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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-07-23 · Heft 29 (23.7.1898) · p. Seite 340

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 29 (23.7.1898)
Date
1898-07-23
Page
Seite 340 (sequence 4)
Language
German
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340 Korrespondenz aus Buenos Aires, in der über die argentinischen Kolonien des Hirsch-Fonds anscheinend sehr sachkundig und zutreffend berichtet wird: „Die trüben Berichte über die Argentinischen Kolonien, die so häufig in Europa cirkuliren, find kaum durch die Wirklichkeit gerechtfertigt. Ohne allen Zweifel haben die Kolonisten manche Schwierigkeit zu überstehen, und ihr Weg zum Erfolg ist nicht gerade eben. Viele dieser Schwierigkeiten find wohlbekannt, fle stammen theils aus den natürlichen Bedingungen, theils aus den angewandten Methoden der Kolonisation. Zu der ersteren Rubrik gehört die schreckliche Heuschreckenplage, die dieses Jahr wieder Mauricio verheert und einen Appell an die Wohlthätigkeit hervorgerufen hat. Indessen haben die schädlichen Fehler der Administration und der Kolonisten selbst ebenso viel Schaden gethan wie die Naturplagen. Der größte dieser Fehler ist das sogenannte „Nursing", d. h. Unterstützen der Kolonisten. Die Zerstörung ihres Unabhängigkeitsgefühles und ihrer eigenen Verantwortlichkeit durch außerordentlich reiche Unterstützungen, wenn die Ernte mißrieth, die große Nachsicht der Verwaltung gegenüber den Verpflichtungen der Kolonisten gehen so weit, daß sie diese fast jeder Zahlungspflicht entheben. Auch die vielen landwirthschaftlichen Erleichterungen, die den Kolonisten fast im Ueberfluß zu Gebote stehen, sind nicht dazu angethan, männliches Selbstgefühl, Gefühl für die eigene Verantwortung zu erziehen, und sie sind besonders am falschen Platze, wo kraftvolle Selbsthilfe die einzige Garantie für den Erfolg bietet. Es existirt in den Kolonien eine ziemlich hohe Verschuldung, die einzelnen Kolonisten schulden inkl. des Bodenpreises von 12 000 bis 28 000 Mark pro Familie, die in 20 jährlichen Raten bezahlt werden sollen. Ein intelligenter Kolonist kann sicher in einem guten Jahr 5 pCt. seiner Verpflichtungen zahlen, allein in den sieben Jahren, seit die Jewish Colonisation Association besteht, ist dank des Wohlthätigkeitsprinzips, auf das alles aufgebaut ist, noch nicht eine einzige Rückzahlung erfolgt. Wahrscheinlich werden diese Schulden nie bezahlt werden, denn viele von den Kolonisten werden ihre Gelder in ihnen besser zusagenden Berufen verwenden, denn sie wissen sehr wohl, daß sie von der Gesellschaft nichts zu fürchten haben. Andererseits öffnet wieder das System der Selbstverwaltung, das den Bauern überläßt, selbst zu ernten und zu verkaufen, schweren Mißbräuchen Thür und Thor. Ein Geschäft auf Theilung zwischen dem Bauer und dem Beamten, der die Ernte abschätzen soll, ist nicht selten, eine falsche Schätzung ist leicht gemacht, und der Bauer entgeht dadurch erstens der Rückzahlung, zweitens erhält er vielleicht selbst von dem Centralfonds noch „Stütze". Die französische Administration, die in Kleinigkeiten ungemeine Gewissenhaftigkeit zeigt, entwickelt andererseits gar keinen weiten Blick für die großen Aufgaben, wie dies englische Beamte auszeichnet. Außer diesen Fehlern der Verwaltung müssen wir auch auf die der Kolonisten Hinweisen, von denen leider viele sehr geringe Neigung für den Ackerbau zeigen und sich bei der ersten passenden Gelegenheit zurückziehen. Trotz aller dieser Hindernisse darf man indeß die Zukunft der Kolonien nicht als hoffnungslos betrachten. Im Gegentheil sind sichere Zeichen von Fortschritten sichtbar. Sogar in diesem Jahre hatte ein Bauer in Clara einen Reinertrag von 3000 Mark, nachdem er seine Vorschüsse zurückgezahlt und Saatkorn zur Aussaat bei Seite gelegt hatte. Die Lage der Kolonien hat sich im Allgemeinen trotz aller Schwierigkeiten, wenn auch nur um ein Weniges, gehoben. Die Arbeit in der frischen Luft macht sogar die gegenwärtige Generation kräftiger und gesunder an Geist und Körper. Mit Geduld, Ausdauer und den durch die Erfahrung allmälig sich bessernden Methoden kann es wohl gelingen, den argentinischen Kolonien eine glückliche Zukunft zu sichern. 43. Jahresversammlung des Vereins israelitischer Ejementar-Lehrer für Rheinland und Westfalen in Aachen am 30. und 31. Mai 1898. f ie am 30. und 31. Mai in Aachen abgehaltene Jahresversammlung der isr. Lehrer Rheinlands und Westfalens war trotz der Ungunst des Wetters gut besucht. Mit herzlichen Begrüßungsworten eröffnete der Vereinsvorsitzende, Herr Hauptlehrer Graf-Essen, die Konferenz. Die Aufgaben, die sich unser Verein stellt, so bemerkte er, sind zwiefacher Art: Es find ideale und materielle Fragen, die wir zu behandeln haben. Außer den Fragen des Unterrichts der jüdischen Schule, der Pflege der Kollegialität, ist es die der Unterstützung der Lehrerwittwen und -Waisen und der alten Lehrer-Invaliden, die ihre Lebensaufgabe in der religiösen und allgemeinen Bildung der jüdischen Glaubensgemeinschaft betrachteten. Mit großer Freude und Genugthuung könne er das Blühen und Sprossen des Vereins und seiner Unterstützungskasse konstatiren. Im Innern pulsirt ein frisches Leben, äußerlich ist esdie ungewöhnliche Zunahme an Mitgliedern unseres Vereins und das Wachsen des Vermögens unserer Unterstützungskasse. Alle Hemmnisse, die uns von gewisser Seite entgegentraten, waren zu schwach, um die Entfaltung unseres Vereins aufzuhalten. Wenn wir nun in diesem Jahre nach Aachen, der Peripherie des Bezirks, über den sich unsere Wirksamkeit erstreckt, gekommen sind, so hat das vornehmlich darin seinen Grund, daß wir auch die Kollegen dieser Gegend mit den Segnungen unseres Vereins bekannt machen und sie zur Mitarbeit einladen wollen. — Als Ehrengäste waren die Mitglieder der beiden Kollegien der Synagogen-Gemeinde Aachen erschienen. Der Vorsitzende derselben, Herr Jakob Lippmann, hielt eine mit großem Beifall aufgenommene Ansprache und machte der Versammlung zunächst die Mittheilung, daß die Verwaltung der jüdischen Gemeinde Aachens beschlossen habe, zur Unterstützungskasse des Lehrervereins einen jährlichen Beitrag zu leisten. Sodann gab Herr Lippmann aufs Neue einen Beweis seines in weiten Kreisen bekannten Wohlthätigkeitssinnes, indem er die Vereinsleitung davon verständigte, daß er aus eigenen Mitteln der Unterstützungskasse des Vereins eine fortdauernde Spende von 200 M. jährlich werde zufließen lassen. Herr Rabbiner Dr. Jaulus-Aachen, der infolge eines Trauerfalls am Erscheinen verhindert war, sandte ein Begrüßungstelegramm. — Mit herzlichen Worten hieß auch Kollege Dublon-Aachen die Versammlung willkommen und wünschte den Berathungen einen glücklichen Erfolg. Es wurde nun zur Tagesordnung geschritten, und zu Punkt 1, dem Kassenberichte, stellte der Vorsitzende das Gedeihen der Unterstützungskasse des Vereins fest. Das Vermögen beträgt etwa 100 000 M., gegen 92 000 M. im Vorjahre. Indessen ist auch die Inanspruchnahme der Kasse gestiegen, und nach wie vor ist es dringend nöthig, daß fleißig für den Verein gearbeitet werde. Punkt 2 betraf den Antrag auf Ernennung der Frau San.-Rath Dr. Hirschland-Essen zum Ehrenmitglied, der einstimmig angenommen wurde. Punkt 3. Dem Anträge des Vorsitzenden um Bewilligung von 300 M. jährlich zur Anstellung eines Hilfsarbeiters zur Bewältigung der fortwährend sich mehrenden Verwaltungsgeschäfte, da die Arbeiten die Kraft einer Person übersteigen, wurde ohne Debatte zugestimmt. Punkt 4. Vortrag des Kollegen Eichengrün - Wolfenbüttel über „Bibelunterricht in den höheren Lehranstalten". In einem einstündigen, hochinteressanten Vortrage führte Redner aus, daß die bisherige Betriebsweise des Religionsunterrichtes keine günstigen Erfolge aufzuweisen habe. Mit Schmerz gewahre man die Stellung der Juden zum Judenthum, hier stumpfe Gleichgiltigkeit in religiösen Dingen, dort ein oberflächliches Urtheil, dann Charakterlosigkeit und schließlich schnöder Abfall. Der Religionsunterricht könne und müsse Helsen; vor allem müsse das ethische Prinzip des Judenthums mehr betont und die Erhabenheit der biblischen Erzählungen über die Sagen des klassischen Alterthums, welch letztere das Interesse der Jugend viel mehr gewinnen als die ersteren, den Schülern zum Bewußtsein gebracht werden. Durch Vergleichung — Redner führte ein Beispiel in ganz vorzüglicher Weise aus — sollen sie erkennen, daß alle Völkersagen, so schön und anziehend sie auch find, die Bibel nimmermehr erreichen. Das sich ergebende Moralgesetz dürfe aber nicht vorgetragen, sondern müsse von den Schülern sozusagen herausempfunden werden. Die Behandlung der Propheten verlangte Redner im Sinne des kürzlich in der „Allg. Zeitung d. I." erschienenen Aufsatzes des Herrn Professors Dr. Tachau-Wolfenbüttel: „Die Behandlung der Propheten an den höheren Lehranstalten". — Korref. Goldschmidt-Brakel verzichtete auf Grund vorheriger gemeinsamer Arbeit und Besprechung mit dem ersten Referenten aus seine Ausführungen, verfocht aber in der nachfolgenden Diskussion mit aller Energie den Standpunkt des Referenten. In dieser Diskussion, die recht lebhaft war.

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