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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-07-23 · Heft 29 (23.7.1898) · p. Seite 344

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 29 (23.7.1898)
Date
1898-07-23
Page
Seite 344 (sequence 8)
Language
German
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großer Bestimmtheit entgegengesehen hatte. Daß es so kam, daran hatte nicht das zweideutige Verhalten Eichhorns Schuld, wie in jenen Tagen allgemein geglaubt wurde. Dem preußischen Kultusminister war es mit der Berufung Frankels durchaus ernst, was durch dessen bis jetzt noch nicht veröffentlichten Brief an Frankel bezeugt wird. In der Gemeinde selbst gab es aber Gegenströmungen, an denen die Wahl Frankels wohl nicht scheitern konnte, die aber zur Folge hatten, daß der von der Gemeinde gewählte und von der Regierung bereits bestätigte Oberrabbiner in seinem bisherigen Wirkungskreise zu Dresden verblieb. Diese intereffante Episode aus dem Leben Frankels und der Geschichte der jüdischen Gemeinde zu Berlin erhält ihre Beleuchtung durch das handschriftliche Material, das sich in meinen Händen befindet. *) Bevor ich an die Publikation der hier in Betracht kommenden Briefe gehe, halte ich es für nöthig, den Lebenslauf Zacharias Frankels bis zu dem Zeitpunkt, in welchem die jüdische Gemeinde in Berlin mit seiner Wahl zu ihrem Oberrabbiner sich zu beschäftigen begann, in gedrängter Kürze zu beschreiben. Zacharias Frankel war am 18. Oktober 1801 in Prag geboren. Einer durch Gelehrsamkeit und Reichthum angesehenen Familie entstammend, wurde er, wie damals in der Judenheit üblich, frühzeitig zum Studium der jüdischen Wiffenschaft angehalten. Aber auch seine Ausbildung in den profanen Lehrfächern wurde nicht vernachlässigt. Nach erlangter Reife bezog er die Universität zu Pest, in jenen Tagen die einzige alma mater in der habsburgischen Monarchie, deren Pforten der studirenden Jugend jüdischen Glaubens offen standen. Dort studirte Frankel altklasstsche Philologie und Mathematik, während er gleichzeitig auch fleißig dem Studium des Talmuds oblag. Im Jahre 1832 wurde er zum Kreisrabbiner von Leitmeritz in Böhmen mit dem Rabbinatssitz zu Teplitz ernannt. Während seines Wirkens in diesem Rabbinate erhielt er den Ruf eines gründlichen Gelehrten und eines charakterfesten und gesinnungstüchtigen Theologen, der wohl im Großen und Ganzen auf dem Boden des traditionellen, historisch gewordenen Judenthums stand, nichtsdestoweniger aber für die Entwickelungsfähigkeit und für das Entwickelungsbedürfniß des Judenthums Sinn und Verständniß hatte. Frankel war ein tief religiöses Gemüth, er wurzelte mit allen Fasern seines Daseins im Judenthum; in seiner religiösen Auffaffung hatte er große Aehnlichkeit mit Schleiermacher. Entgegengesetzt der damaligen rationalistischen Richtung, die bekanntlich auch in jüdischen Kreisen Eingang fand, zeigte Frankel mehr Verständniß für das Symbolische im Glauben. Diese Gemüthsstimmung in ihm war aber mit strenger Wiffenschaftlichkeit in der historischen Auffaffung des Judenthums gepaart. Es hielt ihn dies vom Zelotismus und sogenannter orthodoxer Kleinigkeitskrämerei ab. Frankel war in jenen sturmbewegten Zeiten der Mann, der in einer großen deutschen Gemeinde sowohl den Alten wie den Jungen gefallen und so die Extreme vermitteln konnte. Den Orthodoxen gewann er Achtung ab durch seine immense talmudische Gelehrsamkeit und seine wahrhaftige Frömmigkeit, der liberal gesinnten Partei durch sein gründliches und vielseitiges Wiffen auf profanem Gebiete, sein tolerantes und den Zeitverhältniffen Rechnung tragendes Wesen und seine Charakterfestigkeit, von der er manche rühmliche Probe abgelegt hatte. Kein Wunder also, daß viele große Gemeinden auf ihn ihre Blicke wendeten. So sollte er, wie ich seiner Korrespondenz 0 Ich verdanke diese Briefe sowie viele andere, welche für die Geschichte der Emanzipationskämpfe der Juden in Deutschland ungemein wichtig sind, der Freundlichkeit des Herrn Hans Borchardt, der mütterlicherseits ein Urenkel Joseph Muhrs ist, von dem in der Folge nqch "ie Rede sein wird. entnehme, noch von Teplitz aus nach Kaffel berufen werden, indessen zog er es vor, dem Ruf der sächsischen Regierung zu folgen, die ihn zum Oberrabbiner von Dresden und Leipzig ernannte. Diese Gemeinde war damals zwar nicht sehr bedeutend, aber die Art und Weise, wie sich die Regierung die Wahl Frankels hatte angelegen sein lassen, bewog ihn, diese Wahl anzunehmen. Im Jahre 1836 kam Frankel, damals im besten Lebensalter stehend, nach Dresden. Er entwickelte dort sowohl für die Organisirung der ihm anvertrauten Gemeinde wie' im Kampfe für die bürgerliche Gleichstellung der Juden in Sachsen eine Energie, die weit und breit Beachtung fand. Im Jahre 1840 publizirte er seine erste gelehrte Schrift, die gleichzeitig Tendenzschrift war: „Die Eidesleistung der Juden in theologischer und historischer Beziehung." Diese Abhandlung hatte zur Folge, daß die sächsische Regierung den für die Juden üblichen schimpflichen Eid more judaico abschaffte. Fand Frankel schon durch diese Schrift weitgehende Anerkennung, so stieg er noch mehr im Ansehen, als er ein Jahr darauf sein epochemachendes Werk „Vorstudien zur Septuaginta", ein Buch, das auf diesem Gebiet geradezu neue Bahnen eröffnete, veröffentlichte. In jener Zeit, in der die deutschen Juden derartigen litterarischen Erzeugnissen gegenüber noch nicht solche souveräne Verachtung zeigten wie heutzutage, begründeten diese Schriften den Ruf Frankels. Ihn an der Spitze einer großen Gemeinde zu wiffen, hielten die Mitglieder dieser Gemeinde für eine große Ehre. Die Führer der Berliner Judenheit machten daher Anstrengungen, diesen Mann für Berlin zu gewinnen, wo seit dem Jahr 1800, seit dem Ableben Hirsche! Lewins, das Amt eines Oberrabbiners unbesetzt geblieben war. II. Der Gedanke, Zacharias Frankel nach Berlin zu berufen, war nicht erst Anfang der vierziger Jahre aufgetaucht. Noch zur Zeit, als Frankel in Teplitz weilte, wurde daran ernstlich gedacht, umsomehr, als er in Joseph Muhr einen eifrigen Gönner und Förderer fand. Joseph Muhr, ein Bruder des bekannten Abraham Muhr in Pleß, war ein einflußreiches Mitglied des Berliner Gemeindevorstandes. Am 26. September 1772 geboren, wurde er in der damals üblichen Weise erzogen; er beschäftigte sich viel mit hebräischer Litteratur, schrieb selbst fließend hebräisch und zeigte überhaupt viel Jnterefle und Verständniß für die jüdische Wiffenschaft, zu deren hervorragenden Vertretern er in freundschaftliche Beziehungen trat. Auch Zunz zählte zu seinem Freundeskreise. Im reiferen Alter war Joseph Muhr zu Wohlstand gelangt; er war Bankier und Antiquitäteichändler. Als gebildeter, durchaus rechtlicher und bescheidener Mann fand er Eingang in hohen und höchsten Kreisen; von beiden damaligen Ministern, Rochow und Eichhorn, durfte er sagen, daß sie beide seine „Freunde und Gönner" seien. Den großen Einfluß, den er dadurch bei den Behörden gewann, suchte er stets in uneigennütziger Weise für die gerechte Sache seiner Glaubensbrüder zu verwerthen. Er trat mit demselben Eifer für die bürgerliche Gleichstellung der Juden in Preußen wie für die innere Konsolidirung der Gemeinden ein. Nur seiner Bescheidenheit ist es zuzuschreiben, daß die segensreiche Thätigkeit dieses Mannes, der am 23. Februar 1848 aus dem Leben geschieden, in weiteren Kreisen unbekannt geblieben ist. Im Sommer 1834 war Joseph Muhr in Teplitz, wo er Frankel kennen lernte und mit diesem genußreiche Tage verlebte. Der uni vieles ältere Joseph Muhr bewunderte in Frankel das reichhaltige und vielseitige Wiffen, während ihm deffen ungeheuchelter Enthusiasmus für das Judenthum und seine wahre Frömmigkeit Sympathie einflößten. Bevor Joseph Muhr dann Teplitz verließ, wurde unter den neuen Freunden verabredet, in einen intensiven Briefwechsel zu treten.

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