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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-07-23 · Heft 29 (23.7.1898) · p. Seite 348

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 29 (23.7.1898)
Date
1898-07-23
Page
Seite 348 (sequence 12)
Language
German
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348 Wie jammert's mich dann, daß ich so fern Muß klagen, was mich beschweret. Du Stadt, die nicht Sonne, Mond und Stern, Die nur die Gottheit verkläret. O könnt' ich das heilige Land durchziehen. Wo göttliche Zeichen schimmern; O hätte ich doch Schwingen, ich schwebte dahin, Herzblutend ob deinen Trümmern. Und säh' ich voll Schauer Berg und Thal, Wo deiner Propheten Gebeine — Ich würf' mich andächtig aufs Antlitz zumal Und küßte den Staub und die Steine. Denn nur bei dir ist's licht und hell. Wenn überall Nacht und Wirren; Bei dir beut Balsam ein jeder Quell, Der Staub deines Bodens hat Myrrhen. Mir schaffte es Wollust und Lebensmuth, Könnt' nackt ich und barfuß schreiten. Wo einstens die Bundeslade geruht. Cherubin zu beiden Seiten. Und hält' ich Schmuck, ich würf' ihn von mir, , Als König entsag^ ich den Thronen Und fluchte den Zeiten für und für, Die dich entweiht ohne Schonen. Jedwede Speise ist mir vergällt. Denk ich an Oholas Geschicke; Der Wein selbst Wermuth für mich enthält. Da auf Oholiba ich blicke. O Zion, du aller Schönheit Preis, Wie hast du uns alle bezwungen! Du bannst uns in deinen Zauberkreis Voll hehrer Erinnerungen. Die einst sich bei deinen Festen gefreut, Geknirrschet, als du gefallen. Getrauert, als du zerstört und entweiht: — Die Sehnsucht blieb ihnen allen. Wo immer sie wallen, vereinigt, zerstreut. Wo heiße Gebete sie schicken. Auf Bergen, in Thälern ach, jederzeit Zu dir nur, o Zion, sie blicken! Nur dein ist ihr Herz; dir singen sie fern Sehnsüchtige Liebespsalmen; Dich möchten sie fassen und weilen gern Jnr Schatten deiner Palmen. Was leuchtend dem anderen Völkergeschlecht, Was ist's als Trugbild und Schemen? Bei dir nur ist göttlich Licht und Recht, Sie konnte kein Feind dir nehmen! Die Reiche der Welten, sie blüh'n und vergehen Wie Blumen, bald später, bald eher; Dein Reich wird ewige Zeiten besteh'n. Und ewig das Wort deiner Seher! Drum wohl dem Manne, der dir nicht fern. Der mit eigenen Augen wird schauen. Wenn wieder dir leuchtet der Freude Stern Nach dem tausendjährigen Grauen. Dann freut sich des Glückes dein treuer Sohn, Anstaunt er dich, wledergeboren. In Jugendkräften, der Schöpfung Krön', Wie einst, da der Herr dich erkoren. Sprertzsaat. Herr Redakteur! fu dem sehr beachtenswerthen Artikel meines Vetters Dr. Leopold Auerbach in Nr. 26 dieser Zeitung: „Der Zionismus und die Juden in den Kulturstaaten Europas", möchte ich Folgendes bemerken: 1. Wenn der Verfasser auf Seite 307 oben meint, das letzte Ziel des Zionismus, die Bildung eines jüdischen Staatswesens, kann die Juden in den Kulturstaaten nicht hindern, den rein kolonisatorischen Bestrebungen des Zionismus Interesse entgegenzubringen, so dürfte ihm das nicht von Allen zugestanden werden. Die Mehrzahl der jüdischen Gemeinden in den Kulturstaaten hat wohl etwas dagegen, daß gerade Palästina zu Kolonisationszwecken ausersehen wird, damit man nicht sage, dahin gehören eigentlich alle Juden. 2. Der Verfasser schlägt vor, eine einheitliche Organisation des Judenthums zu schaffen, und giebt dem Mangel einer Gesammtvertretung Schuld an der Ausbreitung des Antisemitismus in Preußen. Richtig ist das zwar nicht, denn in Frankreich z. B. existirt eine Gesammtvertretung des Judenthums, und dennoch treibt gegenwärtig dort der Antisemitismus seine schönsten Blüthen. Doch geben wir zu, daß die Bildung einer Gesammtvertretung des Judenthums in Preußen von großem Nutzen sein würde. Nur müßte eine solche Vertretung staatlich anerkannt werden und dürfte nicht aus freier Wahl nur aus jüdischen Religionsgesellschaften hervorgehen. Sie muß eine vom Staate eingesetzte, mit autoritativer Macht ausgestattete Religionsbehörde sein. Im Deutsch-Israelitischen Gemeindebund ist ja bereits eine ähnliche Organisation geschaffen, aber ihm fehlt die exekutive Gewalt, er kann nur wünschen, nicht befehlen, nicht anordnen. Die Gesammtvertretung des Judenthums muß in einer Behörde gipfeln, die, kraft ihrer staatlichen Anerkennung, geeignete Maßnahmen zur Hebung des religiösen Sinnes treffen kann. Sonst hat die Sache keinen Werth. 3. befindet sich der Verfasser des genannten Artikels im Jrrthum, wenn er meint, eine Gesammtvertretung der jüdischen Neligionsgemeinden eines Staates könne die Formen des Uebertritts zum Judenthum vereinfachen und für männliche und weibliche Personen gleich gestalten und außerdem Reformen bezüglich der religiösen Eheschließung einführen' Solche Hoffnungen knüpfen wir an die vorgeschlagene Organisation nicht, denn dazu bedarf es der Zustimmung der religiösen Vertreter aller heute lebenden Juden. Jedenfalls aber verdient der Vorschlag des Herrn Dr. Auerbach die größte Beachtung in den maßgebenden jüdischen Kreisen. Ottenburg, 4. Juli. Dr. M. Rawicz, Bezirks-Rabbiner. * Herr Redakteur! ^^^hne entscheiden zu wollen, ob das Mißverständniß durch die Unklarheit meiner Ausdrucksweise oder durch die Flüchtigkeit des Lesers verschuldet ist, muß ich doch bemerken, daß die Kritik des Herrn R. Pollak, soweit sie sich auf meine Erklärung der Einführung des Haphtara-Verlesens bezieht, auf einem Mißverständniß beruht. Ich habe mich nicht der etymologischen Erklärung Levitas angeschlossen, noch auch die Tradition Abudrahams über die Entstehung des Brauches mir zu eigen gemacht, sondern behauptet, daß in Beiden eine dunkle Erinnerung an den Ursprung des zur Zeit der hadrianischen Verfolgung entstandenen Ritus, bei dem Sabbathgottesdienst eine messianische Stelle aus den Propheten vorzulesen und daran eine Predigt zu knüpfen, liegt. Die Gründe für meine Annahme liegen in der Bezeichnung in der Erzählung bei Lukas (4, 17 ff.), in der uns erhaltenen ältesten Auswahl der Stücke für das 5. Buch Moses und in dem Inhalt der zur Haphtara gehörigen Segenssprüche. Ebenso halte ich meine Behauptung aufrecht, daß das Kaddisch ursprünglich ein an die Predigt sich anschließendes Gebet war und daher gleich dieser messianischen Inhalts ist. Die Bitte um baldige Verwirklichung des messianischen Reiches ist sein eigentlicher Mittelpunkt. Die auch von mir citirte Stelle (Sota 49 a) beweist meine Behauptung. Als Bitte um Verwirklichung des messianischen Reiches, in welchem die Auferstehung der Todten eine wesentliche Rolle spielt, wurde es mit einigen Erweiterungen das Trostgebet bei Beerdigungen, und erst später ist es das Gebet der Trauernden geworden. Die Beziehung auf „unseren unsterblichen Lehrer und Meister Rapoport und seinen Freund Zunz" ändert an der Sache nichts. Niemand ist unfehlbar. Wissenschaftliche Fragen hängen nicht von Autoritäten, sondern von Gründen ab. So sagt selbst der autoritätsgläubige Talmud kHn XM>t22 Knb’Ö 'Ttt xnb’Ü (Baba Bathra 142b), und selbst im autoritätsgläubigen 17. Jahr hundert wagte Jair Chaim Bacharach die Behauptung aufzustellen: Was thut es, wenn meine Worte denen der Tossaphisten widersprechen? Gottes Geist hat mich gemacht gleich ihnen (Chawoth Jair Nr. 155). Eine volle Darlegung meiner Gründe und eine polemische Auseinandersetzung mit älteren Autoritäten wird von mir an dieser Stelle kaum erwartet, selbst wenn die Redaktion mir die nöthige Gastfreundschaft gewähren würde. Mir will cs scheinen, daß die Zeitung nur zur Registrirung der Zeitgeschichte und deren Würdigung resp. Erläuterung da ist, nicht aber zur Ventilirung rein wissenschaftlicher Fragen. Ergebenst Cincinnati, Ohio, 28. Juni. G. Deutsch. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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