jnowrazlaw. n dem Abendblatt der Volkszeitung Nr. 316 d. I. ist folgender XsJ Artikel enthalten: Kein Hurrah! Unser Londoner Korrespondent schreibt uns auf Grund von Mittheilungen englischer Blätter: „Mit dem Bekanntwerden der Details des Verzweiflungskampfes der Flotte Cerveras muß die Achtung vor den Amerikanern unbedingt wachsen, und zwar nicht nur die Achtung vor den Amerikanern in ihrer Eigenschaft als Soldaten, sondern die weit werthvollere Achtung vor dem von ihnen gezeigten Menschlichkeitsgefühl. Admiral Cervera hatte seinerseits durch die Behandlung des nach der Versenkung des „Merrimac" in Gefangenschaft gerathenen Lieutenants Hobson und seiner tapferen Schaar allerdings bewiesen, daß es auch ihm nicht an menschlichem Fühlen fehlte, und vielleicht dadurch nicht wenig dazu beigetragen, daß der Rettungseifer gegenüber dem geschlagenen Feinde nicht minder groß war als vorher der Vernichtungseifer. Aber dem Kapitän Philip vom Schiffe „Texas" ist es Vorbehalten geblieben, eine Aeußerung zu thun, welche in der Kriegsgeschichte wohl einzig dasteht und nicht nur ihn, sondern das ganze Volk ehrt, dem er angehört. Seit Stunden lag die „Texas" in heftigem Kampfe gegen den „Almirante Oquendo". Kapitän Philip war wie durch ein Wunder dem Tode entgangen, denn eben hatte er die Kommandobrücke verlassen, als diese von einer Granate des „Oquendo" getroffen wurde. Da schossen gewaltige Flammen aus dem Inneren des „Oquendo" auf, und eine furchtbare Explosion erschütterte den mächtigen Panzer- Hurrah, Hurrah! erscholl es von dem Schiffe der kampf- und siegestrunkenen Amerikaner, doch diesen Ruf übertönend, erklang die ruhige Stimme des amerikanischen Kapitäns: „Nicht Hurrah rufen! die armen Teufel sterben!" In dem Augenblick, wo er selbst erst der Todesgefahr entronnen ist, in dem Augenblick, in welchem die höchste Genugthuung des Soldaten, der Sieg über den mächtigen Gegner, ihm zu Theil wird, hat Kapitän Philip kein „Hurrah"; er hat nur das einzige Gefühl des Mitleids für seine elend zu Grunde gehenden Gegner, die, wie er, fühlende Menschen sind, und denen persönlich zu grollen er und seine Landsleute keinen Grund haben.