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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-07-23 · Heft 29 (23.7.1898) · p. Seite 338

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 29 (23.7.1898)
Date
1898-07-23
Page
Seite 338 (sequence 2)
Language
German
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338 Hauptstadt oder in der Nähe nicht blos Schulen, sondern auch ein Kollegium und eine medizinische Fakultät nebst einem großen Hospital und eine Buchdruckerei zu errichten. Schon lange stehen die russischen Agenten wegen Ankaufs eines großen Grundstückes für diese Bauten in Unterhandlungen. Sowohl in Beirut als auch in Damaskus und in Homs sorgen russische Vereine und Vertreter für den weiteren Fortschritt der Bewegung. Vorläufig erhalten dieselben ihre Weisungen noch von den Lenkern des ganzen Feldzuges in Nazareth, die unmittelbar mit den hohen Herren von St. Petersburg in Verbindung stehen. Nicht ohne Besorgniß wird man dieses zielbewußte Vordringen der Russen beobachten. Drei Umstände sind es vor allem, die ihren Wettbewerb so gefährlich machen und ihm einen großen Erfolg bei den Bewohnern Palästinas und Syriens in Aussicht stellen. Zunächst ist es die religiöse Zusammengehörigkeit, welche die Russen mit den getrennten Griechen im Orient verbindet. Wenigstens für den Anfang treten die großen nationalen Verschiedenheiten zurück; die orthodoxe Einheit bewirkt von selbst eine gewisse Annäherung, zumal diese rechtgläubigen Brüder aus dem Norden so mächtige Schirmer ihrer hart bedrückten Glaubensgenossen im Osten zu werden versprechen. Gerade die hohe Meinung, welche sich die Bewohner Syriens und Palästinas, wie auch anderer Länder, nicht so ganz ohne Grund von der großen Macht Rußlands gebildet haben, befördert weiterhin gar sehr die russischen Bestrebungen. Je schwächer der Orientale aus sich selbst ist, desto mehr zeigt er sich willfährig gegenüber den Wünschen des Starken, und der Gradmesser seiner Sympathien gegen den Fremden ist die Meinung, welche er von dessen Macht und Ansehen besitzt. Ein großer Theil der Bevölkerung wendet sich deshalb voller Hoffnung dem glanzvoll aufsteigenden nordischen Siebengestirn zu. Zu der hohen Meinung von der russischen Macht kommt dann als Hauptfaktor für den erfolgreichen Wettbewerb hinzu, daß die Russen auch in Wirklichkeit ihre Kraft durch den Aufwand großer Mittel in der Verfolgung ihres Zieles bekunden. Der goldene Schlüssel kann ja leider im Orient mehr denn irgendwo mit geheimnißvoller Zauberkraft auch die bestverschlossenen Thüren öffnen und selbst den Weg zum Herzen und Gewissen aufschließen. Daß dabei die Russen auch bei der türkischen Regierung sich Gehör zu verschaffen wissen, braucht wohl nicht erst durch Beispiele erhärtet zu werden. Kann es da noch Wunder nehmen, daß man hier und da schon sagen hört: Der Russe wird Herr werden im heiligen Lande! Sicherlich droht uns von keiner Seite dort größere Gefahr als vom russischen Fortschritt. Möchten das unsere jugendlichen zionistischen Heißsporne beherzigen! Für uns aber erwächst aus dieser Betrachtung die doppelte Pflicht, Zions und der großen Vergangenheit in tiefer Trauer zu gedenken, in der uns nur die sinnige Erzählung der Hagadah aufrichten kann, die von den frommen Rabbinern berichtet, welche beim Anblick des Tempelbergs, den Schakale verwüsteten, in Thränen ausbrachen. Nur Rabbi Akiba lächelte vor sich hin. Erstaunt fragten ihn die Anderen nach der Ursache seines Lächelns. Da erwiederte ihnen der große Lehrer: Wenn, wie wir eben sehen, die Strafverkündigungen unserer Propheten in traurige Erfüllung gehen, so giebt mir dies die frohe Zuversicht, daß auch ihre herrlichen Verheißungen dermaleinst werden erfüllt werden, die uns ein neues Zion, die glorreiche Zukunft Israels und ein Reich des Friedens, der Gotteserkenntniß und der Freiheit für die ganze Menschheit verkündigen. Nie Woche. Berlin, 19. Juli. (gMT/'ödS) einander haben nun wohl sämmtliche Parteien in DeutschyfgJL land über die Haltung der Juden bei den Wahlen Czs-3 ihre Meinung ausgesprochen. Für uns sind diese Erörterungen sehr lehrreich. Fast alle Parteien sind mit uns unzufrieden — und diese Thatsache könnte uns vielleicht auf den rechten Weg führen, den wir zu unserem Heile einzuschlagen haben. Zuletzt ist es die Sozialdemokratie, die ihre Unzufriedenheit über die Juden ausspricht. .So beklagt sich die „Schwäbische Tagwacht", das Stuttgarter Organ der württembergischen Sozialdemokraten, in gar beweglicher Weise über das gleichgiltige Verhalten der „jüdischen Mitbürger" bei den Wahlen: „Während des Wahlkampfes war nur Eins unbegreiflich: die gleichgiltige, indolente Haltung unserer jüdischen Mitbürger. Wahrlich, es scheint, den Juden ist im Laufe der Jahrhunderte der Erniedrigung und Bedrückung das Gefühl der Menschenwürde abhanden gekommen, sonst wäre ihre Haltung im Wahlkampfe eine andere, und wären sie an Seiten derjenigen Partei, nämlich der Sozialdemokratie, welche die Befreiung der ganzen Menschheit auf ihre Fahne geschrieben hat, zu treffen gewesen, was aber leider durchaus nicht der Fall war. Auf dem Papier ist der Jude mit seinen übrigen Mitbürgern vollständig gleichberechtigt, aber in Wirklichkeit klirren die Ketten des Ghettos immer noch an seinen Füßen. Nicht nur, daß die Jahrhunderte lange Bedrückung der Juden so viel Gliedern der dominirenden Konfessionen den Stempel der Unduldsamkeit aufgedrückt hat, auch dem Geiste der Juden hat dieser Zustand seine untilgbaren Spuren hinterlaffen. Auch in wirthschaftlicher Beziehung ist der Jude gleichberechtigt, es giebt aber so viel Mittel und Wege, ihn wirthschaftlich zu schädigen, und werden diese Wege bei Leibe nicht betreten, um den Juden in seiner Existenz zu bedrohen, sondern es geschieht nur des Allgemeinwohls wegen, bei Leibe nicht aus Judenhaß! Nur ein einziges Beispiel: Wie schwer wird der Viehhandel — der den hauptsächlichen Erwerbszweig der meisten Landjuden bildet — durch die Beschränkungen, welche aus Anlaß der Bekämpfung der Maul- und Klauenseuche verhängt wurden, und welche Maßregeln durch eine Agitation verschiedener landwirthschaftlicher Vereine hervorgerufen wurde, geschädigt! Es wäre jedoch weniger darüber zu sagen, wenn diese Maßregeln die Verbreitung der Maul¬ und Klauenseuche verhüten würden, was aber durchaus nicht der Fall ist, wie durch eklatante Beispiele nachgewiesen werden kann. Es ist beinahe unbegreiflich, wie die Juden den sozialdemokratischen Bestrebungen gleichgiltig, ja sogar feindlich gegenüberstehen können. Wenn wir betrachten, wie sämmtliche bürgerlichen Parteien mehr oder weniger antisemitisch angehaucht sind, von dem waschechten Rassenantisemiten bis zu dem den Antisemitismus im Stillen begünstigenden Nationalliberalen, wenn wir sehen, wie selbst die bürgerlich freisinnigen und demokratischen Parteien nicht wagen, offen und ehrlich gegen den Antisemitismus aufzutreten, so möchten wir beinahe wünschen, es möchte noch schlimmer kommen, damit den Juden endlich durch den harten Zwang der Verhältnisse die Augen geöffnet und sie mit Gewalt in das Lager der Partei, welche keinen Antisemitismus kennt, nämlich zur Sozialdemokratie, gedrängt würden. Man hat der Sozialdemokratie schon oft vorgeworfen, sie sei verjudet; möge man uns diesen Vorwurf ruhig machen; wir sind stark genug, ihn hinnehmen zu können, ohne Schaden dabei zu leiden. Es ist unser vornehmstes Ziel, für Befreiung der ganzen Menschheit zu schaffen und zu wirken, und wir zählen es mit zu unseren Aufgaben, auch für unsere in ihrer bürgerlichen Gleichberechtigung bedrohten jüdischen Mitbürger einzutreten. Wenn wir deshalb als verjudet gelten, betrachten wir diese Bezeichnung als einen Ehrentitel." Diese Betrübniß über die mit Blindheit geschlagenen Juden wird von dem Hauptorgan der schwäbischen Centrums- Demokratie, dem „Deutschen Volksblatt", nicht ohne tieferes Wohlgefallen bemerkt: „Das Judenthum wird sich auf derartige Mahnungen hin nicht beeilen, der Sozialdemokratie zu Diensten zu sein. Es hat zwar der

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