Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 29 (23.7.1898)
- Date
- 1898-07-23
- Page
- Seite 343 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- 343 - den Sozialismus! Man wollte eben auf jeden Fall den gewaltigen Strom der oppositionellen Bauern in ein anderes Bett ablenken, und da opferte man ihnen, um sich die eigene Haut zu schützen, nach dem in Wien mit Erfolg angewandten Muster — die Juden. Damit war der Grund für die darauf im ganzen Lande folgenden antisemitischen Wühlereien gegeben, und alle Mittel, deren man sich in diesem Kampfe etwa bedienen würde, wurden von der Staniczykenpartei, in deren Händen bekanntlich fast ausschließlich alle höheren Aemter Galiziens sich befinden, im Voraus für gut und gesetzlich befunden und sanktionirt. Es begann nun unter dem wohlwollenden Protektorate der herrschenden Klique eine antisemitische Agitation sowohl in den Städten als auf dem Lande, wie sie auf eine so intensive und niedrige Weise gewiß noch nirgends geführt wurde. Denn hier nahm die Geistlichkeit, mit dem renitenten Stojalowski ausgesöhnt, das Werk in ihre durch lauge Tradition wohlgeschulten Hände. Und für den unwissenden polnischen Bauer, dem man alle Pforten der Bildung zu verschließen und jedes Lichtfünkchen, das sich hier und da zeigt, zu erlöschen und zu ersticken weiß, ist ja der Pfarrer das Alpha und Omega seines Daseins. Er ist für ihn eine heilige, göttliche Person und gleichsam die Verkörperung der Religion, und er kann dies plumpe Menschengebild zu einem Revolutionär oder einem furchtsamen Lamm formen. Und er machte aus ihm einen revolutionären Antisemiten. Daß dies aber in einer so kurzen Zeit geschehen konnte, ist dem Umstande zuzuschreibeu, daß diese beispiellose Agitation in der polnischen Sprache betrieben wurde, die es gestattet, daß in Galizien Dinge Vorkommen, die irgendwo anders gar nicht denkbar wären. Die Presse beschuldigte die Juden der größten Verbrechen, die Volksredner in den Versammlungen und die Pfarrer auf den Kanzeln erzählten dem dummen, gläubigen Bauer die mittelalterlichen Märchen von den Morden christlicher Kinder, von der Vergiftung der Viktualien, die dann den Christen verkauft werden, und vieles andere. Auch in die jungen Gemüther der Schulkinder impfte man diese giftigen Ideen ein und vertheilte in den meisten Schulen eine von dem Jesuiten und Katecheten am k. k. Gymnasium bei St. Anna zu Krakau,?. Matthäus Jez eigens zu diesem Zweck verfaßte Hetzschrift, in der das Volk aufgefordert wird, sich „auf die Häuser der Juden zu werfen, ihnen die Baarschaft zu rauben und ihre Synagogen mit Pech zu verbrennen zur Ehre Gottes und der heiligen Religion. Liegt doch hierin nichts, was unserem heiligen Evangelium widersprechen würde . . ." Und diese Broschüre wurde in kurzer Zeit in den Schulen und auf dem Lande in einigen Zehntausenden von Exemplaren unbeanstandet verbreitet. Es mußten erst Vorstellungen bei der Central-Regierung gemacht werden, um die Krakauer Staatsanwaltschaft zur Konfiskation derselben zu veranlassen. Doch die Saat war bereits überall ausgestreut und auch aufgegangen. Es kamen zunächst die Exzesse in Wieliczka, dann in Przemysl, die sich alsbald auf das ganze westgalizische Gebiet erstreckten. Doch der polnische Adel weiß es wohl, daß die antisemitischen Exzesse in Galizien den Anfang einer sozialen Revolution im Lande bedeuten, und daß sich das polnische Volk, das inzwischen auch seine wahren Bedrücker erkannt hat, bald von den armen Hütten der Juden ad und den hohen Burgen der Schlachta zuwenden wird, die diese ganze Bewegung durch ihre eigenen Fehler vorbereitet und heraufbeschworen hat. Zacharias Frankel in Berlin. Von Dr. S. Bernfeld. I. er jüdische Stamm wird in nicht allzu ferner Zeit (am 18. Oktober 1901) den hundertsten Geburtstag eines seiner ausgezeichnetsten Männer, des Gelehrten und Forschers Dr. Zacharias Frankel, feiern. Eine erschöpfende Biographie dieses Mannes, der auch an dem Kampf um die bürgerliche Gleichstellung der Juden hervorragend Antheil genommen, dessen Schüler zu Hunderten zählen und zum großen Theil eine Zierde der jüdischen Wissenschaft und der synagogalen Kanzel geworden, ist bisher ein pium äesiäerium geblieben. Die Schuld liegt wohl nicht an der schreibenden Welt, sondern an dem jüdischen Lesepublikum, das leider seit Jahrzehnten gewohnt ist, derartige litterarische Erzeugnisse konsequent bei Seite liegen zu lassen. Für die Zustände der jüdischen Litteratur in Deutschland ist es wohl bezeichnend, daß eine solche Biographie, deren Mangel man bei uns nicht einmal empfindet, jetzt in hebräischer Sprache erscheint und mir bereits im ersten Heft vorliegt. Das Interesse für den Lebensgang dieses großen Gelehrten dem die Judenheit und das Judenthum so unendlich viel zu verdanken haben, ist unstreitig unter unseren russischen Glaubensgenossen viel stärker als in der westeuropäischen Judenheit, wo die Träger unserer Geschichte, selbst aus dem nun zu Ende gehenden 19. Jahrhundert, immer mehr in Vergessenheit gerathen. Ich bin in der glücklichen Lage, einige sehr werthvolle Beiträge zu einer Biographie Frankels sowie zu der jüdischen Geschichte unseres Jahrhunderts in der Form von zahlreichen handschriftlich vorhandenen, Aufzeichnungen liefern zu können. Es sind dies Briefe bedeutender Männer aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts, barunter mehr als hundert von der Hand Zacharias Frankels. Da es mir aber bisher nicht gelingen wollte, diese historischen Dokumente in der Form eines Buches der Oeffentlichkeit zu übergeben, so habe ich mich entschlossen, vorläufig einen wichtigen Abschnitt aus meiner Sammlung zu publiziren, nämlich den, der sich mit der Wahl Zacharias Frankels zum Oberrabbiner der jüdischen Gemeinde zu Berlin beschäftigt. Es ist dies ein lehrreiches Kapitel aus der Geschichte dieser Gemeinde, das auch für unsere Zeit von Interesse ist und deshalb der Oeffentlichkeit nicht vorenthalten werden darf. Die im Spätsommer 1842 erfolgte Wahl des Dr. Zacharias Frankel zum Oberrabbiner von Berlin, eine Wahl, die der Gewählte nach ursprünglicher Annahme ablehnen zu müssen glaubte, hat seinerzeit, und zwar nicht nur in jüdischen Kreisen, großes Aufsehen erregt. Die Weigerung Frankels, dem an ihn ergangenen Ruf nach Berlin zu folgen, war für die Entwickelung des Judenthums in Norddeutschland geradezu verhängnißvoll. Es wurde auf ihn damals von verschiedenen Seiten große Hoffnung gesetzt, sowohl in jüdischen wie in christlichen Kreisen. Hatte sich doch nicht nur der damalige Kultusminister Eichhorn, sondern König Friedrich Wilhelm IV. selbst lebhaft für diese Wahl interessirt! Zweifellos hätten sich die Verhältnisse der jüdischen Gemeinde zu Berlin und die der ganzen preußischen Judenheit ganz anders, [uttb zwar wesentlich besser, gestaltet, wenn er nach Berlin gekommen wäre. Sollte doch jfeine Wirksamkeit in der preußischen Hauptstadt unter sehr günstigen Voraussetzungen beginnen. Sowohl die jüdischen Gemeindebehörden wie auch die Staatsregierung wollten ihm weitgehende Rechte in der Waltung seines geistlichen Amtes einräumen und ihn mit großer Machtbefugniß nach innen und nach außen bekleiden. Zum Schaden der deutschen Judenheit zerschlug sich die Sache damals, nachdem man der Ankunft Frankels in Berlin bereits mit