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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-07-15 · Heft 28 (15.7.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 28 (15.7.1898)
Date
1898-07-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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62. Jahrgang. Nr. 28. ff /\ Sfcrlttt, 15. Juli 1898. Gin unparteiisches Organ für alles Mische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redaoteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner 0r- Ludwig Philippson-Sonn. Verlags-Crpedition: Gerten, Lerusatemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inlsltü. Leitartikel; Ein verkanntes Proletariat. — Die Woche. — Briefe aus England.. Von Rev. Dr. Chotzner. — Höhere Kurse für Hebräisch. Bon Bernhard Traubenberg. — Wissenschaftlicher Großbetrieb. Von Dr. Ä. Eckstein. — Agrarisches. Von. Dr. I. Kohn. — Jüdische Namen. Von Dr. Heinrich Lewh. — Feuilleton; Die Rose von Saron. III. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten; Berlin, Breslau, Hamburg, Aus dem Großherzogthum Baden, München, Wien, Brüssel. — Von Nah nnd Fern. — Miseellen. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. — Geschäftliche Notizen. Gin verkanntes Proletariat. Berlin, 12. Juli. wir von einem jüdischen Proletariat lesen, so denken wir begreiflicherweise zuerst an die jüdischen Mafien in * * Rußland, Rumänien und Galizien, und es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man den Nachweis führen, daß in diesen Ländern die große Maffe der Juden in der That dem Proletariat angehöre. Dagegen sind, von den wenigen Kundigen abgesehen, die Anschauungen über die Juden des Westens, besonders Westeuropas und Nordamerikas, fast allgemein, mit ganz geringen Ausnahmen, darin übereinstimmend, sowohl bei Juden wie ganz besonders bei den Nichtjuden, daß die jüdische Gemeinschaft sehr viele Reiche unter sich zählt, daß ihre große Mafie zu dem wohlhabenden Mittelstände gehört, und daß es nur wenig Arme unter ihnen giebt. Diese Letzteren zumal sollen aber entweder berufsmäßige Schnorrer sein oder zu dem geistigeil Proletariat gehören. Immer wieder stoßen wir auf die größten Jrrthümer, die über jüdische Verhältnifie verbreitet sind, und man wird immer mehr genöthigt, eine Ansicht über jüdische Dinge zu bezweifeln, weil sie allgemein verbreitet ist, denn meistens erweisen sich gerade diese Anschauungen als grundfalsch. So geht es auch mit der Auffassung, daß die« westeuropäischen Juden in ihrer Maffe den wohlhabenden Ständen angehören; auch diese Idee ist gänzlich irrig, und es ist das Verdienst eines jungen russischen Schriftstellers Leonty Soloweitschik, in seinem in Brüssel eben erschienenen Buche : „Ün Proletariat meconnu“ den ziffernmäßigen Nachweis dafür erbracht zu haben. Wohl ist es richtig, daß unter der jüdischen Gemeinschaft eine Anzahl sehr reicher Leute sich befinden, deren Riesenvermögen auffällig genug sind, um die Augen der blöden Menge zu blenden. Aber ihnen steht überall eine Maffe von sehr armen Arbeitern gegenüber, die durch ihrer Hände Werke mühsam äls Handwerker, Tagelöhner/ Fabrikarbeiter und als Dienstboten ihr kärgliches Brod erwerben. Dir deutsche, Berufsstatistik hat zu wiederholten Malen, zuletzt noch erstvor einigen Monaten, die Resultate der Berufszählung in Deutschland veröffentlicht, aus denen sich ergab, daß ein großer Bruchtheil auch der deutschen Juden dem Arbeiterstande angehört. Ohne auf alle Details eingehen zu wollen, die an dieser Stelle schon oft besprochen worden sind, erinnern wir nur an die bekannte Thatsache, daß in Deutschland unter den 570 000 Juden, von denen nur 380 000 erwerbsthätig sind, nicht weniger als 6371 sich als Dienstboten ernähren. Herr Soloweitschik hat diese Verhältnifie besonders in Holland, England und Nordamerika studirt, und er ist dabei zu sehr interessanten Resultaten gekommen. So existirte in Amsterdam in der Diamantschleiferei eine große Anzahl von Werkstätten, deren Inhaber Juden sind; aber nicht nur in diesen, sondern auch in allen anderen Werkstätten ist eine große Anzahl von jüdischen Arbeitern beschäftigt. Nach zuverlässiger Zählung ist unter ca. 10 000 Arbeitern, die diese Hauptindüstrie der Stadt Amsterdam beschäftigt, das jüdische Element mit etwa 6000 Personen vertreten. Und zwar sind es nicht nur die Männer, sondem auch die Frauen und besonders die jungen Mädchen, die die zwar nicht allzu schweren, aber große Aufmerksamkeit erfordernden Arbeiten verrichten und einen oft recht kärglichen Lohn dafür verdienen. Die Mehrzahl dieser Arbeiter und Arbeiterinnen sind in Vereinen organisirt, die zum größten Theil sozialistisch geworden sind. Deshalb ist denselben in neuester Zeit eine andere Organisation unter dem Namen „Bezalel" entgegengesetzt worden, die von den Rabbinern patronisirt wird. Der Verein „Bezalel" ist eine Unterstützungskaffe auf Gegenseitigkeit und nicht politischer Natur; nur müssen die Mitglieder die Erklärung abgeben, daß sie keine Sozialisten sind. Die Zahl /her angeschloffenen Arbeiter ist schon recht bedeutend. Auch außer den Diamantenarbeitern giebt es noch viele andere jüdische Handwerker in Amsterdam, denn in der Handwerker-Vereinigung, welche ca. 1000 Mitglieder zählt, darunter wenig Diamantenarbeiter, sind •9| Prozent Juden. - Aehnlich wie in Holland liegen die Dinge in Belgien, wo in Brüssel und ganz besonders in Antwerpen die Zahl der jüdischen Arbeiter recht bedeutend ist. Es sind freilich im Gegensatz zu den alteingesessenen Juden Hollands in Belgien größtentheils eingewanderte russische Israeliten. Allein in der Diamantindustrie finden wir wieder 6—700 jüdische Arbeiter. Besonders charakteristisch für das jüdische Proletariat sind aber bie Verhältnisse in London. Hier sind im Ostend viele Tausende jüdischer Arbeiter zusammengedrängt, die unter dem Druck des berüchtigten „Schwitz"shstems kaum so viel verdienen können, um zu leben, und in sanitärer wie in jeder anderen Beziehung, trotz der eifrigsten Hilfe der Juden des Westends in London, große Noch leiden. Die armen, gedrückten Arbeiter sind aber fleißige Menschen,

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