Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1898)
- Date
- 1898-07-29
- Page
- Seite 350 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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360 Oppert, Dernburg, Reinach, Munk u. A., haben erst in Frankreich die Stellung gefunden, deren sie in Deutschland trotz anerkannt tüchtiger Leistungen nicht gewürdigt wurden, weil sie eben Juden waren und nicht charakterlos sein wollten, um den Glauben ihrer Väter einer besseren und ehrenvolleren Stellung wegen aufzugeben. Gewiß, es soll gar nicht in Abrede gestellt werden, daß eine Zeit lang auch in Deutschland Juden, wenn sie Tüchtiges geleistet hatten, akademische Lehrstühle erhielten, aber jetzt hat sich seit Jahren das Blättchen in der Beziehung gewendet. Ja, wie es heißt, bestätigt die sächsische Regierung — man kann sagen, eigentlich nur konsequent — nicht einmal einen getauften Juden an der Leipziger Universität. Als ein bekannter Romanist jüdischer Abstammung in Straßburg, der aber längst getauft ist, nach Leipzig berufen wurde, da hat die sächsische Regierung ihr Veto dagegen eingelegt, und ein Anderer, dessen Urahnen schon nicht das körperliche Zeichen der Juden trugen, kam an seine Stelle. Nach wie vor giebt es in vielen Provinzen Deutschlands keinen einzigen jüdischen Gymnasiallehrer. Schon im Jahre 1876 sagten in Breslau der evangelische wie katholische Provinzialschulrath, als sich ein Jude nach einem glänzend abgelegten philologischen Staatsexamen um eine, natürlich unbesoldete, Probekandidatenstelle an einem Gymnasium bemühte, die Gymnasien wären sämmtlich, mit Ausnahme des Johannes-Gymnasium in Breslau, evangelisch oder katholisch, an denen also für einen Juden, der im „jüdischen Sinne" etwa auf die deutsche Jugend einwirken könnte, kein Platz wäre; denn man muß natürlich fürchten, der klassische oder moderne Philologe oder der Mathematiker und Naturforscher, wenn er zufällig Jude ist, könnte am Ende griechische und lateinische Grammatik, Homer und Thucidides, Horaz und Cicero, Moliöre oder Voltaire, den pythagoräischen Lehrsatz und die Fallgesetze in „jüdischem" Geist lehren. Und als derselbe endlich nach vieler Mühe, nach fast halbjähriger Schreiberei hin und her, zur Absolvirung des Probejahrs zugelaffen wurde und in der Ober-Quarta des Elisabeth-Gymnasiums in Breslau den griechischen Unterricht ertheilen durfte (damals begann noch der erste Unterricht im Griechischen schon in Unter- Quarta), da waren unter 26 Schülern 19 Juden. Und das war ein christliches Gymnasium! Daher war an eine feste Anstellung, obwohl damals notorisch Mangel an Gymnasiallehrern war, nicht zu denken. Wohl aber wurde drei oder vier Jahre später [ein jüdischer Schulamtskandidat daselbst sofort nach seiner Taufe fest angestellt. Und heute erst! Vor einigen Jahren berichtete uns ein akademischer Lehrer, daß ein sehr bekannter deutscher Historiker, der weder Jude ist noch von Juden abstammt, und der gern an einer deutschen Universität Lehrer der alten Geschichte, die sein Fach war, auf dem er tüchtige Arbeiten geliefert hatte, hätte werden wollen, nicht zu seinem ersehnten Ziele kommen konnte, sondern Lehrer an einer römischen Schule bleiben mußte, weil sein Name verdächtig war, und darum ein hoher Ministerialbeamter sich äußerte, daß schon genug Juden auf deutschen Universitäten wären. Es haben eben die Juden wohl dieselben Pflichten dem Staate gegenüber wie ihre christlichen Mitbürger, aber nicht dieselben Rechte. Auf dem Papier sind sie allerdings gleichberechtigt, aber nicht in der Wirklichkeit, im täglichen Leben. Außer in Baiern wird heutzutage nirgends ein Jude auch nur Reserveoffizier, und wenn er noch so ein guter Soldat, pflichtgetrcu im Dienste und völlig korrekt im gesellschaftlichen Verkehr ist. Und das ist nicht blos bei dem Militär der Fall; auch Juristen, wenn sie Juden sind, werden seit mehreren Jahren bereits nur nach einem bestimmten Prozentsatz als Richter angestellt; ist dieser aber erreicht, so bleibt Jenen nichts übrig, als Rechtsanwälte zu werden oder noch Jahre lang' zu warten bis sie eine Richterstelle bekommen, wenn eine „jüdische" vakant wird. Und erst bei der Verwaltung ist die Zahl der Juden, wie männiglich bekannt, so gering wie möglich. Gegen sie, mögen sie noch so tüchtig sein, spricht allein schon ihre Religion, oder bei Denen, die längst der Kirche entwachsen sind, die Raffe; sie ist es, die man verachtet, die man so viel als möglich bei Seite zu schieben sucht. Nicht zehn Juden sind in Deutschland bei der Post und anderen Verwaltungszweigen beschäftigt. Was Wunder, wenn sie Berufsarten ergreifen, die vom Staate völlig unabhängig sind, wie der Handel, die Advokatur und die medizinische Praxis? Tausende und Abertausende von Juden sind genöthigt, von der Hand in den Mund zu leben, wie man zu sagen pflegt. Und wie groß die Zahl der völlig Mittellosen ist, kann man aus den Akten des Vorstandes einer jeden größeren jüdischen Gemeinde ersehen. Hier und da hat man auch noch Versuche gemacht, ihnen den Zugang zur Advokatur zu versperren, bis jetzt allerdings ohne Erfolg. Und was das Traurigste ist: Alle kennen diese Verhältnisse, und Niemand nimmt sich unserer gerechten Sache an. So erwächst uns auch aus dieser Betrachtung die Lehre, daß wir alle Kräfte vereinigen müssen, um gerechte und energische Vertreter unserer Sache in den Landtag zu schicken, die dort sich nicht ducken und schweigen, sondern jeden Anlaß ergreifen, um für die volle Parität auf allen Gebieten des Staatslebens entschieden und mannhaft einzutreten. Ptt Woche. Berlin, 36. Juli. in beliebtes Sujet antisemitischer Schaumschlägerei sind von jeher die Juristen mosaischer Konfession. Die müssen es sich immer wieder gefallen lassen, durch die unsauberen Spalten judenfrefferischer Blättchen geschleift zu werden, freilich ohne Schaden dadurch zu nehmen. Diese Arbeit besorgt soeben wieder einmal eine Hamburger Antisemiten-Zeitung, die sich „Deutsches" Blatt nennt. An der Hand einiger statistischer Zahlen, deren Richtigkeit wir, ohne sie zu prüfen, nicht anfechten wollen, wird dort über „das massenhafte Eindringen der Juden in die Juristerei" antisemitelt. Wie sich das bei böswilligen antisemitischen Ignoranten von selbst versteht, ohne auf die Ursachen dieser Erscheinung einzugehen. Mit Recht bemerken dazu die „Mittheilungen zur Abwehr des Antisemitismus": „Es ist dieser Gesellschaft natürlich nicht unbekannt, daß den Juden eine ganze Reihe von Berufen ganz, andere fast völlig verschlossen sind. Oeffentliche und private. Jawohl, auch private. Große Institute, Fabriken, Anstalten, deren Leiter stch schämen würden, in einem Athemzuge mit antisemitischen Demagogen genannt zu werden, treiben den sogenannten latenten Antisemitismus: fie halten ihre Betriebe „judenrein", wie es im antisemitischen Gassenjargon heißt. Der Radauantisemitismus wird sich, wie jede Bewegung auf der Gasse, überleben, manche Leute behaupten, er habe schon den Höhepunkt überschritten. Gleichviel, er hat seine „Kulturmission" erfüllt, er hat den latenten oder — deutsch gesprochen — den feigen, heuchlerischen Antisemitismus geschaffen. Der lehnt zwar nach außen aus Gründen der Reinlichkeit jede Gemeinschaft mit dem Parlamentsantisemitismus ab, aber im Geheimen besorgt er die Exekution jener „Pioniere". Das „massenhafte Eindringen der Juden in die Juristerei" ist um so „gefährlicher", als die Juden gänzlich ungeeignet find, Richter oder Rechtsanwälte zu sein. So verkündet das „deutsche" Blatt. Was qualifizirt denn zum tüchtigen Richter? Gediegene Kenntnisse, Gerechtigkeitssinn, ein offener Sinn sür das praktische Leben und liebevolles Eingehen auf das Vorbringen der Parteien. In allen diesen Punkten ist der jüdische Richter im Durchschnitt nicht um ein Deut mehr, aber auch nicht weniger begabt