Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1898)
- Date
- 1898-07-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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WWW 62. Jahrgang. Nr. 30 Kerlin» 29. Inli 1898. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner 0r- Ludwig Phttippson-Äonn. Verlags-Grpedition: Verlin, Jerufalemerstr. 48/49. Diese. Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. 3ltl)ttlt* Leitartikel: Die Parität. — Die Woche. — Protokolle der Versammlung des Vereins israelitischer Lehrer in Schlesien und Posen und deren Unterftützungskasse. — Ein wunder Punkt. Von Regina Reisser. — Kein Hurrah! Von Dr. H. Tietz. — Psychiatrisches in der Bibel. Von Dr. S. Nascher. — Zacharias Frankel in Berlin. III. Von Dr. S. Bernfeld. — Feuilleton: Die Rose von Saron. V. — Sprechfaul. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Aus der Provinz Posen, Aus Westpreußen, Liegnitz, Hamburg, Wandsbek (Holstein), Großherzogthum Hessen, Gießen, München, Wien, Budapest, London, New-York. — Bon Nah nnd Fern. — Miseellen. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. — Geschäftliche Notizen. Me Parität. Berlin, 27. Juli. n einer Landtagsverhandlung der letzten Session wurde vom Regierungstische gegen einen Centrumsabgeordncten der Satz ausgesprochen: „Es fällt der Regierung gar nicht ein, irgend eine Konfession zu bevorzugen, von einer Imparität ist absolut nicht die Rede. Auch bei der Anstellung der Beamten nimmt der Staat auf die Konfession nicht die geringste Rücksicht, er prüft nur die Tüchtigkeit, die Vorbildung und die Befähigung des Beamten. Man darf diese Sache nicht mechanisch zahlenmäßig behandeln." Jammerschade, daß wir im Landtage keinen Kosch oder Lasker mehr haben, die bei diesem Anlaß auch ein Wörtlein hinzugefügt hätten. Aber die Möglichkeit ist gar nicht ausgeschlossen, daß die Antwort gelautet hätte, man habe nur von der Nichtunterscheidung der Konfessionen seitens des Staates, nicht von den Religionen gesprochen. Denn daß die Zurücksetzung der Juden in der Beamtenkarriere schon sehr alt ist und nicht blos erst seit der antisemitischen Bewegung herrschend geworden ist, dürfte wohl allgemein bekannt sein. Kein Geringerer als ein strammer Judenfeind älißert sich darüber folgendermaßen: „Was die Armee anlangt, so ist der Einfluß des Judenthums in ihr und auf sie der denkbar niedrigste. Es giebt keine jüdischen Linienoffiziere und, soweit bekannt, nur einen einzigen Juden in der preußischen Verwaltung. ... In der deutschen Schule hat der Jude ebenfalls keine Stätte, und von einer Einwirkung auf unsere Jugend im jüdischen Sinne kann gar keine Rede sein. Was unseren Richterstand aulangt, so wurde zwar um die Mitte dieses Jahrzehnts die Warnung laut: „il y a des Juifs ä Berlin“, und in der That würde ein Ueberwuchern der Juden im deutschen Richterstand eine unabsehbare Gefahr (?) für uns bedeuten. Indessen, auch hier sind die Besorgnisse sehr übertrieben. Auf etwa 4300 preußische Richter werden 200 jüdische kommen, und die Gerechtigkeit erfordert es, einzugestehen, daß die Fälle, wo jüdische Richter durch ihre Entscheidungen das Mißtrauen des Publikums wachriefen, ganz vereinzelt geblieben sind. ... Endlich ist als eines unserer Hauptbollwerke zu erwähnen die deutsche Wissenschaft. Es ist richtig, daß dem Antheil der Juden an der deutschen Forschung nur zu häufig jener Trieb nach geschäftlicher Ausbeutung eines gelehrten Faches zu Grunde liegt, und besonders das Beispiel, daß sie (mit einzelnen rühmlichen Ausnahmen) dem ärztlichen Beruf gegeben haben, sich höchst nachtheilig von der ursprünglichen deutschen Sitte unterscheidet und zur Hebung des ärztlichen Standes keineswegs beigetragen hat. Auch wird von akademischer Seite viel darüber geklagt, daß die jüdische Betriebsamkeit den Büchermarkt überschwemme, und daß die großen Erfindungen, die sie fortwährend machen, und die Abhandlungen, die sie darüber schreiben, sich bei näherem Zusehen und durch einen etwas derben Vergleich aus der Landwirthschaft kennzeichnen ließen, — kurz, daß die deutsche Wissenschaft von den Juden mehr beunruhigt als gefördert worden sei. Allein dem stehen eine Reihe glänzender Namen entgegen. Vielleicht auf keinem anderen Gebiet deutschen Lebens ist eine so vollständige Verschwisterung des deutschen und des jüdischen Geistes eingetreten. Gerade in Gelehrtenkreisen begegnet man denjenigen Juden, die sich am weitesten von dem spezifisch jüdischen Wesen entfernt haben. Ihre Errungenschaften kommen ausschließlich dem deutschen Leben zu gute, und es spricht alles dafür, daß die deutsche Forschung, weit entfernt, zu verjuden, ganz im Gegentheil gerade zur Verdeutschung der Juden das Meiste beigetragen hat und noch beitragen wird." Man muß, nebenbei bemerkt, geradezu staunen über diese Behauptungen. Denn, wenn dieser Judenfresser auch nur eine blasse Ahnung von jüdischer Geschichte und Litteratur hätte, so würde er wissen, wenn er dazu der Wahrheit die Ehre geben wollte, daß Juden zu einer Zeit, als von deutscher Wissenschaft nicht eine Spur zu finden war, und die Besten der Nation kaum lesen und schreiben konnten, auf dem Gebiete profaner Wissenschaften ganz bedeutende Leistungen gezeigt haben. Doch das nur nebenbei, denn auf eine weitere Polemik gegen solch gehässiges Gerede einzugehen, ist nicht der Mühe werth. Man sieht aber, daß selbst der Mann zugiebt, natürlich nur zu seiner Freude, daß Juden nicht zu allen staatlichen Aemtern zugelassen werden, was, wie allgemein bekannt, in Deutschland schon lange der Fall ist. Selbst zu der Zeit, als es noch keinen offiziellen Antisemitismus gab, in der Mitte der 70 er Jahre dieses Jahrhunderts, war es z. B. einem so rühmlichst bekannten Philologen wie Jakob Bernays nicht gelungen, eine ordentliche Professur in Bonn zu erlangen, wo er bis an sein Lebensende außerordentlicher Professor war, dafür aber Verwalter der Universitätsbibliothek wurde, eine Thätigkeit, die ihm von Hause aus völlig fremd war. Dagegen wurden natürlich die getauften Juden, die denselben wissenschaftlichen Studien oblagen, wie Lehrs und Friedländer in Königsberg, Herz in Breslau, Benfey in Göttingen, Hiller in Halle und Andere, die noch leben, wohl jener Ehre gewürdigt. Rühmlichst bekannte (deutsche Gelehrte, die Juden waren, wie Weil,