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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-02-20 · Heft 22 (20.2.1838) · p. Seite 88

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 22 (20.2.1838)
Date
1838-02-20
Page
Seite 88 (sequence 4)
Language
German
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88 messen, um die Personen zu errathen, denen sie angehocen mochten. Dann Legte er die weiße Stirn an die kalte Scheibe, und war es ein Seufzer, den er über sie hinhauchte, odereine Thrane, die über die bleiche, aber edel umrissene Wange rollte, daß die Glasscheibe leise gefeuchtet ward. „Entsagung!" sprach er für sich hin, „Entsagung war das Losungswort, war die Parole des Israeliten von der Grenze Egyptens an—Entsagung war die Randschrift meiner Kindheit und Jugend—wird es nun auch hierin eine Entsagung gelten?"-Plötzlich wandte er sich ab, ermannte sich, Löschte das Licht, und begab sich mit dem frommen Abendsegen: „Höre, Israel, der Ewige unser Gott ist ein einiges, ewiges Wesen!" u. s. f. auf sein Lager. (Fortsetzung folgt.) Correspoudeuzerr, Auszüge, Repliken. Berichte über die Wahl und Installation des Rabbiners Rapoport in Tarnopol. Brody, Januar. Wenn irgend ein Land bu Aufmerksamkeit dieser Blätter, und die öftere Besprechung in. denselben verdient, so ist es Polen und Galizien. Denn wenn in anderen Theilen Europa's der Berus dieser Zeitung ist, das Längstentsprostene und Wachsende zu pflegen, zu fördern, die Hindernisse zu entfernen, und so überhaupt nur die nörhige Diät zu beaufsichtigen, fo hat sie vielmehr für Polen und Galizien die Hobe Bestimmung, die Resultate des jüdisch-europäischen Lebens dahin zu übertragen, den schlummernden Geist überhaupt erst zu wecken, und ihm ein freundliches Willkommen und eine gastfreie Stätte erst zu schaffen. Die Entstehungszeit dieser Blatter fällt für das übrige europäische Judenthum bereits mit dem vollen Tage zusammen, für Polen und Gallizien mit der ersten Morgendämmerung. Polen, das seit Jahrhunderten manche scharfsinnige Geister, freilich in ihrer-eigenthümlichen Richtung, hervorgebracht; Polen, wo das Talmudstudium, seitdem es sich auö Frankreich und Deutschland geflüchtet, seinen Sitz aufgeschlagen hat; Polen, das früher durch seine in alle Lander gesandte Rabbinen von so großem Einfluß war; Polen, wo noch so Vieles, ja Alles der Verbesserung, so Manches der Wegschaffung bedarf: Polen, glaube ich, hat ganz besondere Ansprüche, recht oft in den Spalten dieser allgemeinen Zeitung zu erscheinen, und werden dies unsere westlichen Glaubensbrüder gewiß recht gern und mit eigennutzlosem Interesse aufnehmen. Von.Polen möchte ich sagen, was einst Rousseau von Corsika, daß es ein Land voll des Bildungsstop-eS ist, und daß es die Welt in Erstaunen setzen könnte. Es sind große Hoffnungen, die sich in der Brust des Menschenkenners regen, wenn er auf Polen's Juden seinen Blick wirft, aber er muß die Schale vom Kerne zu trennen wiffen, er muß über die mißliche Gegenwart in die ferne Zukunft zu schauen vermögen. Es ist eine ungeheure Summe Geistes,' die in Polens Juden nutzlos vergeudet oder zweckwidrig verwendet wird; und neben jenen Hoffnungen, deren Erfüllung noch so ferne steht, ist es eine tiefe Wehmuth, die uns ergreift, wenn wir -Solches uns zu Sinne führen. Oft möchte man sich fragen: warum auf solchen Um- und Irrwegen, Herr, führst du deine Menschheit zum Ziele?- . In Polen gibt es 'unter den Juden mehr Sekten, Parthelen und Factionen, als man eö sich in Deutschland denkt. 'Die, welche stets von einer Uniformität des JudenthumS sprechen, welche immerfort die Juden in einem langweiligen Unisono zu hören wähnen, möchte ich hierher führen. Und dabei wird den heißen Geistern der Polen Alles sogleich Fanatismus, stimmt sich Alles gleich zur exclusivesten Individualität, so daß seine Folgen entscheidend werden. Der besonnene Gleichmuth der Deutschen wird hier zu sengendem Feuer, welches das Engegengesctzte zu Asche verbrennt, und die Asche dann auf das Haupt und in die Augen des Gegners streut. Darum sage aber Niemand, daß es unräthlich sei, den ruhigen Ruf des Deutschen in den Angelegenheiten! der polnischen Juden laut werden zu lasten, weil eö die Leidenschaften noch mehr anregen könnte, weil es unvernommen und unwirksam verhallen wird. Wenn aber jener Ruf nur in Einem unverstockten, jugendlichen, empfänglichen Herzen Anklang finden, wenn er ..nur Einem die Binde von den Augen fallen lassen,.wenn er nur in Einem Meditation erwecken wird, ist schon genug gewonnen. Uebrigens lauschen auch hier die Geister unter der Decke, und es bedarf nur eiwes derben Anklopfenö vom Meister, um die Decke zu bersten und die.Genien hervorschlüpfen zu lassen. Wir zählen hier Männer, meistens im unscheinbarsten Gewände, welche den Kampf jder Wahrheit mit Superstition, mit anerzogenen Vorurtheilen, glanzend durchgekämpft, und allen Hemmnissen und Widerwärtigkeiten zum Trotze, aller Anfeindungen und Verfolgungen ungeachtet, durch eigene Kraft den Schutt in sich hinweggeräumt und eine heilige Stätte des Herrn erbauet haben. So ein" Mann ist der hier gebürtige Nach man Kroch mal, der in vielen Fächern bewandert, ein wahrer Polyhistor zu nennen, dessen More Nebnciiim unsrer Zeit", der nächstens erscheinen wird, vielleicht Epoche machen wird. Und solch ein Mann hat auch in diesem Augenblicke den Rabbine^stuhl zu Tarnopol, dieser großen, wichtigen Gemeinde Galiziens, bestiegen, nemlich der bekannte Rapoport. Was für ein Zetergeschrei,, für einen Weheruf, als ob die Welt unterginge, hat das Gelichter der Fanatiker ausgestoßen, als die Wahl desselben abgestimmt wurde! Ein gellender Schrei der Wut'h, der:Entrüstung entfuhr ihnen. Sie glaubten dadurch, ihn einzuschüchtern, seine innere Berufsstimme zu betäuben, damit er entweder abgeschreckr werde, oder wenigstens nach seiner Erwählung Nichts zu ihrem Nachtheile unternähme, was ihnen bei so Vielen schon gelang. — Ob nun dieses Ereigniß, die Erwählung des Herrn Rapoport, die, beiläufig gesagt, mit 33 Stimmen unter 38 Stimmenden erfolgte, und die Bestätigung des Guberniums bereits erlangte, an und für sich ersprießlich sei oder nicht, wird die Zukunft lehren. Wenn er, was zu wünschen, seinen Hirtenstab niir Macht und Energie handhaben, die Bigotterie zu bekämpfen, den tausendjährigen Aberglauben abzuschütteln beflissen sein wird, dann, ja dann erst werden wir uns zu seiner Erwählung wahrhaft Glück zu wünschen haben, denn sein Beispiel wird mächtig auf Gallizien wirken. Wenn er aber, was zu befürchten, sich vom Rabbinentalar ködern läßt, sich mit seinen Zunftgenoffen verbindet, der Freisinnigkeit Valet sagt, so ist es auf lange Zeit wieder um uns geschehen. Jedoch leben wir der Hoffnung, daß dieser Mann, seines schönen Ruhmes eingedenk, sich conseguenr bleiben, und sein Amt mit Besonnenheit und mit Eifer verwalten wird. (Fortsetzung folgt.) Redacteur: l)r. L. Phrlippson. — Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. - Druck von Z. SB. Hrrschfeld.

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