Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 29 (23.7.1898)
- Date
- 1898-07-23
- Page
- Seite 347 (sequence 11)
- Language
- German
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347 Der Edomiter wandte sich bei dieser seltsamen Frage ab. Eine rasche Gluth seiner Wangen bezeugte allein, daß er von der Frage tief berührt worden. Er sammelte sich rasch und sagte in ruhigem Ton: „Durch Arabien, Edom und Syrien streifend, habe ich tapfere Männer um mich versammelt, die bereit sind, unter Edoms Kindern das Schwert des Aufruhrs herumzutragen. Sie Hausen zu Damaskus, wo sie glückliche Einfälle in das Gebiet Israel bis jenseits des Sees Genezareth machen. Mit diesen Männern denk' ich in Edom einzufallen, sobald der Pharao seine Schiffe gegen Israel sendet. Unseren Aufstand begünstigen die neuesten Unruhen in Israel, die ein kühner Mann anfachte —" „Jerobeam" — fiel die Fürstin rasch ein und stockte. „Du kennst ihn?" sagte Reson etwas verwundert. Iva wandte sich ab, und ihre Wange erröthete unmerklich. „Ich hörte von ihm," sagte sie, tief Athem holend. „Aber Du, o Verwegener, meinst, diesen mißlungenen Aufstand zu Gunsten Edoms benützen zu können? O, täusche Dich nicht selbst! Jerobeam, durch eine wahnsinnige Prophezeiung und ehrsüchtige Wünsche irre geführt, hob das Schwert des Aufruhrs gegen Zions König, aber das verwegene Beginnen ward mit dem Blute all seiner Anhänger gestraft!" „Du kennst ihn?" murmelte der Edomiter sinnend — und die Worte der Fürstin waren ungehört an seinem Ohr vorübergegangen. „Jerobeam — ist auf der Flucht nach Aegypten begriffen. Jetzt verweilt er — zu Ezjon-Geber." „Z" Ezjon-Geber? — Hier?" rief der zurücktretende Edomiter. Die Fürstin blickte ihn mit Schmerz an. „Eile zu ihm," sagte sie — „geh' — verabrede mit ihm den Plan eines blutigen Aufstandes — verlaffe Iva." Reson trat einen Schritt vor mit einer Geberde der Bitte und des Schmerzes. Die Königin der Wüste legte ihre Hand auf seinen Arm und blickte zu ihm empor. „Gehe nicht, Reson!" sagte sie mit weicher, melodischer Stimme. „Gehe nicht, Geliebter! Kehre wieder unter die glücklichen Zelte der Sabäer! Kehre zurück unter Jvas Palmen, wo Liebe und Friede ist!" Der Edomiter blickte düster in das bewegte schöne Antlitz, das bittend zu ihm emporgerichtet war. Aber er schüttelte stumm das Haupt! „Komm!" fuhr sie fort, und es war, als töne Musik zwischen den duftenden Blumen des Gartens. „Eile zurück aus den nahen Schrecken des Krieges. Warum meidest Du meine glücklichen Zelte? Dort sitzt Iva einer Schwester gleich unter den Männern ihres Stammes, und die Lanzen werden stumpf unter ihrer Herrschaft. Suche nicht die grausamen Fürsten und die rauhen Völker dieser Welt. Jene wohnen streng und gefürchtet in goldenen Palästen, und ihre Völker führen zitternd die Befehle des Gebieters aus. Ach, unter Sabas glücklichen Zelten zittert Keiner vor Jvas Herrschaft! Komm! An den Küsten des Meeres weiden die Hirten, und unter den Palmen ruhen die Mädchen. Komm — komm unter die glücklichen Zelte der Sabäer!" — „Vergebens!" rief der Edomiter mit bewegter Stimme. „Der Kamps ist meine Pflicht geworden. — Der Kampf für Edom und seinen Thron!" Die Fürstin verscheuchte eine Wolke des Grames von ihrer reinen Stirn; dann umfaßte sie schmeichelnd die Hand des Kriegers und fuhr fort: „Die Gefilde Edoms sind lieblich, aber die Unterdrücker schreiten über dieselben. Die Städte dieses Landes sind groß, und die Sabäer bauen nur Dörfer. Doch über diese Städte herrscht Zion, und die Kinder Israel werden reich im fremden Lande. O, laß diese unglücklichen Gefilde! Auf Sabas Flächen träufelt der Segen und die Freiheit nieder. Meine Brüder, die mich Königin nennen, weiden friedlich die zahllosen Heerden an den Abhängen reifer Saaten und saftiger Früchte; aus den Schluchten der Berge wühlt der Sturzbach zahllose Goldköcner heraus, die Schiffe der Aethiopier bringen uns Elfenbein und Ebenholz aus dem köstlichen Lande Ophir. Daheim haben wir den Frieden und Reichthum und die Liebe. O komm unter Sabas glückliche Zelte! Komm, wo die friedlichen Hirten weiden, und die Mädchen unter den Palmen ruhen! Komm zu Iva!" Sie hatte sich an die Brust des Edomiters geschmiegt, ihr Auge glänzte sanft und voll Thränen. Obgleich ein frühgefaßter fester Entschluß Resons keinen langen Kampf mit der Empfindung des Augenblickes zuließ, so waren seine Züge doch bewegt, während er mit ernster Anstrengung sprach: „Schöne, edle Iva! Aber vergebens zeigst du mir die Bilder von Neuem, die ich als Jüngling an Deiner Seite gesehen! Ich kann die Begeisterung jener Tage nicht wieder ins Leben zurückrufen — und darum laß mich scheiden!" Die Fürstin, welche zurückgetreten war, faßte nun die Falten des Kleides zusammen und verhüllte die Reize, die nur für den Geliebten blühten. Ihr Antlitz war traurig, aber nicht zürnend. Fast seltsam war es anzusehen, wie sanft und wehmüthig der Ausdruck dieser leuchtenden Augen geworden. „So geh'!" — sagte sie mit veränderter Stimme und wandte sich ab. Der Edomiter blieb mit verschränkten Armen und düsteren Blicken stehen. Nach einer Pause fragte sie leise: „Wann wirst Du das Schwert des Aufruhrs erheben?" Der Edomiter fuhr zusammen. „Es wird geschehen — aber meine Männer sind noch nicht versammelt." Die Fürstin trat näher und sagte ausdrucksvoll und doch leise: „Du wirst das Schwert erheben, das Glück schwankt zwischen dem gerechten Kampf und dem ungerechten Unterdrücker. Dann erinnere Dich, daß die Königin von Saba mit fünfhundert Kameelen zum König von Jerusalem zieht!" Iva wandte sich ab, und wieder fiel eine Thräne auf die nun bleiche Wange. Der Edomiter entfernte sich mit langsamen Schritten. (Fortsetzung folgt.) Sehnsucht nadf Zion. Nach Iehuda Halevi. — Von Dr. I. lVeiß, Advokat in Brüx. Zion, hörst du das sehnende Lied? Vernimmst du die zärtlichen Töne? Aus West und Ost, aus Nord und Süd Begrüßen dich deine Söhne. Sie grüßen dich, wie der Häftling grüßt Die Freiheit, trotz Ketten und Schergen: Wie Thau am Hermon die Zähre ihm fließt Vor Sehnsucht nach deinen Bergen. Oft träum' ich, zu End' sei die Prüfungszeit; Dann klingt es im Herzen wie Reigen. Doch wachend klag' ich dein bitteres Leid, Wie die Eule klagt in den Zweigen.