Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 28 (15.7.1898)
- Date
- 1898-07-15
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228286--54745-3290904- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wm SSj* 62. ÄchrgMg. Nr. 28. tftl?* Gerlin, 15. Juli 1898. Werkcrge zur „Mtgemernen Zeitung öes Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Neutsch lau-. §£g Berlin, 12. Juli. Für die unglücklichen Opfer der Unruhen in Westgalizien werden auch in Berlin und in ganz Deutschland ohne Zweifel auf Grund des in der vorigen Nummer dieses Blattes abgedruckten Aufrufes dortiger Notabeln bei dem bekannten Wohlthätigkeitsstnn unserer Glaubensgenossen erhebliche Spenden eingehen. Als die Unruhen in Südrußland unsere dortigen Glaubensgenossen von Haus und Hof verjagten, waren es gerade die galizischen Glaubensgenossen, die den Vertriebenen in Brody ein Asyl eröffnten, von dem aus durch die berufenen Vertreter der Alliance eine energische Hilfsaktion eingeleilet wurde. Auch Vertreter des Berliner Hilfskomitees, das damals für die Bedrängten gebildet wurde, reisten nach Brody. Den zweckmäßigen Anordnungen des seligen Justizraths Mako wer war es zu danken, daß damals nicht nur für den Augenblick geholfen wurde, sondern daß den Kindern der Brodyer Flüchtlinge eine sorgfältige Erziehung in einem für diesen Zweck begründeten Hause zutheil wurde, so daß die Mehrzahl derselben sich heute einer gesicherten Existenz in Chicago und anderen Plätzen erfreut. Ein solches Berliner Hilfskomitee für die unglücklichen Juden Westgaliziens, das die Spenden aus Deutschland sammelt und auch weitere Kreise zu Gaben für die unglücklichen Opfer des halbastatischen Fanatismus anregt, ist auch diesem jüngsten Ausbruch des Judenhasses gegenüber eine Nothwendigkeit, denn nur durch ein solches Komitee kann einer Verzettelung der Spenden vorgebeugt und neben der augenblicklichen Abhilfe der Noth etwas Dauerndes für diese Parias des Schicksals, die gleich uns den Namen Juden tragen, geschaffen werden. Ein wohlorganisirtes Hilfskomitee, aus der Blüthe unserer Intelligenz zusammengesetzt, soll auch die Bertheilung der hier eingehenden Gaben in zweckmäßiger Weise und in Verbindung mit den berufenen Kapazitäten der bedrohten Gegenden vornehmen, damit aus den Ruinen, die jetzt frevelnde Brandstifterhände geschaffen haben, neues Leben hervorgehe und die blutigen Szenen, die Westgalizien in Tammus dieses Jahres gesehen hat, durch ein dauerndes für unsere dortigen Glaubensgenossen so nothwendiges Hilfs- und Kulturwerk gesühnt werden. ££2 Berlin, 7. Juli. Am 4. d. Mts. ist der Geheime Sanitätsrath Dr. Louis Hirsch in Charlottenburg nach kurzem schweren Leiden im 75. Lebensjahre gestorben. Derselbe zählte zu den ältesten Aerzten im Bezirke der Aerztekammer für Berlin-Brandenburg. Er betrieb seit 1847 die ärztliche Praxis und war noch bis in die letzte Zeit in seinem Berufe thätig. Eine Zeit lang war Hirsch Militärarzt, dann widmete er sich ganz der privaten Praxis. Er gelangte zu einer sehr ausgedehnten Thätigkeit. Gemeinsam mit Dr. Kähler vertrat Dr. Hirsch Charlottenburg in der Aerztekammer für Berlin-Brandenburg. Die Trauerfeier fand am 6. d. Mts. in der Wohnung des Verstorbenen unter großer Betheiligung statt. Die Charlottenburger Aerzte waren fast vollzählig erschienen, das Amtsgericht, an welchem der Sohn des Dahingefchiedenen längere Jahre als Assessor gewirkt, hatte die Amtsgerichtsräthe Liepmann und Deppe als Vertreter des Richterkollegiums zur Trauerfeier entsandt. Polizeidirektor von Saldern wohnte ebenfalls der Feier bei, ebenso waren Vertreter der städtischen Körperschaften, sowie viele angesehene Bürger der Stadt erschienen. Auch die Berliner Aerzte waren vertreten. Die Trauerfeier wurde von dem Prediger Dr. Levin abgehalten. - £2 Berlin, 10. Juli. Von besonderem Interesse ist natürlich für uns das eben erschienene erste Heft der Mittheilungen der Deutschen Orient-Gesellschaft. Es wird darin über die 1. Sitzung des Vorstandes vom 15. v. Mts. berichtet. Geheimrath Professor Dr. Sachau erstattete einen ersten vorläufigen Bericht über seine archäologische Forschungsreise in Babylonien und Assyrien während des Winters 1697/98, die ihm durch Verfügung des Ministers Dr. Bosse vom 23. Oktober 1897 aufgetragen und für welche ihm der Lehrer an der Baugewerkschule zu Görlitz, Herr Dr. Koldewey zur Beurtheilung baugeschichtlicher und kunsthistorischer Gefichtspunkte sowie zur Erledigung technischer Fragen beigegeben war. Die Reisenden verließen Berlin am 27. Oktober 1897. Die Reise in Babylonien dauerte vom 27. Dezember bis zum 24. Januar, die Reisen weiter nördlich im eigentlichen Assyrien vom 9. Februar bis zum 16. März. Geheimrath Sachau schilderte einige der größten und ältesten Anstedelungen der Menschheit in jenen Ländern nach ihrem gegenwärtigen Befund und bestätigt seinerseits den gewaltigen, von früheren Reisenden hervorgehobenen Eindruck. Des Näheren wurde auf die gewaltigen Trümmerstätten von Niniveh und Babylon eingegangen und die hohe Bedeutung der von früheren Forschern durch langjährige Ausgrabungen daselbst gewonnenen zahlreichen Denkmäler dargelegt, Denkmäler aus der Zeit der großen Könige Assyriens, welche im 7. und 8. Jahrhundert vor Christi Geburt zuerst ein Weltreich vom Tigris bis zum Nil sammt seinen militärischen und bürgerlichen Institutionen schufen, oder aus der Zeit des großen Bauherrn Nebukadnezar oder älterer Fürsten in den verschiedenen Landschaften Babyloniens. Die Frage, an welchem Punkte die Gesellschaft ihre Ausgrabungen beginnen soll, wurde auf Grund der Vorschläge des Herrn Vorsitzenden eingehend nach den wissenschaftlichen und praktischen Gesichtspunkten erörtert und in völliger Uebereinstimmung eine Wahl getroffen, welche später mit Angabe der näheren Gründe bekannt gegeben werden wird. §2 Berlin, 11. Juli. Vom Vorstand der jüdischen Lesehalle ist uns mit der Bitte um Veröffentlichung nachstehendes Schreiben zugegangen: Ein Artikel in der letzten Nummer der „Allgemeinen Israelitischen Wochenschrift" kann die falsche Annahme Hervorrufen, als ob nur zwei jüdische Zeitungen in der jüdischen Lesehalle aufliegen. Wir bitten deshalb um die Erlaubniß, konstatiren zu dürfen, daß bei der von Herrn Benas Levy vorgenommenen Revision von den vielen vorhandenen Zeitungen nicht weniger als zwölf jüdische Zeitungen, außer den Tageszeitungen und Monatsschriften, in den neuesten Nummern vorgefunden worden sind, und zwar: 1. „Allgemeine Zeitung des Judenthums", 2. „Die Jüdische Presse". 3. „Berliner Vereinsbote", 4. „Der Israelit", 5. „Die Laubhütte", 6. „Die Oesterreichische Wochenschrift", 7. „Die Welt", 8. „Jüdisches Volksblatt", 9. „Hamelitz", 10. „Woschod", 11. „Jewish Chronicle", 12. „Jewish World". Die Besucher der jüdischen Lesehalle finden demnach genügend neue jüdische Zeitungen vor, und es ist für die Leser wohl gleichgiltig, ob diese Zeitungen von den Redaktionen unentgeltlich geliefert oder von dem Vorstand der Lesehalle abonnirt werden. Eine einzige Zeitung wird allerdings durch den Buchhandel bezogen, aber nicht, weil der Buchhändler auf seinen Rabatt verzichtet hat, sondern weil er unaufgefordert der Lesehalle angeboten hat, den „Woschod" billiger zu liefern als die Redaktion. Der Vorstand hatte keine Veranlassung, diese Offerte abzulehnen, und die Zeitung wird pünktlich an die Lesehalle geliefert. Der Vorstand der jüdischen Lesehalle hat der Gemeinde nur deshalb die Uebernahme der Bibliothek und der Lesehalle angeboten, weil er überzeugt ist, daß der Gemeinde-Borstand mit den ihm zu Gebote stehenden großen Mitteln das segensreiche Institut einer jüdischen Lesehalle und Bibliothek viel weiter auszudehnen im Stande ist als der Verein „Jüdische Lesehalle", der auf die Unterstützung von Privatpersonen und anderen Vereinen angewiesen ist. Der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde könnte auf alle jüdischen Zeitungen abonniren, die Lesehalle befindet fich nicht in dieser angenehmen Lage; der Vorstand der Gemeinde kann für viele Tausend Mark Bücher kaufen, während die Lesehalle nur wenige Hundert Mark hierfür ausgeben darf. Die 2000 vorhandenen Bücher sind aber werthvoll genug, um das Geschenk, das der Gemeinde von dem Vorstand der Lesehalle angeboten wurde, als ein ganz respektables bezeichnen zu