Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1898)
- Date
- 1898-07-29
- Page
- Seite 351 (sequence 3)
- Language
- German
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351 ats der christliche. Die jüdischen Studenten rekrutiren sich in überwiegend, großer Zahl aus Kreisen, die nur so lange über Einkommen verfügen, als ste Erwerb haben. Ihr „Wechsel" ist ein sehr bescheidener, ste wissen auch, was sie, wenn ste ins „Philisterium" übertreten, nicht zu erwarten haben. Ihr Lebenslaus ist weniger „Lieb und Lust" und „Sauferei" und „Rauferei" als Vorbereitung zu ihrem Beruf. Protektion und Konnexion hat der junge jüdische Jurist nicht zu erwarten, im Gegentheil, Hindernisse auf allen Wegen. Jahrhunderte hindurch unter der brutalsten Ungerechtigkeit seufzend, weiß der Jude das köstliche Gut der Gerechtigkeit wahrlich nicht weniger zu schätzen als der Christ. Er sieht in jedem Mitmenschen den Menschen, dessen Persönlichkeit er achtet, und dem er als Richter Verständniß entgegenbringt, nicht weniger als der christliche Richter, denn er hat die Nichtachtung der Persönlichkeit zur Genüge kennen gelernt. Er kennt die Bedürfnisse des kleinen Mannes, er weiß, wo ihn der Schuh drückt, denn er lebt mit den kleinen Leuten, und keine Reservelieutenantsverpflichtungen trennen die Empfindungen des jüdischen Richters von dem kleinen Mann, der sein Recht sucht. Eine immer wiederkehrende Verleumdung ist die Behauptung, daß „jüdische Richter jedesmal, wenn unter den streitenden Parteien sich Stammesgenossen von ihnen befinden, ein lebhaftes Interesse zeigen, deren Angelegenheiten in ein günstiges Licht zu stellen und ihnen, soweit angängig, hilfreich zu sein — auch vielleicht ohne bestimmte Absicht." — Umgekehrt kann man in solchen Fällen, insbesondere unter der Herrschaft des Antisemitismus — zweifellos ohne bestimmte Absicht — das Gegentheil beobachten. Was soll man erst zu der verlogenen Schilderung des jüdischen Rechtsanwalts seitens jenes Blattes sagen? Wir empfehlen dem Verfasser, sich seine Informationen bei diesem und jenem antisemitischen Rechtsanwalt zu holen, aber nicht in öffentlicher Versammlung, sondern im stillen Kämmerlein, und er wird da manches hören, was. er bisher noch nicht weiß oder nicht wissen will. Wir könnten mit einer ganzen Reihe jüdischer Namen aufwarten, die in hervorragender Weise die juristische Wissenschaft und die juristische Praxis befruchtet haben." * Zu dem Kapitel von dem Antisemitismus der sindirenden Jugend hat sich letzthin auch der Abgeordnete Wilhelm Liebknecht in einer Studentenversammlung geäußert. Er sagte u. a.: „Man sagt: „Deutschland den Deutschen", damit spricht, man gewöhnlich aus: „Heraus mit den Juden". Ja, ich frage, find denn die Juden keine Menschen? Wenn vor fünfzig Jahren Jemand gesagt hätte: in dem Vaterlande Lessings, der den „Nathan" geschrieben, werde eine Judenhetze entstehen, so hätte man ihn für das Irrenhaus reif gehalten. Vor fünfzig Jahren ahnte man nicht, daß am Ende des neunzehnten Jahrhunderts ein Theil des deutschen Volkes derartig in Barbarei verfallen könnte, daß es für eine Judenhetze zu gewinnen wäre. Die Deutschen, die zur Hälfte aus Slaven bestehen, sind ein noch größeres Mischvolk wie die Engländer und Franzosen. Leute, die den Rassenhaß betreiben, stehen auf einer sehr niedrigen Kulturstufe. Die akademische Jugend sollte sich schämen, solchen Leuten Gefolgschaft zu leisten. Ich erwähne dies ganz besonders, weil gerade an den deutschen Universitäten der Antisemitismus die häßlichsten Blüthen getrieben hat." * Ueber die Fortschritte der judenfeindlichen Strömung selbst in Belgien haben wir leider in letzter Zeit wiederholt berichten müssen. Aber die nachfolgende Mittheilung der „Frankfurter Zeitung" übertrifft alles bisher Mitgetheilte: „Wie telegraphisch berichtet wurde, ist am Sonntag in Brüssel unter Theilnahme in- und ausländischer Kardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe eine glänzende Prozession abgehalten worden zur Erinnerung an die 1370 von Juden gestohlene Hostie und das darauf erfolgte „Blut-Wunder". Die Legende erzählt darüber Folgendes: Auf den Antrieb eims reichen Juden von Enghien, Namens Jonathan, und gegen eine Belohnung von 60 Goldstücken stahl ein getaufter Jude, Namens Johann von Löwen, die geweihten Hostien aus einer Kapelle, die später zur Pfarrkirche St. Katharina wurde. Die Hostien wurden nach der Synagoge gebracht und dort zur Feier des Paffahfestes mit Dolchen durchbohrt: sofort floß Blut heraus. Das Geschehene gelangte zur Kenntniß der Kirchenbehörde, welche die weltliche Behörde in Bewegung setzte: die Missethäter wurden verhaftet, gefoltert und zum Tode verurtheilt. Am 23. Mai wurden sie, Männer und Weiber, gänzlich nackt auf Karren gebunden und durch die Stadt geführt; an jedem Kreuzwege wurden sie mit glühenden Zangen gezwickt. Auf dem Wollendries, zwischen dem Namur- und dem Hal-Thore, wurden sie dann lebendig verbrannt. Um zugleich ein warnendes Exempel zu geben, wurden die Kinder der Missethäter um den Scheiterhaufen herumgestellt; ste mußten die . Verbrennung ihrer Eltern und Verwandten mit eigenen Augen ansehen; dann wurden sie getauft und in christliche Häuser gethan. Alle übrigen Juden wurden aus Brabant verbannt und ihre Güter eingezogen; ein katholischer Schriftsteller berechnete später den Werth dieser Güter auf 883 000 Brabanter Gulden. So die Legende. DieGeschichte sagtnatürlich etwas Anderes. Es ist, wie die Ivdepsvduuoe beige ausführt, erwiesen, daß 1370 nur ein einfacher Hostiendiebstahl sich ereignete; von der Wunder-Zuthat wissen selbst solche Chronisten nichts, die sonst sehr wundergläubig waren. Wirklichkeit dagegen ist die grausame Verfolgung der Juden, die nach dem Bericht des gleichzeitigen Chronisten Gottfried de la Tour beschuldigt wurden, sich heimlich und in böser Absicht geweihte Hostien verschafft zu haben. Erst später pfropfte man auf diesen Vorgang ein Wunder und machte daraus eine Legende, gerade wie an anderen Orten auch. Die blutende Hostie ist nämlich keine Wunder-Eigenthümlichkeit von Brüssel, so wenig wie die Beschuldigung der Juden, daß sie Hostien stehlen und zu mörderischen Zwecken verwenden. Professor Errera von der freien Universität Brüssel hat sogar im Jahre 1690 das Wunder nachgemacht, indem er vor seinen Zuhörern blutende Hostien produzirte. Ein kleiner Pilz, der micrococcus prodigiosus, entwickelt sich nämlich auf den Hostien und bildet zuweilen rothe Flecken. Daher wird denn auch das gleiche Wunder von vielen Orten erzählt; es soll sich, um nur einige zu nennen, 1247 in Belitz (Brandenburg) 1290 in Paris, 1299 in Franken, 1315 in Segovia, 1338 in Pulka, Syutz und in Neubourg ereignet haben. Wenn die Kirche den Glauben, daß die rothen Flecken wirkliches Blut seien, nicht selbst aufgebracht hat, so hat sie ihn doch dazu benutzt, um ihre Lehre von der wunderbaren Gegenwart Christi im Altarsakrament zu befestigen und den Abscheu der Christen vor den Juden zu verstärken. Es glückte ihr freilich nicht immer, die Wahrheit zu verwischen. Bezüglich des vorhin erwähnten Neubourg (Frankreich) gesteht der Abbe Fleury in seiner Kirchenschichte, daß ein Geistlicher eine mit Blut getränkte, aber nicht geweihte Hostie in die Kirche gebracht und später in der Beichte bekannt habe, er habe es gethan, um den Juden zu schaden. Und bezüglich des Wunders in Brüssel selbst hat der dortige Magistrat schon 1581 erklärt, es lägen urkundliche Beweise vor, daß es sich weder um eine Verletzung noch um ein Bluten handle. Das alles kümmert die Klerikalen nicht; sie halten an der Legende fest, die den Wunderglauben der Menge stärkt und dem Judenhaß Vorschub leistet. Im Jahre 1870 wollte man das fünfhundertjährige Gedächtniß des Wunders feiern, allein der Zorn Brüssels über das Unterfangen war so groß, daß die Klerikalen, obschon sie im Besitz der Regierungsgewalt waren, den Plan aufgaben. Am Sonntag haben sie ihre Revanche gehabt. Die Feier der Erinnerung an die blutende Hostie und die „jüdische Schandthat" ist glänzend verlaufen und ist sogar offiziell durch die Theilnahme einer halben Eskadron Kavallerie und zwei Kompagnien Infanterie, die den „Himmel" begleiteten, verherrlicht worden. Man ersieht daraus, welche Fortschritte sogar in Belgien der Klerikalismus seit 1870 gemacht hat." Vielleicht erinnern sich die Leser noch einer ausführlichen historischen Darstellung dieses Hostiendiebstahls und der daran sich schließenden Verfolgungen, die unser Blatt vor etwa sechs Jahren aus der Feder eines angesehenen christlichen Historikers gebracht hat. * Das englische Oberhaus hat die „Aliens Bill", das heißt die Vorlage, welche unliebsamen Einwanderern die Niederlassung in Großbritannien verbieten will, genehmigt. Aussicht, daß sie in der gegenwärtigen Tagung des Parlaments auch im Unterhause zur Berathung kommen wird, ist nicht vorhanden. Auf das Schicksal der Bill im Hause der Gemeinen dürfte man einigermaßen gespannt