Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 28 (15.7.1898)
- Date
- 1898-07-15
- Page
- Seite 332 (sequence 8)
- Language
- German
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-, 332 -- machen. Aber die Produktion hält nicht Schritt mit dem Konsum. Fraget doch nur die jüdischen Autoren, wie schwer es ihnen wird, für ihre Werke einen Verleger zu finden. Fraget doch nur die Verleger, wie selten die Fälle sind, daß fie mit Werken jüdischen Geisteslebens auf ihre Kosten kommen. Für Keilinschriften und Polarexpeditionen haben doch die Staaten immerhin noch ein Erkleckliches übrig. Wer aber ernährt unsere jüdischen Gelehrten? Wer sorgt dafür, daß sie, da ein Mensch wohl für die jüdische Wissenschaft, aber nicht von der jüdischen Wissenschaft leben kann, in unabhängiger Stellung und sorgenfreier Lage Zeit finden für den wissenschaftlichen Großbetrieb? Wenn wir von der Handvoll der lehrenden Gelehrten absehen, die an den 5 Hochschulen, die wir haben, davon 2 in Oesterreich-Ungarn, ein wissenschaftliches Stillleben führen, so sind es unsere Rabbiner, die, zugleich Lehrer und Prediger, zugleich Seelsorger und Gesellschaftsmenschen, ihre Erholungsstunden im Dienste und zur Pflege der Berufswissenschaft verwenden. Mit demselben Spaten, mit welchem sie nach Brod graben, mit demselben Spaten müssen sie nach den Schätzen der Wissenschaft, nach dem Brode des Geistes graben. Und das oft in abhängiger Stellung, in kümmerlicher Lage und keineswegs frei von Sorgen um die Zukunft ihrer Familie. Die jüdische Wissenschaft ist eine nothleidende Wisienschaft, sie kämpft mit Nahrungssorgen, das ist ihr traditionelles Loos und ihr Schicksal durch den Lauf der Geschichte. Den jüdischen Gelehrten erging es zu allen Zeiten und ergeht es noch heute wie R. Chanina b. Dosa, von dem gesagt wird, die ganze Welt wurde durch ihn gespeist, während er selbst nichts zu speisen hatte. Der Weg der Thora ist noch immer der in den Sprüchen der Väter beschriebene. Millionen sind für Argentinien ins Wasser geworfen worden. Millionen werden alljährlich für die Schnorrer auf die Landstraße geworfen. In Amerika, da giebt es allenfalls noch Kapitalisten, die den Beutel aufmachen für Zwecke der jüdischen Wissenschaft. Wer giebt bei uns das Kapital her für den wissenschaftlichen Großbetrieb? Aber noch, in einer anderen Beziehung und vielleicht im Gegensätze zu dem geschätzten Erfinder dieser Begriffsbezeichnung möchten wir der Nothwendigkeit des wissenschaftlichen Großbetriebes das Wort reden. Wer die jüdische Litteratur der letzten Jahre beobachtet hat, der wird bemerkt haben, daß dieselbe vorzugsweise auf dem Gebiete der Geschichte und auf benachbarten Gebieten sich bewegt. Auch die zahlreichen Geschichtsvereine, die im letzten Jahrzehnt entstanden sind, zeugen dafür, daß wir im Zeitalter der Historie leben. Nietzsche, der auch hierin nur die Instinkte der nur in der Gegenwart lebenden Bestie gelten lassen will, spricht sich in seiner zweiten „Unzeitgemäßen Betrachtung" wenig schmeichelhaft aus über Diejenigen, welche die Gedanken ihrer Vorfahren Nachdenken. Wir sind im Gegensatz dazu der unmaßgeblichen Ansicht, daß es nicht nur ein Zeichen der Liebe und Pietät ist, sich in das Geistesleben der Vorfahren zu versenken, sondern daß die Gedankenwelt der Ahnen, wenn sie im Geiste der Zeit neu erfaßt und gelebt wird, noch immer die Kraft hat, auf die Gegenwart einzuwirken und die Zukunft zu gestalten. Aber diese Ueberzeugung darf uns nicht übersehen lassen, daß das Erforschen der Geschichte, wenn es sich darauf beschränkt, die geschehenen Thatsachen zu sammeln und ins Detail einzudringen, anstatt den Blick zum Ganzen und Allgemeinen zu erheben, so schätzenswerth das auch sein mag für den zukünftigen Geschichtsschreiber im großen Stile, zu den Unternehmungen des wissenschaftlichen Kleinbetriebes gehört, während es uns andererseits an Werken von Selbstdenkern fehlt, die aus sich selbst schöpfen und vom Standpunkte des Judenthums sich auseinandersehen mit den Gedankenrichtungen der Zeit. Um von anderem abzusehen, erscheint besonders empfindlich der Mangel einer vom apologetischen Gesichtspunkte ausgehenden Dogmatik des Judenthums. Wer giebt das geistige Kapital her für den wissenschaftlichen Großbetrieb? Agrarisches. Von Dr. I. Kohn in Jnowrazlaw. A«n einer Zeit, wo in einem Theile Europas der Hungersnoth Tg} wegen Revolutionen ausbrechen, im anderen Theile wieder des theueren Brodes wegen die sonst so beliebten Getreidezölle aufgehoben werden müssen, darf gewiß die „Hungersnoth" mit vollem Recht zum Gegenstände einer ernsten Besprechung gemacht werden, und das umsomehr, wenn wir an der Hand der heiligen Schrift die Mittel anzugeben im Stande sind, wie man dem Uebel steuern kann. Wir leiden heute eigentlich an einer dreifachen Hungersnoth, an einer sozialen, politischen und religiösen; um so interessanter und lehrreicher ist es. zu hören, wie das Judenthum über die Entstehung der Hungersnoth und deren Beseitigung denkt. Im Buche Ruth, das wir am „Feste der Ernte" — also einem streng a grarischen Feste —zu lesen pflegen, lautet der erste Vers: „Und es geschah zur Zeit, als die Richter richteten, da war Hungersnoth im Lande." (Ruth 1, 1.) Zu diesem Vers machen unsere alten Lehrer in wenigen Worten eine Bemerkung, die so treffend, so vernichtend für das selbstsüchtige Benehmen unserer heutigen Agrarier ist, daß man darüber staunen muß, einerseits, welch weiten und tiefen Blick diese Weisen besaßen, andererseits, wie das Wort, das sie vor Jahrtausenden gesprochen, heute noch seine volle Berechtigung und Geltung hat. „tbwb 82 3in p ’3SS". „Weil das Recht gebeugt wird, kommt Hungersnoth über die Welt!" Merkwürdig! Weil die Reichen und Vornehmen, die Gesetzgeber und Gesetzesmacher das Recht beugen, müssen die armen Leute vor Hunger verkommen. Ja, die Armen rufen dann aber zu ihrem Gott; er erhört sie und züchtigt Diejenigen, die das Recht gekrümmt und gebeugt. So heißt es auch: „Fülle von Speise giebt der Acker dem Armen, aber was da ist, wird ihm entrissen durch Unrecht." (Sprüche 13, 23.) Die Erklärung unseres Verses in Ruth wäre demnach: „Und es geschah zur Zeit, als die Richter —zu Unrecht — richteten, die Gesetzgeber das Recht beugten, da war Hungersnoth im Lande!" (Midrasch Ruth z. Stelle.) Dieses weise Wort unserer unsterblichen Lehrer gilt von jeder Hungersnoth, von der sozialen, politischen und religiösen, wir wollen daher jede einzelne etwas näher ins Auge fassen. * Die natürliche, soziale Hungersnoth! Diese Noth ist uns so bekannt, so klar und verständlich, daß wir kaum darüber ein Wort zu verlieren brauchen. Wenn man von Hungersnoth spricht, von theurem Brode, wer leidet eigentlich Hunger, und für wen ist das Brod unerschwinglich theuer? Sind's etwa die Reichen, die reichen Grundbesitzer, die Tausende von Morgen ihr eigen nennen, die Felder und Aecker ohne Zahl besitzen, sind sie's, die die Hungersnoth so schwer empfinden? Gewiß nicht! ES sind ausschließlich die Armen, die Unbemittelten, die Besitzlosen, die von der Hand in den Mund Lebenden. Die Reichen und Großen suchen an der Hand der Gesetzgebung den Armen so zu belasten, daß ihm nicht das nöthige Brod bleibt, um die Kinder zu sättigen, und es entsteht eine Hungersnoth. Die jüngsten Vorgänge in Italien, wo aus dem Krater der „Konsumsteuer" die feuerspeiende Revolution hervorgebrüchen, beweisen das Gesagte zur Genüge; aber M»WW