Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 22 (20.2.1838)
- Date
- 1838-02-20
- Page
- Seite 87 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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87 königt. Ministerio die Sache vorzulegen, oder die königliche Regierung submissest zu ersuchen, ihnen ein genaues Verzeichniß der christlichen Taufnamen zu geben; denn da unter den letztem sehr häufig solche, wie: Abraham, David, Samuel, Salomo Vorkommen, so konnte die Annahme solcher Vornamen straffällig sein. — Im Uebrigen verweisen wir auf unsre heutige „Politische Controle." Belletristik. Die Gegensätze. Eine israelitisch-religiöse Novelle. (Fortsetzung.) . „Habe Dank, Freund Ludolf, für deine Theilnahme; aber beruhige dich, die'Leiter steht noch unter meinem Fuße, keine Sprosse ist gebrochen, laß mich zu dir sprechen, wie auch dieses nicht mit Unmuth abzuschneiden, sondern spinnend und webend aus einer rohen Wolke zu einem gesunden, warmenden Gewände zu bereiten ist. — Der Talmud und die rabbinische Literatur sind für denjenigen, der ein Studium aus der Bibel und aus dem Judenthume macht, von zwei Seiten unentbehrlich. Denn erstens enthält die Bibel sowot linguistisch als exegetisch unzählige dunkle Parthien, und werden wir nun, um eines weitverbreiteten Vorurtheils willen, verschmähen wollen, Männer darüber zu vernehmen, welche, genau gerechnet, zwölf Jahrhunderte, und, da sie selbst nur Überliefertes geben, um so viel mehr derZeit der Psalmisten und Propheten näher standen, und dem Schauplatze, auf welchem jene Männer ihre erhabene Rolle spiellen, nicht fern und entrückt waren? Lassen wir uns doch die Mühe nicht verdrießen, bei Homer, bei Aeschylus und Aristophanes einen Eustathius, einen jeden elenden Scholiasten nachzusehen, bei einem Aristoteles uns aus den abstrusen Paraphrast'en eines Aphrodift'akus zu winden, die an Sprache und Gedanken unendlich ärmer als bk Tatmudisten sind! Es hieße das Band der Geschichte auftösen, es hieße fast ein egyptischesMonument dicht an die Hebe von Canova fügen, wenn wir den Talmud vom Studium der Bibel lösen wollten. Zweitens ist die Bibel nur die Basis des Judenthums: werden wir aber, um ein Gebäude ganz und gar kennen zu lernen, nur das Fundament und das Dachwerk betrachten wollen, die Treppen abbrechend, und die Stockwerke unbeachtend? Ja selbst wenn die neuern Juden seit Mendelssohn das ganze Dachwerk des Judenthums schon vollendet hätten, da sie doch, um im Gleichniß zu bleiben, kaum dkeSparren und Latten angeschlagen, an denen erst tüchtigere Enkel die frischgebrannten Ziegel anlegen werden — selbst also, wenn nicht Sonnenschein und Regen durch die Lücken noch unabgehalten hineinströmten, "würde ich die untern Stockwerke nicht vernachlässigen dürfen, wenn auch die Stimme, die vom Sinai tönte,-nicht durch alle hindurchtönt. Lasset doch auch ihr Juristen nicht ab, den wirren Codex Thmlos., die Institutionen des Justinian, die Eapitularien der fränkischen Könige zu durchforschen, obwol es wahrlich nicht das Licht allgemeiner Menschenrechte ist, welches jene enthalten.— Natürlich, daß ich hier nicht von einem jeden Juden spreche, sondern nur von dem, der, höherer Erkenntniß nachgehend, dasJudenthum in seiner ganzen Gestaltung kennen will. Dann auch, mein Freund, würdest du dir die Gesellschaft eines Maimonides,Albo, Vidat, Jbn Esra, Abarbanel wol bisweilen gefallen lassen, wenn ou sie näher kenntest, und, was das unendlich Hohe in ihnen ist, diese freudige Entsagung allesJrdischen fürdasBewußtsein ihrer Religion und ihres auserwählten Volkes, die durch ihr Leben und ihre Schriften ging — zu bewundern Gelegenheit hättest. Damit du aber auf keine Weise neidisch auf diese längst begrabenen Heroen der Judenwelt werdest, werde ich dir dann und wann, wie bisher, die allgemeinen Resultate meiner Forschungen in gedrängter Darstellung mittheilen." Der Candidat zeigte sich nun hiemit beruhigt, und entfernte sich nach einigen unerheblichen Reden in sein Quartier im großen Hintergebäude, welches ihm, aufBitten Jonathans, der alte Löwe nolens volens unentgeltlich eingeräumt hatte. Der Candidat nemlich, Sohn eines armen und schon längst vrrstorbenen Beamten, hatte zufällig auf der Universität Jonathan kennen gelernt, und nachdem die beiden jungen Leute sich gegenseitig angezogen fühlten, siet es dem edelmüthigen Herzen nicht schwer, den unbemittelten, kämpfenden Ludolf durch die säuern Universt'tätsjahre vermittelst eifrigster Unterstützung zu bringen. Nachdem nun Jonathan vor beiläufig einem halben Jahre mit dem Doctorhute der Philosophie zurückgekehrt war, hatte es sich gefügt, daß Ludolf bald nachfolgte, um die Hungerjahre der Auscultatur und desReferendariats bei den Obergerichten in H. zu abfolviren. Die Universitätsfreundschaft, die so selten zu einem Bündniß fürs Leben wird, hatte sich hier sogleich aufs Innigste erneut, um zu gegenseitiger Förderung und Unterhaltung ein Mehres hinzuzufügen. Als der Candidat sich entfernt hatte, begann Jonathan wieder von Neuem, das Zimmer mit seinen Schritten zu messen. Bald aber trat er an's Fenster und schaute durch die Nacht in die noch immer lebensvollenGemacher des gegenüberliegenden Hauses. Aengstlich betrachtete er die vorüberhüpfenden Schatten, und schien sie nach ihrer Größe und ihren Umrissen zu