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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-07-15 · Heft 28 (15.7.1898) · p. Seite 330

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 28 (15.7.1898)
Date
1898-07-15
Page
Seite 330 (sequence 6)
Language
German
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330 Am schwersten seufzen unter diesem tragischen Konflikt zwischen inniger Verehrung und praktischen Daseinsbedürfniffen unsere armen Religionsschulen. Bon ihnen setzt man voraus, daß sie das leisten, was das Haus und eine lange Unterrichtszeit früher geleistet haben, ohne daß u»S das lebendige und glühende Interesse von ehemals entgegengebracht wird — von der geringen Spanne Zeit, die dem Hebräischen noch verbleibt, und die einen wirksamen Unterricht unmöglich macht, ganzzu schweigen. » Kann bei der idealen Konkurrenz zwischen der religiösen und der sonstigen Geistesbildung, die zur Unterjochung der ersteren führt, die Religionsschule höheren Ansprüchen im Hebräischen genügen? Wer die Verhältnisse kennt, wird die Frage unbedingt verneinen müssen. Die öffentliche Meinung — von vereinzelten Ausnahmen natürlich abgesehen — geht dahin, daß der Besitz hebräischer Kenntnisse wünschenswerth und für die Erfordernisse des Gotteshauses nothwendig sein. Gewiß, wenn es ein Wundermittel gäbe, das Hebräische den Köpfen ohne Anstrengung einzuträufeln, Niemand hielte es für überflüssig. Wenn man das Lämmchen schlachten könnte, ohne zu bluten, das Hebräische lernen, ohne ein Opfer an Zeit und Mühe darzubringen, dann gäbe es nur warme Befürworter für diesen Unterricht. Was nützt uns aber die platonische Liebe für das Hebräische? Die Eltern versagen uns, an jene Pharaonische Verordnung der Entziehung des Strohes erinnernd, ihre Mitwirkung und Unterstützung und verlangen gleichwohl die volle Arbeitsleistung wie bei den Profanfächern, deren gewissenhafte Pensumserledigung ihre ganze. Sorgfalt herausfordert. Es ist eine Selbsttäuschung, in die man sich so gern einlullt, wenn man von der Religionsschule alles das glaubt verlangen zu dürfen ohne Uebernahme derjenigen Pflichten, die naturgemäß dem Hause, den Eltern zufallen müssen. In den seltensten Fällen wird das Ziel, das im Hebräischen gestellt wird, erreicht, wenn nicht von Seiten des Hauses fördernd eingegriffen wird. Man begnügt sich gewöhnlich mit dem guten Willen, der ja unleugbar vorhanden ist,' und tröstet sich mit dem Bewußtsein, das Beste gewollt zu haben, über die dürftigen Ergebnisse des hebräischen Unterrichts hinweg. ■ Neben dieser Hauptmasse der deutschen Juden, welche die Sprache des Propheten ihren Kindern zum erblichen Eigenthum machen möchten, ohne nach den Worten des Dichters das Besitzrecht durch Mühe und Arbeit von Neuem erwerben zu wollen, giebt es eine nicht gar so kleine Minderheit, welche dem inneren Wunsche germ die That folgen lassen und dem Hebräischen eine Vorzugsstellung^ innerhalb der Unterrichtsfächer einräumen möchten. Für diese Minderheit ist das Hebräische das heilige Gefäß, das den religiösen Inhalt durch die Zeiten getragen, und das bestimmt ist,' ihn noch den fernsten Geschlechtern zu überliefern, sie hütet es wie> ein ererbtes Kleinod, wie den Apfel ihres Auges. Solche Eltern ' warten auch sicherlich nicht mit der Unterweisung bis zum Beginn der Schulpflicht. Ihnen ist es ein Herzensbedürfniß, ihre Kinder so früh wie möglich in das Heiligthum der Religion selber einzuführen' und ihnen einige hebräische Gebetchen und Sprüche einzuprägen.^ Sie nehmen zwar auch die Religionsschule für ihre Kinder in Anspruch, ohne aber alles Heil von ihr zu erwarten. Sie lehren und ermuntern und fördern sie auf jede mögliche Weise. Diese Schulen überragen bald thurmhoch die übrigen. Aber diesem Vorwärts-' streben folgt ebenso bald eine heftige Reaktion. Auf dieser Höhe finden sich die wenigen von den Flügeln häuslicher Sorgfalt beschwingten Kinder gar leicht vereinsamt, und da es ihnen an jeglichem Wetteifer in der Klasse fehlt, erlahmt ihr Fleiß und ihre Lern-' freudigkeit und sinkt zu einem traurigen Stillstand herab. Ihnen bietet die Religionsschule nur in der ersten Zeit Stoff genug zur Stillung ihres Wiffenshungers. Sie werden deshalb bald ein Bleigewicht für den Durchschnitt, der diese flotte Behandlung nicht vertragen könnte. Für beide Theile ist der Zustand ein ungünstiger. Die paar Läufer reißen die Anderen nicht mit, während der Lehrer sie auch nicht ganz wird übersehen dürfen, und aus Rücksicht auf sie mehr darreichen wird, als für das Ganze gut ist. Ein Ausgleich zwischen den Eifrigen und Trägen ist aber nicht möglich, weil ein Ersatz für die Anregung, die Jenen das Haus liefert, von der Schule nicht geboten werden kann. Während eine Beschleunigung des Unterrichtsverfahrens die matten Schüler auf ein tieferes Niveau, aus dem sie mit Mühe erhoben wurden, zurückwerfen müßte, wird andererseits das bessere Element stumpf urzd erstarrt zur Gleichgiltigkeit, da sein Eifer durch kein reichlicheres Pensum anerkannt und belohnt wird. Was ist hier zu thun? In kleineren Städten wird der Gescheidteste kein Auskunftsmittel erfinden können, wenn der Vater seinen Knaben nicht durch Privatunterricht weiterführen kann. Dagegen läßt sich in größeren Gemeinden, wo es an Gleichgesinnten und Gleichbegabten nicht mangelt, wohl Rath und Hilfe schaffen. In großen Gemeinden und namentlich in Berlin muß eine Religionsschule ins Leben gerufen werden, die im Hebräischen weitergehende Ziele verfolgt. Die dürftige homöopathische Dosis der gewöhnlichen Religionsschulen reicht kaum zu einer völligen Kenntniß unserer Liturgie hin Vollends undenkbar ist das Hebräische als Fundament für den gesammten Religionsunterricht, auf welchem unsere Kinder sich einst selber den religiösen Lehrbau des Judenthums aufstellen könnten. Nicht die ganze Jugend würde da hineingehören, sondern nur d e r Theil, der begabt genug und durch die feste Anlehnung an das Haus befähigt ist, tiefere Märsche in das Innere des biblischen Textes zu machen. Selbstverständlich wird die Grenze des Lerngebiets nicht zu eng zu ziehen sein. Mindestens werden die selbst in den besseren Religionsschulen ganz stiefmütterlich behandelten Pirke Abot einen Anspruch auf Aufnahme in den Pensenplan haben, wenn nicht ausgewählte Stücke auch aus anderen rabbinischen Werken. Die Schaffung von Schulen zur besonderen Pflege des Hebräischen innerhalb des Religionsunterrichts scheint mir eine der vornehmsten Aufgaben einer nicht blos von fiuanztechnischen Gesichtspunkten, sondern von religiösem Gefühl geleiteten Gemeindeverwaltung zu sein Oder will man warten, bis die in so Vielen schlummernde Liebe zum Hebräischen an Unbeftiedigung gänzlich erlischt? Wir haben alle Veranlassung, die guten Instinkte, die für das Judenthum noch thätig sind, zu kräftigen und durch neue Nahrung zu stärken. Wird das Interesse nicht genährt, wird der Fonds von Verehrung, der für der Väter Sprache in uns noch flüssig ist, nicht durch Zuführung von frischem Quellwaffer vermehrt, so ist zu befürchten, daß in Zeiten religiösen Niedergangs eine Versumpfung entsteht, aus der wir später nicht mehr heraus können. Es galt bisher als ein Ruhmestitel, in der Mitte des Judenthums den Unterschied zwischen Laien und Priestern, was das Recht auf religiöse Bildung anbelangt, nicht zu kennen und nicht aufkdmmen zu lassen. Leider wird diese schöne Zeit unwiederbringlich dahin sein, wenn nicht doch noch Anstrengungen gemacht werden, dem Gang der Dinge Einhalt zu gebieten. Der alle Dämme wegreißenden Unwissenheit darf nicht ruhig und unthätig zugesehen werden, ohne einen Versuch zu machen, der verderblichen Entwickelung gewisse Grenzen zu setzen. In einer Gemeinde, wie die von Berlin mit 92000 Seelen, werden sich doch, sagen wir 100, wenn nicht 300 Kinder finden,

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