Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-07-29 · Heft 30 (29.7.1898) · p. Seite 354

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 30 (29.7.1898)
Date
1898-07-29
Page
Seite 354 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228288--54772-3290939
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

354 bitte daher den Vorstand, diese und ähnliche Gegenstände in den Vordergrund des Programms auch künftighin zu stellen. Alexander-Breslau weist die Angriffe Lintners auf die religiösen Verhältnisse zu Ende des vorigen und zu Anfang dieses Jahrhunderts zurück. Blumenfeld- Schweidnitz glaubt darauf Hinweisen zu müssen, daß die Wilhelmsschule zu Breslau doch insofern einen Einfluß ausgeübt habe, als die Gemeinden, durch jene veranlaßt, nur geprüfte Lehrer für den Religionsunterricht anstellten, und bemerkt beiläufig, daß ihm Fälle bekannt wären, wo sogar christliche Lehrer an jüdischen Volksschulen angestellt wurden, wenn jüdische geprüfte Bewerber nicht vorhanden waren. Tintner-Bunzlau spricht seinen Dank für die lehrreiche Ergänzung seines Referates durch Herrn Dr. Brann aus, verwahrt sich aber gegen jede Absicht, das Hergebrachte herabzusetzen oder zu verletzen. Zu Punkt 8 der Tagesordnung nimmt Herr Dr. Brann-Breslau das Wort, indem er die von Herrn Oberkantor Birnbaum in Königsberg für Kantoren und Lehrer eingerichteten Ferienknrse aufs Wärmste empfiehlt. Dagegen bemerkt jedoch Tintner-Bunzlau, daß die Absicht Birnbaums nicht angebracht erscheine, da nicht Sänger, sondern Vorbeter für den Kantorendienst nöthig seien. Hiermit ist die Tagesordnung erschöpft, und der Vorsitzende schließt um 21/2 Uhr Nachmittags die Versammlung mit dem Wunsch, daß die empfangenen Anregungen zu reicher Saat aufgehen und reiche Früchte tragen mögen. Der Schriftführer. Dr. Samter. Gin wunder Punkt. Von Regina Neisser. wenigen Wochen hielt die verdienstvolle, begeisterte VoräLJ kämpferin der deutschen Frauenbewegung, Frau Dr. Henriette Goldschmidt, zwei Vortrüge in Breslau und entfesselte durch ihre glänzenden, geistvollen Ausführungen einen wahren Beifallssturm in der gesammten gebildeten, vorzugsweise der jüdischen Frauenwelt. Die Saat, die sie mit diesen Vorträgen „Ausgangspunkte und Ziele der Frauenbewegung" in der Gesellschaft der Freunde und „Erziehungsberuf und Berufsbildung der Frau" im Verein „Frauenwohl" ausgestreut hat, ist sicherlich auf fruchtbaren Boden gefallen; zweifellos wird dieselbe goldene Blüthen und Früchte zeitigen, sie hat hiermit in weiteren Kreisen Interesse für die „Frauenfrage" geweckt, die derselben bisher theils fern, theils skeptisch gegenüber standen. Unsere Zeit ist eine Zeit des Fortschritts auf allen Gebieten, überall drängt es mächtig „vorwärts", mehr als je gilt in unseren Tagen das Wort „Stillstand ist Rückschritt". Die Vorkämpferinnen der deutschen Frauenbewegung, zu der wir mit Stolz viele bedeutende Jüdinnen zählen, neben Frau Dr. Goldschmidt Frau Lina Morgenstern in Berlin, Frau Ottilie Bondy in Wien u. A. m., haben das schöne Bewußtsein, daß in den drei Jahrzehnten ihrer segensreichen Wirksamkeit für Frauenwohl schon viel erreicht worden ist, aber es gilt auch noch viel Vorurtheile zu bekämpfen! Ungeachtet der vielen schönen Erfolge, welche die fortschrittliche Bewegung unter den Frauen schon errungen hat, ungeachtet so zahlreicher trefflicher Neuerungen, die eingeführt worden sind, begegnen wir noch immer dem alten Vorurtheil, von dem man glauben sollte, daß es sich längst überlebt hätte, daß die Männer nicht nur zum großen Theil noch bestrebt sind, die „Frauenfrage" ins Lächerliche zu ziehen und ihr keinerlei Bedeutung beimessen zu wollen, sondern, was noch bei Weitem schlimmer ist, daß ein großer Theil der Frauen, und besonders der jüdischen Frauen, nicht nur vollständig gleichgiltig den Frauenbestrebungen gegenüber steht. Es ist dies eine traurige Thatsache, die sich nicht fortleugnen läßt, und gerade die Frauen selbst müßten mit aller ihrer Kraft in Wort und Schrift gegen die Gleichgiltigkeit und Geringschätzung so vieler ihrer Mitschwestern gegen alle höheren Bestrebungen zu Felde ziehen, sich nicht scheuen, dieselben scharf zu tadeln und eifrig bestrebt sein, dieselben zu bekämpfen. Nicht der Spott der Männerwelt, nicht die Ungunst der Zeit sind die Hemmnisse, die sich dem ersprießlichen Gedeihen unserer Bestrebungen noch immer in den Weg stellen, sondern einzig und allein der Mangel an geistigen Interessen bei einem so großen Theile der Frauenwelt. Der wunde Punkt, an dem unsere Zeit krankt, ist, daß die Gedankenwelt so vieler moderner Frauen oft nur allzu sehr von kleinen, nichtigen Dingen, Toilettenfragen, modernen Zimmereinrichtungen, Vergnügungen, ausgefüllt wird. Wenn die jüdischen Frauen freudiger und reger an den großen, wichtigen Fragen, welche die Zeit und Welt bewegen, an den Errungenschaften, deren sich unsere Zeit erfreuen darf, Antheil nehmen werden, dann wird das Vorurtheil gegen sie selbst am ehesten verstummen. Das Haus ist und bleibt die Welt der Frau, die ureigentliche Domäne der Frau, jede Arbeit ehrt und adelt die Frau, und es liegt ein großer Segen in Frauenthätigkeit zum Wohle ihrer Familien; allein Wirthschaftsfragen, Wirthschaftssorgen, die Sorgen um Mann und Kinder sollen und dürfen nicht ausschließlich unsere Frauenwelt beschäftigen und ausfüllen, sie sollen auch Interesse für alles Schöne und Hohe, Edle und Große, was Kunst und Litteratur hervorbringen, bethätigen. Die Frauen, die zugleich in praktischer und idealer Weise ihrem Hause vorstehen, bei der Erziehung ihrer Kinder den Grundsatz verfolgen, daß praktischer Sinn mit idealer Anschauung sehr gut vereinbar, werden die tüchtigsten Vorkämpferinnen der Frauenbewegung sein, werden dieselbe fördern und unterstützen, wenn sie auch nie aus den Grenzen des Hauses treten. Wenn die Kinder, nicht nur die Mädchen, sondern auch die Knaben, in ihrer Mutter nicht nur die in den kleinlichen Sorgen des Alltagslebens, in Wirthschafts- und Toilettenfragen aufgehende Frau lieben und verehren dürfen, sondern die zielbewnßte, begeisterte Erzieherin und Freundin, welche, von hoher Gesinnung und edlem Streben beseelt, versteht, dies auf die heranblühende Generation zu vererben, dann werden aus unseren Töchtern neue Kämpferinnen für die Frauenbewegung erwachsen, was dringend Noth thut, nun die Reihen der Veteraninnen derselben sich zu lichten beginnen, und aus unseren Söhnen Männer, welche nicht verächtlich auf Gesinnungsgenossinnen ihrer Mutter herabsehen, sondern in der Gesammtheit das Geschlecht verehren, dem ihre Mutter, der sie ihr Bestes verdanken, angehört. Auf diese Weise können auch Männer veranlaßt werden, den Bestrebungen der Frauenwelt ihr Interesse zuzuwenden; „kleine Ursachen — große Wirkungen!" Man wende nur ja nicht ein, die Wirthschaftssorgen, die Pflichten gegen Mann und Kinder gestatten der Mehrzahl der Frauen nicht, sich für Kunst, Wiffenschaft, Zeitfragen rc. zu interessiren; dieser Einwand ist absolut haltlos. Warum finden unsere Frauen Zeit zu endlosen Besuchen, von denen sie oft mit so großer Leere im Gemüthe ja noch neiderfüllt, heimkehren, zu noch endloseren Konferenzen mit Schneiderin und Modistin, zu eifrigen Studien der Modeblätter, zu den überflüssigsten, zeitraubenden, augenverderbenden Handarbeiten, zur Lektüre aufregender, seichter Romane u. s. w. Es ist gerade ein Jahr vergangen, daß Frau Luise Otto-Peters in Leipzig, die Gründerin des ersten deutschen Frauenvereins zur Förderung der Erwerbsthätigkeit und wirthschaftlichen Selbständigkeit des weiblichen Geschlechts, ihre große, edle und starke Seele aushauchte. In der Biographie dieser großen Frau lesen wir, daß ihr Vater ihren Blick, als sie noch ein ganz junges Mädchen war, auf die Zeitereignisse hinlenkte, daß er ihr die Zeitungen zu lesen gab

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.