Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 29 (23.7.1898)
- Date
- 1898-07-23
- Page
- Seite 345 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228287--54758-3290924- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Diesem letzteren, der länger als ein Jahrzehnt dauerte, verdanken wir das schätzbare biographische Material, das wir hier nur zum Theil veröffentlichen können. Es geht daraus hervor, daß Muhr schon^im Jahre 1835 eifrig für die Berufung Frankels nach Berlin thätig war. Anfangs 1835 richtete Frankel an Muhr einen längeren Brief, der, wie wir manchen Aeußerlichkeiten desselben entnehmen, absichtlich so geschrieben war, daß er von den mit Muhr befreundeten Führern der jüdischen Gemeinde gelesen werde. Dieser Brief lautete: ,/Hochgeehrter Herr, Werthgeschätzter Freund! Kaum dürste ich hoffen, in der Ueberhäufung meiner Berufsgeschäste Verzeihung für mein langes Schweigen auf Ihr werthes Schreiben vom 8. v. Mts. zu finden, wenn nicht Ihr freundschaftliches Wohlwollen mich zu dieser Hoffnung berechtigte. Jeder Tag fand in mir den festen Vorsatz, Ihnen zu schreiben. Ihnen zu sagen, wie ich mich Ihres innigen Briefes freuete, wie tief ich durchdrungen bin von Ihren dort freundlich geäußerten Worten: „Ich glaube nicht, daß unser Begegnen mit dem Briefe, den Sie mir und ich Ihnen geschrieben habe, abgeschlossen sein soll." Nein, mein würdiger Freund! Dieses soll und darf es nicht sein, wenigstens von meiner Seite nicht; denn das Begegnen eines solchen Mannes ist so selten und zu tief ins Leben eingreifend, als daß ich mich dessen bald entäußern wollte und könnte. Wenn Sie zuweilen in Ihrem großen und belebten Berlin noch meiner gedenken, so werde ich in unserem kleinen, zur jetzigen Jahreszeit so einsamen Teplitz wohl Tag und Nacht von Ihnen sprechen und der heiteren Stunden, die ich mit Ihnen verlebte, mich mit tiefem Gefühle stets erinnern. Nur meine Berufsgeschäste verhinderten es, daß so lange nicht die That dem Willen nachkam; denn die Sorge für das Bestehen mancher nützlichen Einrichtung sowie für den Unterricht und die Erziehung der Jugend lastet schwer auf mir; und Sie werden es wahrscheinlich aus eigener Erfahrung wissen, daß dergleichen Beschäftigungen ihre Beschwerden haben, und zwar solche, die nicht nur unsere Thätigkeit, sondern unser Nachdenken in Anspruch nehmen und unsere Mußestunden nicht selten bitter trüben. Nicht wie viel, sondern wie Jemand beschäftigt sei, muß gefragt werden, will man dessen Stand wahrhaft beurtheilen, denn nicht nach dem Kreise der Thätigkeit, sondern nach dem Gegenstände, der diese erheischt, und der Art, wie er sie erheischt, läßt die Anstrengung sich ermessen. Es giebt manche Beschäftigung, die an sich klein und unbedeutend scheint, doch nichtsdestoweniger unangenehm und entmuthigend ist, ja deren Nachklang selbst so rauh und disharmonisch ist, daß man auch durch diesen noch sich verletzt fühlt. Sie kennen meinen Beruf, wissen, daß für den Mann, der mit Ernst und Eifer wirken will, sich bei dem kleinsten Schritte Hindernisse finden, die nur mit der größten Anstrengung beseitigt werden und auf das ganze Leben störend einwirken. Ich will nicht klagen, und das Erwähnte soll auch keine Klage sein, sondern nur ein Beitrag zur Entschuldigung meines langen Schweigens. Nun, würdiger Freund, nachdem ich über mein Schweigen fast zum Schwätzer geworden bin, will ich auch übergehen auf einen wichtigen Punkt, den Sie in Ihrem Briefe berührten, nämlich auf die Mittheilung über jüdische Schulen, Religionsunterricht u. s. w. So willfährig ich mich gern stets jedem Ihrer leisesten Wünsche zeige, so fürchte ich doch, Sie hier nicht ganz befriedigen zu können, weil nach meiner Ansicht dieser Gegenstand für jetzt noch kein befriedigendes Resultat zuläßt. Der Begriff von „Religionsunterricht" wird so oft mißverstanden, weil man noch nicht einig mit sich ist, was man darunter begreifen soll. Es ist wohl Unrecht, wenn man die Religion der Moral entgegensetzt, die Moral von der Religion ausscheiden will, so daß das (geoffenbarte) Wort Gottes allvermögend, das höhere (moralische) Gefühl ganz macht- und lautlos dastehe: ein solcher moralischer Servilismus würde den Menschen ganz herabwürdigen. Die Moralität ist vielmehr das Ziel der Religion, jene soll befördert werden, hierin ist für den Gläubigen der höchste Werth der Offenbarung. Dieses darf ich selbst als jüdischer Theologe behaupten, und so zeigt sich auch bei wahrem Forschen die Meinung der meisten Rabbinen. Moral ist innigst verwebt mit Religion; die Religion hat zwar ein weiteres Gebiet, so wie stets das Mittel weitläufiger zu sein pflegt als der Zweck; doch sind Religion und Moral hinsichtlich ihres Wesens identisch. Allein sie auch ihrer Form nach ganz zu identifiziren, das hieße alle Dogmen auflösen und jede Offenbarung fast ganz verabschieden. Ob nicht einst Religion und Moral ganz coinzidiren werden, so daß bei fortschreitender Kultur dem Menschen der Imperativ des moralischen Gefühls genüge, um moralisch zu leben, ist eine Frage, die der theologischen und philosophischen Fakultät genug zu schaffen giebt, und deren Erörterung nicht hierher gehört. Lassen Sie uns aber den Unterschied zwischen der geoffenbarten Religion und der Moral beherzigen, so werden wir finden, daß wir wohl moralische Lesebücher, die aber nicht israelitisch genannt werden können, denn moralische Bücher gehören der ganzen Menschheit an, aber keine israelitischen Religionsbücher an unseren israelitischen deutschen Schulen haben. Denn diese entsprechen weder ihrem Namen noch den Forderungen der (geoffenbarten) Religion, und obschon ihre Verfasser, größtentheils moralische redliche Männer, die gute Absicht hatten, die israelitische Jugend zu moralischen Menschen zu bilden, so vergaßen sie doch fast ganz, daß es noch nicht an der Zeit sei, nur naturreligiöse Menschen zu bilden, und daß bei diesem schnellen Uebergange sich eine unermeßliche Kluft bilden müsse, in die endlich die schönsten Tugenden unrettbar versinken. Allein von der anderen Seite wollen wir es auch aufrichtig gestehen — ich spreche zu einem Kenner und redlichen Forscher, dessen Urtheil ganz kompetent ist —, daß, wollte man alle Dogmen der israelitischen Religion in einem Lehrbuche aufstellen, man nur das jugendliche Gemüth zurückschrecken, das lebhafte Gefühl einschüchtern und ihm eine Richtung geben würde, die entweder bigotte, aber nicht moralische, aber weder religiöse noch moralische Menschen bilden würde. Hiermit sei nicht gesagt, daß etwa die israelitische Religion der Moralität entgegen sei; vielmehr ist sie, wie oben bemerkt, deren Beförderin: es handelt sich aber darum, daß die Jugend nicht das Ceremonielle höher denn das Wesen schätze. Welch eine schwierige Aufgabe also, ein genügendes israelitisches Religionsbuch zu schreiben! Um desto schwieriger, als in der jetzigen Zeit des Zerschellend und Zertrümmerns sich kaum die Basis angeben läßt, worauf das Gebäude ruhen, nach welcher das Monument, der Religion aufgeführt werden kann. Nur wenn der jetzige Aufruhr der Gemüther sich gesetzt, der mächtige Titanenkampf beschwichtigt und manches Unbrauchbare ausgemerzt, manches wie die Randglosse eines unberufenen Lesers sich Gingeschlichene verbannt und die Religion einfach und hehr dastehen wird, dann wird es Zeit sein, ans Werk zu gehen, und das Werk wird auch in Gott gelingen. Unter den jetzt vorhandenen Religionsbüchern scheint mir das Joelsohn'sche Alume Joseph, in welchem der Verfasser manche Rücksicht auf Dogmatik genommen hat, das beste. Auch wird ein israelitisches Religionsbuch von Alexander Behr in München, das ich aber noch nicht gesehen, sehr gerühmt. Ich meinerseits habe für die Jugend meiner Gemeinde einen Plan entworfen, welcher vorzüglich darauf hinzielt, sie mit den vorzüglichsten Epochen des jüdischen Volkes und den Institutionen, die durch diese Epochen ins Leben gerufen wurden, bekannt zu machen, ihr gleichsam die Genesis der wichtigsten nachmosaischen Gesetze zu zeigen, ohne aber ins Detail übergehen zu wollen. Das Zeitalter Hillels des Aelteren stellte ganz andere Postulats z. B. als jenes des R. Asche. Es müssen natürlich solche Lehren und Regeln ausgehoben werden, die auch das jetzige Zeitalter noch nicht entbehrlich macht, so daß die Jugend wahrhaft für Religion und Moral in Gott gewonnen werde. Doch hat mein Plan noch nicht seine völlige Reife, darum muß ich für jetzt mich auf eine kurze Skizze beschränken. Was übrigens die Einrichtung des Religionsunterrichts von Seiten des Staates anbelangt, so muß dieses unserer hohen Regierung zum höchsten Ruhme gereichen, daß sie auf den israelitischen Religionsunterricht dieselbe Sorgfalt wie aus den christlichen verwendet, und es kann kein Israelit zu einem Avancement oder Aufnahme in ein Kollegium oder Gymnasium gelangen, wenn nicht vorerst ein Religionszeugniß ist; ja, was noch mehr ist, an den Prager Gymnasien ist eigens ein israelitischer Professor der Religion angestellt, dessen Klassenvertheilung dem Fvrtrücken oder Zurückbleiben des Schülers denselben Ausschlag giebt, als die jedes anderen Professors. Auch die Schüler der Landgymnasien müssen bei diesem Professor ihr Examen machen, ehe sie die philosophische Schule betreten. Die Regierung handelt ohne Prunk, doch mit Energie und zeigt, daß sie jedes ihrer Völker achtet. Jenes Anstellen eines eigenen Professors sowie das der Rabbinen, welches von der höchsten Stelle ausgeht, sprechen dafür.