Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 28 (15.7.1898)
- Date
- 1898-07-15
- Page
- Seite 336 (sequence 12)
- Language
- German
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336 diesen Kiffen ruhte die üppige, lose verhüllte Gestalt der erwähnten jungen Frau.! Rings um diese schattige Laube war mächtig entwickelte, farbenreiche Vegetation, und die Atmosphäre über diesen Anlagen sog unersättlich die würzigen Düfte in sich. An der Laube vorüber und von langen Gräsern Überhängen rollte das Geplätscher eines kleinen Baches, welcher bald darauf in ein breites Steinbecken fiel und als glänzende Springfluth daraus emporsprudelte. Um dies Becken waren Granatäpfelbäume gereiht, deren zarte, tiefrothe Früchte aus grüner Blätterpracht hervorschimmerten. Zwischen diesen Bäumen und der erwähnten Laube standen die üppigen Blumen der warmen Zone, die seltsam geformten Alos mit ihrem Riesenkelche, der breite, zackige Cactus mit den brennend-rothen und doch zarten Dolden, die schimmernde Saffranstaude mit den feinen Blüthenblättern und Rosengebüsche voll Duft und glänzenden Farben. Wie um zwischen diese glänzenden Pflanzengeschöpfe Abwechslung zu bringen, ruhte die junge, üppige Frau zwischen denselben. Und es prangte eine zarte, bewunderungswürdige Schöpfung der Anmuth unter den losen Falten des Schleiers, der über die Glieder geworfen war! Die Luft war lautlos; sie feierte ihre Mittagsruhe so gut als die ganze übrige Schöpfung. Der blaue Himmel lag leuchtend über all dem unermeßlichen Frühling auf Erden. Aber die Natur arbeitete still und rastlos in mächtigem Wachsthum, Farben, Düften, in geheimer, ungeheurer Lebenskraft. Die Frau, welche über den Kiffen ruhte, war höchstens zwanzig Jahre alt. Sie ruhte nur, und obgleich sie die Augen bisweilen schloß, so schlummerte sie doch nicht. Ein blendend weißes Gewebe, so zart, als sei es nicht Arbeit von Menschenhänden, bedeckte die Glieder der jungen Frau und einen Theil des Busens. Um die Hüften war dieses Gewebe mittelst eines schmalen blauen Gürtels zusammengehalten. Dünne Sohlen mit farbigen Bändern um den nackten Fuß lose befestigt, vervollständigten die Bekleidung dieses reizenden Wesens. Sie stützte das Haupt auf den linken Arm, von welchem der wehende Aermel hinuntergesunken war und regungslos auf dem Busen der Ruhenden lag. Ihre langen, glänzenddunklen, aufgelösten Haare verhüllten die Hand, welche das geneigte Haupt stützte. Diese glänzenden Haare waren um die Schläfe und das Hinterhaupt herum mittelst eines breiten, goldgestickten Bandes festgehalten, welches in dem dunklen Lockenreichthum gleichsam eingewebt schien. Von da herab flössen die langen, leicht gekräuselten Haare entfesselt auf die nackten Achseln der ruhenden Frau. Weder die Achseln noch das Angesicht noch das zarte Knie, welches aus dem schützenden Schleier sich gedrängt hatte, waren blendend weiß. Im Gegentheil, es war eine dunkle Färbung über diese festen, reizenden Formen wie hingehaucht und mangelte an keinem Theile des Körpers. Diese junge, üppige Frau mußte aus südlichen, fernen Gegenden gekommen sein. Das Antlitz besonders trug diese dunklere Färbung, aber sie stimmte zu dem glühend leidenschaftlichen Ausdruck deffelben. Unter einer reinen, etwas breiten Stirn spannten Augenbrauen von tiefem, glühenden Schwarz zwei Bogen über Augen von so dunkler, gluthvoller Farbe, daß diese allein schon genügt hätten, dett Charakter der Ztige^ auszuprägen. An die Stirn schloß sich eine feingebogene Nase, die der etwas sinnlichen Gluth der Augen den »Charakter der Entschlossenheit beifügte. Die Lippen waren voll, tief geröthet und vielleicht etwas zu stark aufgeworfen. Diese Lippen, deren obere ein leichter, bräunlicher Bartanflug zierte, waren geöffnet, und weiße,' glänzende Zähne schimmerten zart gereiht auf dem rosigen Hintergründe. Denkt man sich hierzu noch die festen, glänzenden Achseln und die zarten, von den herabfallenden Haaren lose verhüllten Brüste, denkt man sich hierzu noch die bräunlichen, üppigen Arme und die Grazie des schlanken, wollüstig hingelehnten Leibes, so hat man ein Bild der Reize, welche diese junge Frau aus den fernen, südlichen Gegenden besaß. Das reizende Wesen schlummerte nicht. Es öffnete häufig die geschlossenen Augen und blickte wie forschend den Garten entlang. Dann stießen diese geöffneten Lippen einen Seufzer hervor, und wieder schien es, als ruhe eine leblose Bildsäule über den Kiffen. Die Ruhe der Atmosphäre, die Gluth der Sonne, die würzigen Düfte des Gartens und diese üppige Frau waren ein Bild voll Reiz und Wollust. Es schien ein Hauch sengender Leidenschaft über dieser stummen Szene zu schweben. Die Sonne sank langsam, aber ihre Strahlen brannten noch immer. Die Laube indessen blieb bedeckt von tiefen Schatten. Da wurde ein Geräusch gehört, als wandle der Schritt eines Menschen zwischen rauschendem Gebüsche. Die ruhende Frau erhob rasch ihr Haupt und blickte mit blitzenden Augen nach der Gegend, woher das Geräusch tönte. Rasche Athemzüge hoben ihren Busen. Die Gestalt eines Mannes wurde in einiger Entfernung sichtbar. Die ruhende Frau lächelte, und der Ausdruck ihrer Züge war ein glücklicher. Sie preßte die linke Hand auf die Brust, wie um eine lebhafte Empfindung zu dämpfen. Dann sank sie wieder auf die Kissen, und mit heimlichem Lächeln bemühte sie sich, ruhig zu scheinen. Bald darauf wurden mehrere Rosenbüsche rasch auseinandergedrückt, und ein junger, hoher Mann stand vor der Ruhenden. Dieser Mann trug um sein Haupt ein farbiges Tuch gewunden, welches vorn mit einer wallenden Feder geschmückt war. Ein kurzes Kriegerkleid reichte bis fast auf die Knie herab. Die Beine waren nackt, die Füße aber von ledernen Sohlen bedeckt und umwunden. Gegürtet war der Mann mit einem prächtigen krummen Säbel, deffen Griff von Gold und Edelsteinen schimmerte. Sein Angesicht wies scharfe, aber junge Züge auf. Ein krauser, dunkler Bart stellte Mund und Kinn in Schatten. Der Ausdruck der Augen und überhaupt der Züge war in diesem Augenblick Ernst mit Verdruß gemischt und stach sonderbar ab von dem glühend freudigen Angesicht der jungen Frau, welche sich aufgerichtet hatte und mit ihren blitzenden Augen den jungen Mann betrachtete. Es war ein schönes Paar, diese freudestrahlende Frau und dieser ernste Mann, aber wie sie sich eben gegenüberstanden, schien die Lage Beider sonderbar und peinlich. Beide standen, das verschiedene Geschlecht berücksichtigt, in gleichem Alter. Die Schönheit wie die Kraft Beider war in gleichem Verhältniß entwickelt. Beide waren Kinder einer südlichen, heißen Zone. Beide liebten sich vielleicht — oder was hatte dieses finstere Auge des jungen Mannes zu bedeuten? Die schöne Frau trat mit strahlenden Augen auf den jungen Mann zu und streckte ihre feine und zarte Hand aus. „Reson!" sagte sie in der gemeinsamen Sprache der Araber und Edomiter, und zwar mit einem Ausdruck in der Stimme, in welchem sich Glück, Angst und Vorwurf mischten. „Iva!" erwiederte der junge Mann mit einem gewiffen Verdruß, und schlug die Augen nieder vor den leuchtenden, fragenden Blicken der jungen Frau. (Forts, folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.