Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 29 (23.7.1898)
- Date
- 1898-07-23
- Page
- Seite 342 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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342 und dritten Pfingsttage einer gründlichen Besichtigung unterzogen, und gewaltig war der Eindruck, den die alte, ehrwürdige Kaiserstadt auf Alle ausübte. Und nun rufen wir allen Kollegen zu: Auf ein fröhliches Wiedersehen im nächsten Jahre zu Pfingsten in Essen. Der Schriftführer: Grünewald-Siegen. Dublon-Aachen. Me Juden und die Ueuslten in Galizien. Bon Jonas Fränkel. as die mit dm sozialen Zuständen oder, richtiger, Mißständen in Galizien Vertrauten voraussahen und befürchteten, das ist nun zur traurigen Wirklichkeit geworden. Unruhen, wie sie seit dem polnischen Bauernaufstände nicht vorkamen, wiederholen sich täglich in den meisten westgalizischen Bezirken; überall überfällt der „gedankenlose" Mob, von gewiffenlosen Agitatoren haranguirt, die jüdischen Häuser, demolirt sie und macht sie dem Erdboden gleich, und nichts vermag der vandalischen Zerstörungssucht der Menge zu widerstehen. Doch viele Symptome zeigen darauf, daß der Jude nur der erste Sündenbock sein soll, und daß das galizische Volk, das sich dis nun ruhig und ohne jede Opposition die verhaßte Schlachzizenherrschaft gefallen ließ, jetzt den Hauptanprall gegen sie richten werde, um sich für die vielen Sünden, die an ihm begangen wurden, zu rächen. Dem verzagten Adel wird nun das schreckhafte Gespenst des Jahres 1846 in Erinnerung gebracht, und selbstsüchtig, wie er ist, nur an sein im Wanken begriffenes Regime denkend, sieht er sich, wie der Schiffbrüchige, nach einem Rettungsbrett um und glaubt e§ zu finden: das Militär! Doch was hilft dies? Die bewaffnete Macht ist höchstens im Stande, die allzu hoch auflodernde Leidenschaft zu dämpfen, aber an dem Geschehenen vermag sie nichts zu ändern. Man möge lieber in die Vergangenheit schauen, sich die Handlungen der letzten Jahre und die nicht allzu tief liegenden Ursachen dieser Revolten vergegenwärtigen, und man wird erkennen: Es sind die eigenen Sünden und Verbrechen, die sich nun an ihren Urhebern rächen. Wenden wir zunächst unseren Blick auf die soziale und kulturelle Stellung der Juden in den Landen des einstigen polnischen Reiches und in Galizien insbesondere. Polen war immer das einzige Beispiel, wo die Juden mit dem autochthonen Volke im Frieden und in größter Eintracht lebten, obgleich sie hier ein nicht un? beträchtliches Prozent der Gesammtbevölkerung bildeten. Zur selben Zeit, als man im Westen hohe Scheiterhaufen für sie aufrichtete und in Deutschland unzählige jüdische Gemeinden im Feuer das Leben aushauchten, wohnten die polnischen Juden in der „freien Republik" zufrieden und ohne jene Beschränkungen, Erniedrigungen und Demüthigungen, denen sie überall ausgesetzt waren. Der Judenhut, der Fleck am Rock und die sonstigen Abzeichen, die sie in den westlichen Ländern tragen mußten, damit jeder grinsende Mund sie bespeien und jeder Feigling sie unstrafbar besudeln könnte, waren in Polen gänzlich unbekannt. Sie lebten hier als die „getreuen Juden" i) der Könige unter ihrer Obhut und dem Schutze der Magnaten, denen sie durch ihre besondere Intelligenz, Erfahrung und Geistesschärfe so manche guten Dienste verrichteten. Bald kam es dazu, daß jeder polnische Edelmann seinen Juden hatte, dem er alle seine Geschäfte und Geheimniffe vertraute. Dieser Typus des i) Nostri fideles Judaei werden sie vom Könige Kasimir III. genannt Bei Bandtkie, jnra pol. Hofjuden ist bis nun in Oalizien geblieben. Ein getreues und schönes Bild eines solchen Juden hat auch der große polnische Dichter Mickiewicz in seinem Epos „Herr Taddäus" dargestellt. Der Jude Jankiel schlichtet die Zwistigkeiten des streitenden Adels in der Nachbarschaft, wird von Allen geliebt und geehrt und von dem Dichter als eine Verkörperung des Patriotismus hingestellt, dem er auf seinen Cymbalen in dem bekannten „Konzert" meisterhaften Ausdruck verleiht. Freilich mußten auch die polnischen Juden zuweilen die Härten des Schicksals erfahren, und alsdann, wenn das Gewitter kam, verlangte es furchtbare Opfer. Sollen doch nach gleichzeitigen Angaben während des Chmielnicki - Aufstandes allein in einigen Monaten eine Viertel Million Juden im östlichen Theile Polens von dem wuthschnaubenden Pöbel hingeschlachtet worden sein! Doch das war nur ein augenblicklicher, vorübergehender Ausbruch der zumeist von den listigen Jesuiten angefachten Volksleidenschaft, die sich immer gleich danach legte. Es war nur wie eine auf dem klaren, heiteren Firmamente vorüberziehende Wolke die gleich verschwindet. Die Juden lebten dann wieder ruhig und zufrieden zusammen mit den Polen, und in den letzten Jahren der Republik fochten sie auch glänzend an ihrer Seite. Dieser glückliche Zustand dauerte bis in die letzten Jahre. Obgleich die Verhältnisse seither eine furchtbare Wendung für die Polen genommen hatten, in dem Leben der Juden, speziell in Galizien, und ihrer Stellung hat sich nichts geändert. Sie überdauerten die Theilungen des Königreichs, den polnischen November- Aufstand und die Wirren der Vierziger und Sechziger Jahren, immer zwar an den Ereigniffen theilnehmend, doch mit einer Reserve, die es ihnen nach Beendigung der Unruhen gestattete, an der Seite des Adels wieder die Früchte der ruhigen Jahre zu genießen. Und so galten sie mit Recht immer als die engsten Bundesgenoffen der galizischen Schlachta, die sich ihnen dafür nicht selten dankbar erwies. Doch dieses Verhältniß erfuhr im vorigen Jahre eine vollständige Umgestaltung durch das Erwachen des Selbständigkeitsgefühls in dem polnischen Volke. Die Landbevölkerung in Galizien, die bis dahin ohne jede Opposition das Joch der Schlachzizenherrschaft trug, öffnete fast urplötzlich vor einem Jahre, durch die Wahlagitation der sozialistischen und bäuerlichen Parteien aufgeklärt, ihre Augen. Es war dies ein charakteristischer Zug. Die Bauern, bis nun auf jede Weise geknebelt und unterdrückt, so daß es fast den Anschein haben mochte, das Selbstbewußtsein sei in ihnen bereits abgestorben, erhoben sich auf einmal aus ihrem tiefen Schlummer tutb zerrissen den dunklen Schleier, den sie bisher willig vor den Augen trugen. Das sichtbare Zeichen dieser Wandlung, die sich da in einer kurzen Zeit vollzog, waren die dreizehn oppositionellen Abgeordneten, die trotz der bekannten Verfolgungen aus den Wahlen hervorgegangeu und in den Polenklub nicht eingetreten sind. Das erste Mal war es, daß polnische aus Galizien gewählte Abgeordnete im Parlament Politik auf eigene Hand trieben. Ein fürchterlicher Schlag war dies für den Polenklvb und eine in ihren Folgen unberechenbare Niederlage, aus der er den Verfall seiner Macht ersehen konnte. Wurden doch auch die meisten Mitglieder des Polenklubs mit einer sehr geringen Majorität und nur dank der berüchtigten Praktiken und Fälschungen gewählt. Aber am meisten kränkte die Adelspartei die mit einer überwältigenden Majorität erfolgte Wahl der Abgeordneten der sozialdemokratischen Partei, deren Macht auf dem Lande mit jedem Tage wuchs. Man sah sich daher nach einer Abhilfe vor diesem gefürchteten Feinde um, und das Krakauer Stanizykenblatt „Czas" war es, das diese ersann. Gleich nach den Wahlen gab es die Parole aus: Der Antisemitismus als Antidotum gegen I