Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 29 (23.7.1898)
- Date
- 1898-07-23
- Page
- Seite 341 (sequence 5)
- Language
- German
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341 hielt Liepmannssohn-Minden die angegebenen Ziele für zu weitgehend und sowohl wegen des Geistesstandpunktes der meisten Schüler als auch wegen Mangels an Zeit für unerreichbar. Fröhlich-M.-Gladbach schloß sich in längerer Auseinandersetzung dieser Meinung an. Der Referent erwiederte, daß die Erfolge der Samsonschule in Wolfenbüttel seine Behauptungen rechtfertigten, daß es aber auch gar nicht seine Absicht sei, eine allgemeine Norm zu geben. Nach Erledigung dieses Punktes machte der Vorsitzende auf die Kantorenschule des Herrn Ed. Birnbaum in Königsberg aufmerksam und empfahl sie recht dringend. Punkt 6. Als Ort der nächsten Versammlung wurde Essen und Minden vorgeschlagen; die Entscheidung darüber wie auch die Bestimmung des Ortes einer außerordentlichen General-Versammlung wurde dem Vorstand überlassen. Punkt 6, betreffend die Einigung mit dem Kölner Verein, gab Anlaß zu erregten Auseinandersetzungen. Die Hoffnungen auf eine Einigung, die man auf der vorjährigen Konferenz gefaßt hatte, haben sich leider nicht erfüllt. Wie der Vorsitzende erklärte, sind sie trotz des weitgehendsten Entgegenkommens des Essener Vereins an dem unerklärlichen Verhalten des Kölner Vereins gescheitert; dagegen habe dieser die Interessen unseres Vereins schwer geschädigt. An der Hand der Akten hob er die Schwierigkeiten hervor, die die Kölner von vornherein machten, um erst eine Kommissionssitzung der drei in Rheinland-Westfalen befindlichen Lehrerveine (Vereine Essen, Köln, Trier) herbeizuführen. Während der südwestdeutsche (Trier) sich dem Vereinigungswerke sympathisch zeigte, — und der Herr Vorsitzende hoffte, daß mit diesem sich später noch eine Verbindung werde vollziehen lassen, aber vorläufig nach unseren Siatuten es, wenigstens in dem Nahmen ihrer Forderungen, nicht angängig ist, — so waren die Mitglieder der Kommission des Kölner Vereins, obgleich ihrem Wunsch entsprechend Ort und Zeit gewählt worden waren, gar nicht einmal erschienen. Der Vorsitzende, Hauptlehrer Graf, hielt ihnen einen Spiegel ihres Verhaltens vor. „Wir sind ihnen (den Kölnern) in der denkbar weitesten Weise entgegengekommen, wir haben ihnen alles bewilligt, was sie wollten — alles um des lieben Friedens willen —, und nun lehnen sie unbegreiflicherweise alles ab. In der August-Versammlung noch werden unsere Vorschläge angenommen und am 2. Januar in Bonn abgelehnt. Was zwischen August und Januar bei ihnen vorgegangen, entzieht sich meiner Kenntniß, nur vermuthen läßt es sich. Es waren jedenfalls die Bonner Beschlüsse die unklügsten, die sie je gefaßt haben. Nun, meine Herren, seien Sie versichert, nach Canossa gehen wir nicht. Sie (die Kölner) sollen den „Ruhm" haben, seit drei Jahren Zwietracht in die jüdische Lehrerschaft Rheinland-Westfalens hineingetragen zu haben. Sie haben uns bisher geschädigt, sehr geschädigt, besonders unsere alten Lehrer-Invaliden, die Wittwen und Waisen der Lehrer. Wir sind deshalb gezwungen, um der Selbsterhaltung willen Schutzmaßregeln zu ergreifen. 8i vis pacem, para bellum.“ Goldschmidt und Gut-Köln suchten mit schwachen Argumenten das Verhalten des Kölner Vereins zu rechtfertigen und die gegen denselben erhobenen Beschuldigungen zurückzuweisen, was ihnen wohl nicht gelungen sein dürfte. Liepmannssohn - Minden stellte in überzeugender Weise fest, daß es geradezu den Anschein habe, als ob der Kölner Verein einer Einigung mit Fleiß ausgewichen sei. „Zum zweiten Male lassen wir uns zu solchen Bedingungen, wie wir sie den Kölnern in der Freude des Herzens in Lippstadt zugestanden, nicht mehr herbei. Sie (die Kölner) haben den Anschluß verpaßt." In gleichem Sinne sprachen in nachdrücklicher Weise noch Levi-Neuß, Goldstein- Grevenbroich u. A. Das Odium fällt offenbar auf die Kölner orthodoxe Vereinigung. Der Gesammteiudruck dieser über diesen einen Punkt zu drei Stunden dauernden Debatte war eine moralische Niederlage des Kölner Vereins. Dieses Gefühl theilte Jeder. Am Abend vereinigte man sich zu einem Festessen, das von den Anstrengungen des Tages reichlich Erholung gewährte und die Theilnehmer noch lange in der -fröhlichsten Stimmung beisammen hielt. Bei den Trinksprüchen nahm man Gelegenheit, die Verdienste des Vorsitzenden, Herrn Graf-Essen, zu feiern, unter dessen umsichtiger, thatkräftiger Leitung der Verein einen bedeutenden Aufschwung genommen hat. Am anderen Morgen 9 Uhr wurden die Verhandlungen wieder ausgenommen. Der Vorsitzende brachte zunächst einige Entschuldigungsschreiben zur Kenntniß der Versammlung, so von den Herren Rabbiner Dr. Horowitz-Krefeld und Dr. Frank-Köln sowie von verschiedenen Kollegen. Auf Antrag Liepmannssohn-Minden wurde beschlossen, daß Herr Rabbiner Dr. Frank-Köln wegen seiner großen Verdienste um den Verein allemal eine offizielle Einladung zu den General-Versammlungen erhalten solle. Hierauf wurden die Vorträge für die nächstjährige Konferenz bestimmt. Es werden referiren: Meyer-Lünen über „Jüdische Schulbibliotheken" und Wallach-Aachen über „Die jüdische Schule, wie sie war, ist und sein soll". In Fortsetzung des Punktes 6 erhielt Spier- Bocholt das Wort zu einer persönlichen Bemerkung und erklärte für sich und Spier-Wesel den Austritt aus dem Kölner Verein, falls keine Vereinigung zwischen den beiden Vereinen zu Stande kommen werde. Cohn-Rees schloß sich im Großen und Ganzen diesen Ausführungen an. Punkt 7. Mittheilungen des Vorstandes des Lehrerverbandes, be« treffend die Subventionen zu den Konferenzreisen. Es konnten diesmal, obgleich die Zahl der Erschienenen geringer war als in anderen Jahren, nur ungefähr 45pCt. Reisevergütung bewilligt werden. Levy-Neuß, zugleich Vorstandsmitglied des Lehrerverbandes, erklärte, daß eine größere Subvention nicht möglich gewesen sei. Liepmannssohn-Minden und Baum-Rheine wurden auf Vorschlag des Vorsitzenden, Herrn Graf, als Delegirte zum Verbandstage einstimmig wiedergewählt. Ersterer stellte den Antrag: „Die Generalversammlung ersucht den Vorstand, dem Berbandsvorstand mitzutheilen, daß die diesseitigen Delegirten die Fahrkosten aus der Vereinskasse erhalten; dagegen spricht die Versammlung den dringenden Wunsch aus, daß die Kosten für den Aufenthalt aus der Verbandskasse geleistet werden. Der Vorsitzende brachte sodann ein Schreiben des Herrn Dr. Weingarten vom „Israel. Central-Waisen- und Mädchenheim" in Ems wegen freier Aufnahme und Behandlung kurbedürstiger Vereinsmitglieder zur Verlesung. Inzwischen war Herr Rabbiner Dr. Cohn-Bonn erschienen, der die Versammlung Namens des rheinischen Rabbinerverbandes herzlich begrüßte. Zur Mitarbeit an den statistischen Jahrbüchern des Verbandes erklärten sich bereit die Kollegen: Goldschmidt-Brakel, Kaufmann-Gelsenkirchen, Rosenbusch-M.- Gladbach, Spier-Bocholt, Spier-Wesel, Levi- Neuß, Loewenstein-Grevenbroich, Dublon-Dülmen, Dublon-Aachen, Strauß- Dinslaken, Fränkel-Düsseldorf und Grünewald-Siegen. Bei Punkt 8, den freien Besprechungen, wurde die Frage gestellt, ob mit Bezug auf den 8 4 des Gesetzes vom 3. März 1897 für das Kantorat eine besondere Besoldung bezw. Erhöhung des Grundgehaltes beansprucht werden könne? Die Versammlung war der Ansicht, daß dem Kultusbeamten ein Anspruch auf eine angemessene Vergütung für den von ihm versehenen Kantoratsdienst zustehe, und es daher nicht ausgeschlossen sei, daß ihm die Wohlthat des 8 4 zutheil werde. Herr Rabbiner Dr. Cohn-Bonn erzählte einige interessante Fälle aus seinem Leben, welche darthaten, daß, wenn nichtkompetente Leute den Kantoratsdienst versehen, der Kultusbeamtenstand leicht in Mißkredit kommen kann. Kollege Liepmannssohn-Minden bat die Versammlung, dem Vorsitzenden, Herrn Gras, der sich vor Schluß der Sitzung zurückzog, für seine umsichtige und unparteiische Leitung ihren Dank auszusprechen, und schloß, nachdem das älteste Vereinsmitglied, Löb-Köln, Namens der Versammlung dem Gesammtvorstande gedankt hatte, die Konferenz mit dem Wunsche, daß die Berathungen segensreiche Erfolge zeitigen möchten. Diesem Wunsche schließen auch die Unterzeichneten Schriftführer sich an: Mögen die erhebenden Eindrücke und guten Winke, die die Aachener Konferenz ihren Besuchern zutheil werden ließ, von nachhaltiger Wirkung und dauerndem Werthe sein und segensreiche Verwendung finden in unserem Berufsleben! Möge auch das nun begonnene 43. Jahr unseres Vereins ein ebenso gesegnetes werden für unser Vereinsleben und die Unterstützungskasse desselben wie das voraufgegangene. Schließlich noch einige Worte über einen Umstand, der zwar nicht eigentlich zur Konferenz gehört, aber doch immer eine angenehme und willkommene Zugabe desselben darstellt: das sind die Naturschönheiten, Merk- und Sehenswürdigkeiten des Versammlungsortes und seiner Umgebung. Und Aachen vermochte uns viel zu bieten. Unter der liebenswürdigen Führung der dortigen Kollegen wurde die Stadt am ersten