Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 28 (15.7.1898)
- Date
- 1898-07-15
- Page
- Seite 331 (sequence 7)
- Language
- German
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- 331 deren Eltern auf eine aus den hebräischen Quellen geschöpfte religiöse Bildung Werth und Gewicht legen. Aber selbst wenn nur ein geringes Schülerkontingent sich dazu stellen sollte, so wäre eine im Hebräischen gehobene Religionsschule doch eine Nothwendigkeit. Das Samenkorn, in den weiten Boden verscharrt, zunächst dem Auge unsichtbar, würde dennoch sein Keimen und Blühen bald genug verrathen. Gesteigerte Kenntniß der religiösen Litteratur und ein tiefes Eindringen in die Grundquellen wird naturgemäß eine beffere Einsicht in das Wesen des Judenthums bewirken, die ihrerseits auf Treue und Anhänglichkeit zum väterlichen Glauben von günstigem Einflüsse sein muß. Läßt man den Dingen den bisherigen Lauf, so sind gerade unsere gebildeten Kreise in Gefahr, wenn auch nicht vor der Welt, so doch innerlich von ihrem Judenthum abzufallen. Diesen Klassen fehlt eben das wohlthätige Gleichgewicht zwischen weltlicher und religiöser Bildung und die aus der Ausgleichung ihrer Gegensätze hervorgehende Harmonie der Seele. Je höhere Ziele die geistige Bildung verfolgt, desto tiefer muß die religiöse und Gemüthsbildung angelegt werden, wenn diese nicht zu kurz kommen oder gar verkümmern soll. Der nicht selten zu hoch und zu straff gespannten intellektuellen Kultur mangelt es an einem Gegengewicht für Gemüth und Herz, und ganz besonders leidet unter dieser einseitigen Betonung der Verstandespflege die Religion, die als der Extrakt aller heilsamen Einwirkungen auf unser innerstes Empfinden anzusehen ist. Je höher die Waage geistiger Entwickelung hinaufgeht, desto tiefer wird die der Gemüthsbildung zu sinken die Neigung haben. Darum die Kälte und Unempfänglichkeit namentlich der studirten Klaffen fürs Judenthum, wenn nicht früh schon das Herz mit unauflöslichen Fesseln daran geknüpft worden ist. Eine veränderte Haltung unserer Intelligenz zum Judenthum würde zuletzt seiner Wiffenschaft zu gute kommen, die so im Begriff ist, die alleinige Domäne unserer Gelehrten und Rabbiner zu werden, statt, wie von jeher das Ideal gewesen, Gemeingut des ganzen Volkes zu sein. Abgesehen von diesen rein formellen Gründen, fehlt es aber auch nicht an praktischen Gesichtspunkten, die eine Ausdehnung und Vertiefung des hebräischen Unterrichts zu einer nothwendigen Forderung machen. Die Vernachlässigung und Verkümmerung dieser Disziplin beeinträchtigt und erschwert den Nachwuchs von jüdischen Fachgelehrten und Rabbinern. Wo soll der moderne Rahbinerstand sein elementares Fundament hemehmen, wenn eine gute Schulbildung ihm nicht die Brücke zum Seminar schlägt, ebenso gut, wie das Gymnasium ihm die Fähigkeit zur Fortsetzung seiner Studien auf der Universität verleiht. Unsere Kandidaten der Theologie kommen profanwiffenschaftlich wohl gut ausgerüstet, aber für ihr spezielles Studium meist dürftig vorbereitet auf die Hochschule. An diesem Schaden krankt nicht nur die jüdische Wiffenschaft, die keine schöpferischen Vertreter mehr findet, sondern auch das Judenthum, was von jener Licht und Nahrung, Luft und Lebensfrische entlehnt. Der heutige Abiturient entscheidet sich für die rabbinische Laufbahn nicht, weil sein hebräisches Wissen ihm dazu ein wohlbegründetes Anrecht giebt, sondern vielmehr aus Erwägungen rein lukrativer und geschäftspolitischer Natur. Bei der oft vorzüglichen allgemeinen Vorbildung liegt in den mangelhaften Vorstudien im Hebräischen ein schweres Hindemiß, denn nicht selten muß der Student, während er sonst die Höhen der philosophischen und litterarhistorischen Forschung erklimmt, sich mit den elementarsten Dingen im Hebräischen herumschlage» und abquäken. Ein ungesunder Zustand, der das ganze Studium verleiden und ungebührlich in die Länge ziehen muß- Aus idealen wie rein praktischen Gründen kommen wir zu dem Ergebniß, daß die hebräischen Disziplinen weit sorgsamerer Pflege bedürfen, als man ihnen bisher angedeihen läßt. Das Hebräische soll, wenn auch langsam und innerhalb eines dafür präparirten Kreises, von Neuem erweckt und einer fröhlichen Renaiffance entgegengeführt werden. Bei der Jugend wollen wir anfangen. . Die ehrenvolle Pflicht, dir erforderliche Veranstaltung hierfür zu treffen, obliegt in Berlin unstreitig der jüdischen Gemeinde. Privatvereinen, die theilweise schon jetzt manches zur Hebung des Hebräischen thun, sollte man diese Aufgabe nicht allein überlassen. Ihre Anregung und der Eifer dieser Vereine hat manches Gute gezeitigt. Aber abgesehen davon, daß dies eine Ehrenpflicht der Gemeinde bildet, sind kleine Gesellschaften einer solchen Sache, die voraussichtlich sehr bald einen großen Umfang annehmen würde, nicht gewachsen. Eine jüdische Gemeinschaft, die finanziell zur Herrichtuyg von solchen Anstalten im Stande ist, ist es dem Ansehen, der Vergangenheit des Judenthums wie nicht minder seiner Zukunft schuldig. Wissenschaftlicher Großbetrieb. Von Dr. A. Eckstein. mn einer Zeit, in welcher durch Afloziation zusammenwirkender X3) Kräfte der Kleinbetrieb auf allen Gebieten menschlichen Schaffens sich verwandelt in den Großbetrieb, ist es ein treffendes Redebild, das Herr Prof. Harnack im Maihefte der „Preußischen Jahrbücher" aus dem gewerblichen und geschäftlichen Leben überträgt auf das wissenschaftliche Leben. Es soll der Gelehrte mit dem Kaufmann gehen und von ihm lernen, die Wiffenschaft durch Sammlung auf eine Spezialität zeitgemäß betreiben. „Berufsarbeiter für den wissenschaftlichen Großbetrieb, die ihr Leben einer wiffenschaftlichen Aufgabe widmen und für sie jederzeit Reisen machen können, sind uns nöthig; Gelehrte, die nicht gezwungen sind, Vorlesungen über Dinge, die sie schlecht verstehen, zu halten, weil die Spezialwiffenschaft, die sie in der Stille bearbeiten, und die sie kennen, für den Unterricht ungeeignet ist und sie.nicht ernährt." Aber wie zu jedem Großbetriebe bekanntlich Kapital gehört, so kann auch der wiffenschaftliche Großbetrieb ohne Kapital nicht arbeiten. Und zu diesem Zwecke wendet sich Herr Prof. Harnack an den reichsten Mann im ganzen Lande, an den Staat, der die Aufgabe hat. dafür zu sorgen, daß die vorhandenen Akademien mehr und mehr zu Mittelpunkten werden auch für nicht lehrende Gelehrte, indem er ihnen die Mittel gewährt, „einen Stab von Gelehrten dauernd um sich zu sammeln, die, materiell sicher gestellt, ihr ganzes Leben und ihre ganze Kraft einer großen Spezialaufgabe weihen können". Liest man diese Worte des berühmten Theologen, so könnte man Neid empfinden auf die edle Unzufriedenheit und Ungenügsamkeit der deutschen Wiffenschaft. Bleiben wir beim Bilde, so stellt die deutsche Wiffenschaft mit ihren zahlreichen Werkstätten und Arbeitsstellen, mit ihrem unübersehbaren Heere von Meistern und Lehrlingen, sowohl was die Zahl der Arbeitskräfte als die Masse der auf den Markt gebrachten Erzeugniffe des Geistes anbelangt, einen imponirenden Großbetrieb dar, der sich mit jedem industriellen Großbetrieb, außer in Bezug aus Rentabilität für den Unternehmer, messen kann. Dem gegenüber stellt die jüdische Wissenschaft in Wahrheit in jeder Beziehung einen armseligen Kleinbetrieb dar. Daß es an Massenproduktion fehlt, wollen wir weniger beklagen, Räsonnirt doch schon der alte Koheleth gegen das viele Bücher-