Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-07-15 · Heft 28 (15.7.1898) · p. Seite 326

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 28 (15.7.1898)
Date
1898-07-15
Page
Seite 326 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228286--54734-3290893
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

■ 326 —■'. ' , / und ihre Genügsamkeit einerseits, ihre Geschicklichkeit andererseits hat die großen englischen Firmen in den Stand gesetzt, mehr als einen Artikel, den man früher aus dem Auslande beziehen mußte, jetzt in England selbst herzustellen. Das gilt in erster Linie von der Damenmüntel-Konsektion, aber auch von der Schuhwaarenbranche. Der englische Arbeiter war trotz seiner Vorzüge und seiner unleugbaren Intelligenz nicht im Stande, in diesen Branchen mit dem deutschen Arbeiter in Berlin rc. zu konkurriren; er war auch gar nicht willens, zu so niedrigen Preisen zu arbeiten, wie diese Konkurrenz erfordert hätte. Erst die Einwanderung des russischen Juden, der große Geschicklichkeit mit der größten Genügsamkeit verband, ermöglichte, diese Artikel in London, Leeds, Manchester rc. zu erzeugen. Welchen Umfang dies angenommen hat, beweist am besten die Thatsachc, daß in der Konfektionsbranche mindestens 10 000, in der Schuhwaarenbranche die gleiche Anzahl von jüdischen Arbeitskräften nur in London allein beschäftigt ist. Dazu kommen noch ca. 2000 Mützenmacher und ebenso viele Pelzarbeiter, ferner 8000 bis 9000 Arbeiter der Tabaksbranche und sehr viele jüdische Tischler, von den kleineren Branchen ganz abgesehen. Soloweitschik schätzt die Gesammtzahl der jüdischen Arbeitskräfte in London allein auf cirka 40000, wobei freilich die Mädchen, Frauen und die mitarbeitenden Kinder mit eingerechnet sind. Alle diese Masten leben in einem Elend, das die schlimme Situation des wenig beschäftigten christlichen Arbeiters noch weit übersteigt; dennoch zeigen diese Massen nach dem kompetenten Urtheil des General Booth drei gute Eigenschaften: „absoluten Gehorsam für die Landesgesetze, starken Familiensinn und Mildthätigkeit gegen ihre Genossen." Es zeugt wahrlich für die gute Art des jüdischen Arbeiters, daß derselbe durch seine Noth nicht moralisch herabgedrückt werden kann, noch mehr aber für die sittliche Kraft der jüdischen Frau, daß trotz der elenden sozialen Verhältnisse die Prostitution im jüdischen Ostend fast unbekannt ist. So wie in London, genau so liegen die Dinge in Leeds, dessen jüdische Arbeiter Soloweitschik auf 9700 schätzt, in Manchester, wo 6300 ihr Brod kümmerlich verdienen, und in vielen anderen englischen Städten. Aber vor allem in den großen Städten Nordamerikas liegt es ähnlich; in New-Iork mit seinen 300000, in Chicago mit seinen 150 000 Juden zählen die jüdischen Arbeiter nach Zehntausenden, und das Elend dieser Masten ist noch größer als in London. Hier sind auch intelligentere Elemente genug unter ihnen, die eine feste Organisation in vielen Branchen der Arbeit herbeigeführt haben, und die ihre Gefolgschaft in die Lager der gemäßigten oder auch der radikalen Sozialisten hinüberleiten. Weniger maffenhaft, aber ebenfalls vorhanden ist das jüdisches Proletariat auch in den anderen Ländern, in Frankreich, Italien^ Korfu, vor allem aber im Orient. Nach allen diesen Ausführungen wird man nicht zögern können, | einzugestehen, daß wir auch im Westen Europas und in Amerika ein großes jüdisches Proletariat haben, das die Schicksale und den Jdeengang jedes anderen Proletariats theilt. Es ist ein Märchen, als seien wir Juden überhaupt oder auch nur die Juden Westeuropas ein Volk des Rcichthums oder selbst nur des Wohlstandes, als verschmähten wir die schwere produktive Arbeit, und diese Märchen recht gründlich widerlegt zu haben, ist ein Erfolg, dessen sich der Autor des eben besprochenen Buches rühmen kann. Are Woche. f Berlin, 12. Juli. urch die Zeitungen macht die Notiz die Runde, daß nach der Zusammenstellung des nationalliberalen Statistikers Professor Hickmann bei den Wahlen die Antisemiten keinen Verlust, sondern einen Gewinn zu verzeichnen hätten. Sie seien auf 310000 Stimmen gekommen statt der ca. 262 000 der Wahl von 1893. Hier liegt ein doppelter Jrrthum vor. Noch kurz vor Schluß der Reichstagssession hat Liebermann von Sonnenberg die Stimmen der antisemitischen Parteien auf 300 000 angegeben, indem er die Nachwahlergebniffe zu den Hauptwahley hinzurechnete. Andererseits haben die antisemitischen Blätter selbst nur eine Summe von 236 000 Stimmen bei den diesmaligen Wahlen für die Antisemiten herausgerechnet, und sie haben für ihre Partei gewiß nicht schlecht gerechnet. Es bleibt also die Thatsache bestehen, trotz Profeflor Hickmann, daß die Antisemiten keinen Gewinn, sondern schwere Verluste zu verzeichnen haben, trotz oder, wie sie jetzt selbst behaupten, wegen der Hilfe, die ihnen der Bund der Landwirthe gütigst hat angedeihen lasten. fr Das statistische Amt publizirt eine Tabelle über die Schüler der höheren Lehranstalten nach Konfessionen geordnet, aus der hervorgeht, daß die Zahl der jüdischen Schüler auch an diesen Schulen Prozentual und absolut zurückgeht. Protestanten, Katholiken, Dissidenten, Juden 1867/8 71,5 20 0,06 8,4 1871/2 72,5 18,6 0,06 8,8 1875/6 71,1 17,3 0,02 9,6 1880/1 73,9 16,0 0,03 10,1 1883/4 73,2 16,8 0,04 10,0 1885/6 73,5 17,6 0,25 9,7 1886/7 72,4 17,8 0,25 9,6 1890/1 71,4 18,9 0,29 9,3 1891/2 71,1 19,3 0,26 9,3 1892/3 70,9 19,6 0,28 9,2 1893/4 70,8 19,9 0,27 9,0 1894/5 71,0 19,9 0,26 8,8 1895/6 70,7 20,4 0,29 8,6 Auch absolut ist dieser Rückgang, wenn auch nicht so bedeutend, denn von 14600 jüdischen Schülern 1886/87 sind wir auf 14200 im Jahre 1896/97 heruntergegangen. Kürzlich wurde der gleiche Rückgang aus den Volksschulen berichtet; es hängt eben beides mit dem ständigen Sinken der Geburtenziffer und der dadurch bewirkten Verminderung der schulpflichtigen Jugend zusammen. * Der Belagerungszustand in Galizien ist angeblich zum Schutze der Juden verhängt worden, in Wirklichkeit benützt ihn jedoch die Regierung zur Verfolgung der Sozialisten, zur Unterdrückung der sozialistischen Preffe und der sozialistischen Vereine. Wie „gesetzlich" es auch sonst noch hergeht, davon berichtet die „Arbeiter-Zeitung" folgendes Beispiel: „Gerechtigkeit soll sein, auch wenn die Welt darüber zu Grunde geht: und deshalb darf man an dem Urtheil, das gestern von dem Rzeszower Kreisgericht über den Juden Jakob Hagel gefällt wurde, nicht achtlos vorübergehen. Am 17. Juni traf in Strzyzow eine Eskadron Husaren ein, die berufen worden war, weil Angriffe gegen die dortigen Juden befürchtet wurden. Der Offizier, der die Eskadron befehligte, gab den Auftrag, die Pferde auf oder bei dem jüdischen Friedhof des Ortes unterzubringen, was den Angeklagten, der dort Friedhofsverwalter ist, so aufregte, daß er dem intervenirenden städtischen Beamten in Gegenwart einer großen Menge Bauern, die sich auf. dem Schauplatz ange-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.