Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 28 (15.7.1898)
- Date
- 1898-07-15
- Page
- Seite 328 (sequence 4)
- Language
- German
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328 weg 15000 Rubel zu Gunsten der Stadt entnommen. Und so bezahlen die Juden unserer Generation die Gastfreundschaft, die man ihren Vätern in den drei erwähnten berühmten Herbergen gewährt hat. Es konnte Vorkommen, daß die Erhebung einer so großen Summe die jüdische Gemeinde ohne Mittel ließ. Daher hat die Regierung bestimmt, die 15 000 Rubel zu erheben erst nach Abzug der für die Bedürfnisse der Gemeinde nöthigen Summen. Aber die Lokalpolizei arbeitete so gut, daß die Zahl der Juden in Kiew von Tag zu Tag abnahm, ebenso ging der Ertrag der Steuer des koscheren Fleisches herunter. Ein neues Reglement wurde daher nothwendig. Nach diesem hat die jüdische Gemeinde nur Anspruch auf 46 Prozent der erhobenen Steuern. Diese Quote scheint einigen Mitgliedern des Stadtrathes von Kiew noch zu hoch zu sein. In derselben Stadt giebt die jüdische Gemeinde 60000 Rubel für den Unterhalt des Hospitals aus. Aus dem Bericht der Verwaltung des Hospitals geht hervor, daß */» der Kranken Christen sind." * Die „Akropolis", die größte Zeitung in Athen, beschäftigt sich in einem beachtenswerthen Artikel mit der jüdischen Bevölkerung Thessaliens. Nach der Darstellung dieses Blattes sind 60 Prozent der in den theffalischen Städten verübten Plünderungen von türkischen Soldaten verübt worden, die ihre Beute nach Saloniki in Sicherheit brachten. In den Rest theilten sich Griechen und Juden zu gleichen Theilen. Das Blatt weist mit Recht darauf hin, daß die Juden Thessaliens nur durch ihre Religion von den Griechen verschieden sind. Sie bedienen sich durchgängig der griechischen Sprache, und nur bei gottesdienstlichen Verrichtungen ist das Spanisch noch im Gebrauch. Von den in Thessalien ansässigen Juden sind nicht alle Kaufleute. Viele erweisen sich als geschickte Schuhmacher, Eisendreher und Hutmacher, die von großem Nutzen für ihre griechischen Mitbürger sind. So sei es zu beklagen, daß infolge der Judenverfolgungen in Larissa ein Rückgang der dort wohnenden 220 Familien auf 120 stattgefunden habe. In Volo wohnen 150, in Trikkala 130 jüdische Familien, die ihre sKinder zum Theil in die griechischen Schulen schicken. Mehrere jüdische Studenten aus Thessalien haben sich ihr Doktordiplom an der Universität Athen erworben. Das Blatt betont die Nothwendigkeit, den Juden zum mindesten doch die gleiche Rücksichtnahme angedeihen zu lassen, wie sie die türkische Bevölkerung Thessaliens erfährt. Man möge bedenken, daß in Macedonien mehr als 120 000 Juden wohnen, die durch ihre Handelsbeziehungen und ihren Reichthum höchst einflußreich seien, somit scheine schon aus politischen Gründen ein freundliches Verhältniß zu den Juden Thessaliens geboten. Briefe aus England. Von Rev. Dr. Chotzner. wunderschönen Monat Mai, wo in London die Hauptsaison Ty des Jahres mit ihren endlosen Festlichkeiten und Frivolitäten Cjß beginnt, da erwachen auch aus ihrem scheinbaren, langen Winterschlummer unsere angeblichen besten Freunde — nämlich die englischen Judenmissionäre. Sie erwachen zu neuem Leben und frischer, öffentlicher Thätigkeit, und ihre salbungsvollen Reden fließen so mild und sanft wie Thautropfen aufs Gras, vorzugsweise aber in der „Exeter Hall", einem Gebäude, worin alljährlich um diese Jahreszeit ein christlich-religiöses Parlament tagt. Wenn nun bei solcher Gelegenheit die Judenmission daselbst aufs Tapet kommt, da kann man unsere ehemaligen Glaubensgenossen, wie z. B. den lang- und rothnasigen Rev. Abraham Christian Schnablewopski, Isaak Paulus Eselinski und auch sonstige Leutchen deffelben Schlages erzählen hören, daß sie im verflossenen Jahre eine nicht unbeträchtliche Anzahl Juden für die allein seligmachende Kirche gewonnen haben, worunter sich auch mehrere Ex-Oberrabbiner befinden. Um diese Erfolge aber noch zu vergrößem, meinen die fraglichen Redner, wäre ein größerer Geldzuschuß von Seiten des christlichen Publikums höchst erwünscht, widrigenfalls aber würde ihr gottgefälliges Werk nur recht langsame Fortschritte machen. Der verstorbene Professor Ewald. der sich auf biblischem Gebiete einen Namen erworben, war vor einer Reihe von Jahren in der besagten Halle als Gast anwesend, während die Judenmissionäre eine ihrer Sitzungen daselbst abhielten. Als er ersucht wurde, im Interesse der vorliegenden guten Sache einige Worte zu sprechen, da bestieg er die Rednerbühne und redete, einem mir vorliegenden Berichte von dazumal zufolge, die zahlreich anwesende Versammlung etwa folgendermaßen an: „Meine Herren! Das Missionswesen ist im Allgemeinen wohl empfehlenswerth, wenn nämlich die zu bekehrende Nation aus Hottentotten, Negern oder Chinesen besteht, die barbarisch und unwissend sind und zugleich auch Götzendienst treiben. Anders verhält es sich aber mit der Judenmission. Denn die Juden sind keineswegs das, was die besagten Völkerschaften tadelhaft erscheinen läßt; sie sind vielmehr civilisirt und gottgläubig, und wir selbst verehren dasselbe Buch, welches sie selber heilig halten. Ja, ihre Propheten sind auch unsere Propheten, und ihr Losungswort: „Höre, o Israel, der Herr ist unser Gott", ist im gewissen Sinne auch das unsrige. — Außerdem sind ja die Juden höchst loyale Bürger im Staate, und trotz der allgemeinen Ansicht, daß sie kein Pulver riechen können, sind sie dennoch überall im Heeresdienste verhältnißmäßig ziemlich stark vertreten. Und sollte England, was Gott verhüten möge, je von einem auswärtigen Feinde mit Krieg bedroht werden, so werden sicherlich die Söhne englischer Juden unter den Ersten sein, die für Königin und Vaterland ihr Leben bereitwillig opfern werden." Erinnert nicht diese Episode lebhaft an die biblische, worin Bileam aufgefordert wird, Israel zu tadeln und zu fluchen, er aber statt dessen nur Segen spendete? Dr. Cunnigham in Cambridge hat jüngst eine Broschüre veröffentlicht, worin er nachzuweisen sucht, daß das Hebräerthum ebenso wie der Hellenismus sehr viel zur Civilisation des Westens beigetragen hat. Die jüdischen Könige Saul, David und Salomon, meint der Verfasser, hatten in einer erstaunlich kurzen Zeit ein Reich ins Dasein gerufen, welches den Handel und Verkehr im Osten förderte und nach verschiedenen Richtungen hin ausdehnte, wodurch dessen Existenz weit und breit bekannt geworden ist. Dieses jüdische Reich, fügt der Verfasser hinzu, hat selbst nach seiner gänzlichen Auflösung auf spätere Geschlechter höchst wohlthuend eingewirkt, indem es eine gebildete jüdische Raffe schuf, die, unter verschiedenen fremden Nationen lebend, den hohen Charakter weiter behielt, den ihre Vorfahren in der glorreichen Regierung Salomos sich angeeignet hatten. Ein von dem bekannten hebräischen Dramatiker und Kabbalisten Moses Chachim Luzatto im Jahre 1742 in Amsterdam abgefaßtes Manuskript unter dem Titel Sefer Ha-Hegajon (über Logik) ist vor Kurzem von dem tüchtigen Hebraisten Jesef Kohn-Zedek in London veröffentlicht worden. An und für sich hat das fragliche Merkchen keinen bleibenden litterarischen Werth, da weder der Inhalt noch der Stil desselben viel Anziehendes an sich haben. Interessant ist jedoch die hebräische Einleitung des Herausgebers, die eine ziemlich ausführliche Biographie des Verfassers enthält, wobei die im Kerem Chemed (Band IU) erschienene Arbeit des Josef Almanzi über dasselbe Thema theilweise benutzt worden ist. Von Luzattos berühmtem hebräischen Drama La Jescharim Tehilla sprechend, meint der Heraus-