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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-07-15 · Heft 28 (15.7.1898) · p. Seite 333

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 28 (15.7.1898)
Date
1898-07-15
Page
Seite 333 (sequence 9)
Language
German
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selbst in Deutschland, auch da sagen die reichen Agrarier: „Der Boden, der Acker gehört uns, und von uns muß alles Getreide gekauft werden. Kein Getreide vom Auslande ohne hohen Zoll! Das Getreide muß so theuer wie möglich sein." Woher soll aber der arme Mann so viel Geld nehmen, um den theuren Preis zu bezahlen? Er hat es nicht, und es entsteht also Hungersnoth. Gehet hin, ruft das Judenthum, und lernet vom jüdisch-agrarischen Feste, vom „Feste der Ernte", wie sich der reiche Besitzer gegen die Armen benehmen soll. Was erzählt das Buch Ruth an diesem Feste? Ruth war eine arme, hilflose Wittwe, BoaS ein reicher Grundbesitzer. Sie sammelt Aehren auf dem Felde Boas', und er ist freundlich und wohlwollend gegen sie und spricht zu ihr: sie möchte nur immerfort auf seinem Felde sammeln. „Deine Augen seien auf dem Felde, welches sie abernten, daß du hinter ihnen hergehest. Siehe, ich habe den Knaben geboten, dich nicht anzurühren. Und wenn dich dürstet, so gehe hin zu den Gefäßen, und trinke von dem, was die Knaben schöpfen" (Ruth 2, 9). Boas hat aber, nach jüdischem Gesetze, auch die Pflicht, ihr Gut einzulösen und für ihre Zukunft zu sorgen; er übt dieses Gebot, und sie wird die glücklichste der Frauen. Wenn die Grundbesitzer also handeln gegen die Armen und Dürftigen, dann giebt es keine Hungersnoth, kein theures Brod. Giebt cs denn aber in unseren Tagen nur eine soziale, materielle Roth! Giebt es heute nicht ebenso eine politische Hungersnoth? Wir haben allerdings eine Verfassung. Nach dieser Verfassung sind alle Deutschen ohne Unterschied der Konfession vollkommen gleichberechtigt. Nach dieser Verfassung ist die Religion, die Konfession eines Menschen kein Hinderniß, irgend ein Amt, eine Würde im Staate zu bekleiden, der Jude kann dieser Verfassung nach Lehrer, Richter, Offizier, Minister werden. Alles Mögliche. Wie sieht es aber in Wahrheit und Wirklichkeit mit der Gleichberechtigung aller Konfessionen aus? Wie groß sind diepolitischenHungerbrödchen, die man uns heute reicht! Da sind wieder politische Agrarier, die da sagen: der Boden, der politische Boden Deutschlands gehört uns, und alle Rechte, die Deutschland zu vergeben hat, gehören uns. Die Juden sind Ausländer, sie können also in Deutschland keine Ehren und Würden bekleiden, keine Lehrer und Offiziere u. s. w. werden, das bedeutet die politische Hungersnoth, und es bewährt sich wieder das Wort der Schrift„Und es geschah in den Tagen, wo sie das Recht krümmten und beugten, da entstand Hungersnoth im Lande" (Ruth 1,1). Gehet hin, ruft das Judenthum, und lernt vom jüdischagrarischen Feste, wie man sich politisch gegen Andersgläubige benimmt! Was erzählt das Buch Ruth an diesem Feste? Ruth war eine Moabiterin! Sie sprach aber zur Israelitin Noemi: „Dein Volk sei mein Volk"! Und wie freundlich und wohlwollend wurde sie in Israel ausgenommen! Sagte man etwa zu ihr : „Nein, Du bist eine Fremde, eine Ausländerin, wir können Dich in unserer Mitte nicht dulden!? Im Gegentheil! Sie erfreute sich des größten Ansehens, der höchsten Achtung, sie wurde schließlich die Stammmutter des ruhmreichsten Königs in Israel. Also handelt, ihr Menschen und Völker, und es giebt keine politische Hungersnoth! Es giebt aber außer der sozialen und politischen noch eine dritte Hungersnoth, und das ist die schlimmste, die bitterste, ich meine die religiöse Hungersnoth. „Siehe, Jahre kommen, ist der Spruch Gottes des Herrn, daß ich Hunger sende in das Land, nicht Hunger nach Brod und nicht Durst nach Wasser, sondern zu hören die Worte des Ewigen!" (Amos 8, 11.) Auch diese Hungersnoth ist in gewissem Sinne agrarisch, als sie ebenfalls die Erde betrifft. Der Mensch nämlich ist aus Erde, aus Staub gebildet, „denn Staub bist du", sagt die Schrift (1. B. M. 3, 19), und dieser Staub macht sich heute so breit wie nie zuvor. Alles dem Staub, und nichts dem Geist, alles dem Körper, und nichts der Seele! Alles dem materiellen Genüsse, und nichts der geistigen, idealen Erhebung, nichts der moralischen, religiösen Läuterung! Eine wahre Hungersnoth ist's, unter der die Seele, der Geist, das religiöse Leben heute leiden und dulden! Und wahre Hungerbrödchen sind's, mit denen die Seele heute abgespeist, mit denen der Geist heute sich begnügen muß. Denken wir nur einmal nach, welche Jahre des Segens und des Ueberflusses in dev Vergangenheit waren, und welche Jahre der Noth und der Dürftigkeit für das religiöse Leben, die in der Gegenwart sind. Früher hat jeder Israelit täglich zu seinem Gott gebetet, allwöchentlich den Sabbath gefeiert und heilig gehalten, wenn er gegessen, hat er das Tischgebet verrichtet, da hat sich auch die Seele und nicht nur der Körper sättigen können. Heute, welch magere, dürftige Hungerkost bekommt die arme Seele! Den Sabbath feiert man noch, wenn zufällig ein nichtjüdischer Feiertag mit dem Sabbath zusammenfällt, sonst muß der Sabbath ruhen, weil die Menschen nicht ruhen, das Tischgebet ist unmodern, das Gotteshaus wird so selten wie möglich in Anspruch genommen. Das ist die Kost, die wir der Seele gewähren, diese die Hungerbrödchen, mit denen der unsterbliche Geist sich begnügen muß. Sehr sinnig ist die Bemerkung unserer alten Weisen in Bezug auf die Stelle im Buche Ruth (1, 19—2): „Und sie gingen beide, und als sie kamen nach Beth Lechem, da umbrauste sie die ganze Stadt, und sie sprachen: Ist das Noomi?! Und sie sprach zu ihnen: Nicht nennet mich Noomi, nennt mich Mara, denn der Allmächtige hat mir sehr bitteres Leid zugefügt. Ich bin voll gegangen, und leer hat mich der Ewige heimgeführt." Unsere alten Lehrer bemerken hierzu (Midrasch Ruth z. St.): „Und sie gingen beide zusammen", das gilt von Körper und Seele, die gehen zusammen, so lange der Mensch hier auf Erden weilt. Wenn die Seele aber einmal von dannen zieht, sich zu den Höhen des Himmels emporschwingt und wieder in die alte Heimath begiebt, dann rufen die Himmelsbewohner beim Anblick der durch Sünden entstellten, ihres einstigen Glanzes beraubten Seele erstaunt und verwundert: Ist das Noomi! das die Seele, die einst voll Reinheit und Lauterkeit die Höhen des Himmels verlassen! Nennet mich nicht Noomi, antwortet die Seele, nicht die Schöne und Liebliche, sondern Mara, die Unglückliche und Verbitterte, denn voll Heiligkeit und Göttlichkeit bin ich ausgezogen, und leer an Verdienst und Vorzug kehre ich in die alte Heimath wieder. Gehet hin, ruft das Judenthum, und lernet: Ruth sprach zu Noomi: „wo du stirbst, will ich auch sterben und dort begraben werden." (Ruth 1, 17.) Wir werden also an den Tod erinnert, an die Rechenschaft, die wir nach dem Tode abzulegen haben, und so wollen wir denn auch in Tagen religiöser Hungersnoth unseres göttlichen Geistes, unserer unsterblichen Seele gedenken, auf daß sich auch an uns einst bewährt das Wort der Schrift: „Die mit Thränen säen, ernten mit Jubel" (Psalm 126, 5)! Jüdische Namen. Von Dr. Heinrich Lewy, Gymnasialoberlehrer in Mülhausen i. Elf. wr längerer Zeit ist ein Aufsatz von Herrn Landrabbiner Dr. Placzek in diesem Blatte (1897, Nr. 22) erschienen, welcher mir Anlaß giebt zu einigen Gegenbemerkungen, die auch heute noch für weitere Kreise von Interesse sein dürften.

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