Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 28 (15.7.1898)
- Date
- 1898-07-15
- Page
- Seite 329 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228286--54737-3290896- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
329 geber des in Rede stehenden Merkchens, daß der Verfaffer, der ein wanderndes und viel bewegtes Leben geführt, darin seine eigene Lebensgeschichte flizzirt haben wollte. Diese Theorie ist aber kaum annehmbar, da Luzatto bekanntlich noch recht jung war, als er das besagte Drama abfaßte, und seine Leiden, Wanderungen und Anfeindungen erst in seinem vorgerückteren Alter ihn zu beunruhigen anfingen. In einem Vortrag, den der rühmlichst bekannte Astyriolog Profeffor Oppert vom College de Franee vor den Mitgliedern der Londoner Biblical Archaeological Society unlängst hielt, theilte derselbe mit, daß er nach längerem Studium die Ueberzeugung gewonnen habe, daß die im Buche der Könige angegebene Chronologie in Verbindung mit der Regierungszeit gewisser assyrischer Regenten als die einzig richtige angesehen werden müsse. Die Theorie mancher Repräsentanten der modernen höheren Kritik der Bibel, welche dem fraglichen Buche keinen historischen Werth beimessen wollen, ist demnach, wie es scheint, unhaltbar geworden. Ich habe in diesen Blättern bereits auf einige jüdische Jugendfreunde aufmerksam gemacht, die Profeffor Max Müller in seinen „Erinnerungen" erwähnt, möchte hier aber noch eine kleine Episode zufügen, der er im Hause des berühmten Tonkünstlers Felix Mendelssohn beigewohnt hat. Letzterer war von Natur recht sanftmüthig und bescheiden, und nichts konnte sein ruhiges Temperament und gute Laune stören. Nur ein einziges Mal fand ihn Max Müller hoch aufgeregt, voll Zorn und Wuth. Dies war, als ihm ein werthvolles Album, Gedichte und Zeichnungen von bekannten Dichtern und Künstlern enthaltend, vom Buchbinder zurückgeschickt wurde, nachdem dieser, natürlich aus Versehen, die Unterschriften derselben verstümmelt oder ganz weggeschnitten hatte. Line illae lacrimae. Theilnahmsvoll rief dann Max Müller seinem Freunde zu: „O, Felix, ich muß Dich jetzt wirklich inkeiix nennen." Der bekannte englische Novellist Zangwill, Autor ber„Children of the Ghetto“, hat neuerdings eine andere Novellensammlung veröffentlicht, die „vreainers ok the Ghetto“ titulirt ist und viel gelesen wird. Vielleicht habe ich späterhin Gelegenheit, dieselbe in diesen' Blättern ausführlich zu besprechen. Vorläufig will ich blos folgendes Kuriosum in Verbindung damit erwähnen. Eine darin vorkommende kurze Geschichte hat zur Aufschrift: „Maimon the Fool and Nathan the Wise“, dieselbe ist letzthin in Jerusalem ins Hebräische übertragen worden und ist titulirt: V31V8N sltd'ü asm }D3v Die vollständige Ausgabe der Bruchstücke des hebräischen Si rach - Textes, die vor einiger Zeit von Lektor Schechter in Cambridge entdeckt worden sind, ist jetzt im Druck und wird nächstens der Oeffentlichkeit übergeben. Diese Mittheilung dürfte für Freunde der hebräischen Litteratur von Jntereffe sein, da der fragliche hebräischlitterarische Fund in vielen Beziehungen als höchst willkommen bezeichnet werden kann. In Leopold Zunz' Werken findet man häufig ironische Bemerkungen, die recht beißend sind. Solchen Bemerkungen kommt man auch hier und da entgegen, wenn man Bücher zur Hand nimmt, die sich in seiner Privatbibliothek einst befunden haben, deren Verfaffer er nicht recht mochte. So enthält z. B. das Buch: Toldoth Gedoleh Jisroel von Carmoly (im Hebräischen Karmel) eine eigenhändig von Zunz zugefügte Bemerkung: ^23 N3122.1. Etwas milder verfährt Zunz mit dem Verfaffer des Buches: Reschimath Ansche Mofet (Josef Flesch), worin er ebenfalls eigenhändig zuschrieh: N2N N2N21 13'»' s'2 xb “im Das Jewish College in London, welches stets seit seiner Gründung an Ueberfluß des Geldmangels gelitten, ist jetzt mit dem hiesigen Montefiore College vereinigt und erhält von den Trustees des letzteren einen jährlichen Zuschuß von 20 000 Mark. Soeben wurde ihm auch von einem Gönner ein ansehnliches und paffendes Gebäude als zukünftiges Eigenthum überwiesen, in dem nunmehr der Unterricht in den jüdisch-theologischen Fächern ertheilt werden soll. Höhere Kurse für Hebräisch. Von Bernhard Traubenberg. f ie mehr oder weniger bestimmte Parteinahme für oder gegen das Hebräische ist das Zeichen, unter dem der Kampf der Meinungen seit langer Zeit geführt wird. Der Meinungsaustausch hat jedenfalls das Gute gehabt, daß er größere Klarheit geschaffen und entweder die starre Ruhe erschüttert oder die gereifte Ueberzeugung befestigt hat. Dabei zeigte sich zu Aller Ueberraschung, daß der Bibelsprache immer noch die Kraft innewohnt, die Gemüther in eine hohe Spannung zu versetzen, und ferner, daß eigentlich Niemand hebräischfeindliche Bestrebungen offen zu verfechten wagte. Man gruppirte sich nicht um die Standarte Hebräisch oder Nichthebräisch, sondern überließ die letztere einer kleinen Schaar von überschäumendem Ungestüm, dem die große Maffe der Besonnenen sich heftig widersetzte. Der Klang der Sprache unserer Propheten, obwohl wenig verstanden, tönt immer noch als „wundersame Melodei" im Innern treuer Juden nach, und trotzdem die meisten sich von dem, was ihnen die heilige Sprache ist, keine Rechenschaft geben können, fühlen sie recht aus einem unmittelbaren Empfinden, daß der Verlust derselben für das Judenthum ein unermeßlicher wäre. Dieses innere Aufbäumen gegen die bloße Möglichkeit eines Entreißens des sorgsam gehüteten uralten Schatzes zeigt, wie fest im Volksgemüth die Liebe zur Sprache der Bibel wurzelt. Man soll vorsichtig sein mit dem Entwurzeln von Heiligthümern, die in den Tiefen der Volksseele so schwer verankert sind. Und wenn es blos reine Pietät wäre und weiter nichts, so muß es den Stürmern Grund genug sein, vor diesem Bollwerk des Judenthums Halt zu machen. Den Grenzpunkt für das Zusammengehen bildete nur das Maß, innerhalb deffen der Unterricht im Hebräischen sich halten müffe. Die prinzipielle Einmüthigkeit für dieses alte Erbe wäre noch geschloffener, wenn demselben nicht ganze Berge materieller Hinderniffe entgegenständen. Die Frohne des Erwerbslebens lastet zu schwer auf den Schultern der Eltern und wirft ihre trüben Schatten schon auf die Schule voraus. Den Eltern ist die Schule vor allem eine Lehrzeit für das Erwerbsleben und eine Anstalt zur Erlangung wirthschaftlicher Tüchtigkeit — eine Auffassung, bei der die formalen Gesichtspunkte der religiösen und Charakterbildung mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt werden. Im Hebräischen, in dem die größten Vorräthe der Religionswissenschaft aufgehäuft sind, erblickt man keinen Motor, der materielle Hebel in Schwung versetzen könnte, darum muß es sich mit der Rolle des Aschenbrödels begnügen. Nichtsdestoweniger besitzt es die Liebe und die Herzen unserer GlaubenSgenoffen, wenn es auch die Köpfe nicht mehr beherrscht Wenn man das Hebräische auf ein möglichst geringes Maß zurückzuschrauben wünscht, so sind die Gründe hierfür nicht in einer Abneigung gegen die Sprache der Väter zu suchen, sondern in der thatsächlich wachsenden Ueberbürdung unserer Kinder mit weltlichem Schulstoff.