Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 29 (23.7.1898)
- Date
- 1898-07-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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62. Jahrgang. Ur. 29. Allgemeine Berlin, 22. IM 1898. eitung öes Audentbums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. I Abonnements-Preis: Durch Buchhandel,! Post oder direkt von der Expedition in Berlin! unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. I Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Lndrvig Phtlippson-Bonn Verlags-Expedition: Gerlin, Jerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Änhlllt. Leitartikel: Trauer um Zion. — Die Woche. — 43. Jahresversammlung des Vereins israelitischer Elementarlehrer sür Rheinland und Westfalen. — Die Juden und die Revolten in Galizien. Von Jonas Fränkel. — Zacharias Frankel in Berlin. I. Von Dr. S. Bern selb. — Feuilleton: Die Rose von Saron. IV. — Sehnsucht nach Zion. Von Dr. I. Weiß. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Breslau, Aus der Provinz Posen, Plefchen, Koschmin, Schlochau, Kolberg, Aus Westpreußen, Nienburg a. Weser, Vlotho, München, Wien, Lemberg, London, Petersburg. — Bon Nah und Fern. — Miseellen. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. — Geschäftliche Notizen. Trauer um Zion. Berlin, 19. Juli. als seit langer Zeit haben wir in diesem Jahre Veranlassung, am Trauertage Israels der trüben Tage zu gedenken, in der sich unsere Glaubensgemeinde gegenwärtig befindet. Gespalten im Innern, bedrängt von außen, klagen wir um Zion, das von Neuem ein Zankapfel zu werden droht für die Völker und Religionen. Mit bangem Blick verfolgen wir die Bewegung, die aus achtungswerthen, wenngleich irrigen Motiven den Kampf für dieses Zion aufzunehmen wagt, indeß wir von einer Wolke von Feinden in allen Ländern der Diaspora auf Schritt und Tritt bedroht werden. Die Frage, die wohl hier und da ausgesprochen wird: Soll ich nicht trauern um Zion? erhält durch die Lage des Judenthums in der Gegenwart eine eigenthümliche Beleuchtung, eine schlagende Antwort. O ja, wir haben allen Grund zur Trauer und Klage, wir haben alle Veranlassung, den Verlust der einstigen Größe und die Uneinigkeit, die Gleichgiltigkeit, den Abfall der Gegenwart zu beweinen. Ueberall, wohin sich unser forschender Blick wendet, begegnet er grimmigen Feinden oder lauen Freunden. Und in unserer eigenen Mitte herrscht die Zwietracht, zieht der Jndifferentismus immer weitere Kreise, feiert der Abfall seine Triumphe. Wir begreifen es wohl, wenn enthusiastische Naturen eine Rettung aus diesem Wirrsal in der Bewegung zu erblicken vermeinen, die man die zionistische nennt. Aber wir begreifen es nicht, wenn ernste, klar und ruhig denkende, überlegte Männer diesen Utopien folgen, die im Licht der Konstellation der Weltmächte wie leere Seifenblasen zerplatzen. Gerade für den Trauertag um Zion dürfte deshalb eine Betrachtung am Platze sein, die sich mit Zion, wenn auch von einem fremden religiösen Standpunkt aus, beschäftigt und zu Resultaten kommt, die unsere jungen und alten Zionisten vielleicht zu ernüchtern geeignet sind. Während man sich vielfach mit der Frage beschäftigt, wer an den heiligen Stätten zur Herrschaft gelangen wird, wenn einmal die Türkei ihre Rolle ausgespielt hat, macht der Staat, von dem wir am meisten zu fürchten.- am , wenigsten H hoffen haben, im. heiligen. Lande Fortschritte, die die Mächte Europas bisher viel zu wenig beachtet haben, nämlich Rußland. Es ist ein katholisches Blatt, das die Aufmerksamkeit auf diese bisher nur wenig beachtete Thatsache lenkt. Allerdings war es schon früher bekannt, daß sich die Besitzungen der Russen in Palästina seit den letzten Jahrzehnten ganz außerordentlich vermehrt haben. Während aber diese russische Propaganda in früheren Jahren hauptsächlich im Süden sich zeigte, scheint sie in jüngster Zeit mit besonderer Vorliebe sich dem bisher ziemlich verschonten Norden des heiligen Landes zugewandt zu haben. Nach dem Berichte eines Missionars ist der vorläufige Mittelpunkt der russischen Bestrebungen im Norden das schöne Damaskus. Von hier aus können sie leicht, ohne viel Lärm nach außen zu machen, ihre Fühler nach allen Seiten ausstrecken und in immer weiteren Kreisen festen Fuß fasten. Die große syrische Hauptstadt eignet sich umsomehr dazu, als sie seit einigen Jahren der Hauptknotenpunkt der drei einzigen syrischen Eisenbahnen geworden ist, der Bahn nach Beirut gen Westen, nach El-Muzerib im Hauran gen Süden und der zu bauenden nach Aleppo gen Norden. So wurde denn dort eine russische Schule errichtet, welche jetzt schon von über 250 Kindern besucht wird; bald folgten der ersten Gründung eine große Zahl anderer in der näheren und ferneren Umgebung der Stadt. Denn daß sie durch die Schulen am sichersten und schnellsten zu ihrem Ziel gelangen könnten, war auch den nordischen Eindringlingen keinen Augenblick zweifelhaft. Von Damaskus zum Hauran war der Weg leicht zu finden, und alsbald wurde auch diese Gegend mit etwa 20 russischen Schulen beglückt. Nicht weit von hier lockte Galiläa zu neuen Gründungen, zumal hier schon früher zu Nazareth außer dem russischen Pilgerhaus auch eine Knaben- und Mädchenschule, ein Waisenhaus und ein Lehrerseminar der Rüsten bestand, das sehr viel zu der russischen Propaganda beiträgt. Die besten Schüler dieses Seminars werden nach Vollendung ihrer Studien für einige Jahre nach Rußland geschickt und kehren dann als begeisterte Verbreiter des moskowitischen Geistes in ihre Heimath zurück. Doch auch die nördlichen Gegenden Syriens wurden nicht außer Acht gelassen; Homs, das alte Emesa, sah die neuen Volksbeglücker schon einziehen; Hama sieht ihrem baldigen Kommen entgegen. Nachdem so das Innere des Landes ganz unbemerkt mit russischen Schulen beschenkt ist, kommt die Küste an die Reihe. Für Tripolis meldet man schon die baldige Ankunft der Rüsten. Vor allem aber ist Beirut als festes Bollwerk und zweites Centrum im Norden ausersehen. Weil dort sowohl die Katholiken der verschiedenen Riten als auch die amerikanischen Protestanten blühende Anstalten besitzen, wollen auch die nordischen Drthodoxen nicht Zurückbleiben; sie beabsichtigen, in dieser zweiten syrischen