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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-07-08 · Heft 27 (8.7.1898) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 27 (8.7.1898)
Date
1898-07-08
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Verlust erlitten hat, ihr 100 jähriges Bestehen. Nachdem der jetzige Leiter, Herr Lehrer Meyer, in einer Ansprache den Entwickelungsgang der Schule beleuchtete, beschenkte ein Mitglied des Kuratoriums jeden Schüler mit einem Buche, das ihn stets an dieses bedeutsame Jahr der Schule erinnern soll. Weitere Einladungen waren nicht ergangen. Bei der Neubesetzung der sogenannten Jnspektorstelle an der obenerwähnten M. M. Davidffchen Stiftungsschule stellte sich folgendes Kuriosum heraus. Bei der Anstellung eines jüdischen Lehrers an eine jüdische Schule, die von einem frommen Manne gegründet ist, haben nur Nichtjuden ein Wort mitzureden, und zwar ist ein Erbe des Stifters, ein Nichtjude, Direktor und Vorsitzender des Kuratoriums, Beisitzer in der Verwaltung sind ebenfalls nur Nichtjuden. Selbst der Herr Landrabbiner Dr. Gronemann hat weder Ablehnungsnoch Bestätigungsrecht. Das Beste ist aber, daß mit dieser sogenannten Jnspektorstelle eine Stiftsrabbinerstelle vereinigt ist, die ebenfalls von Nichtjuden ohne Hinzuziehung eines Sachverständigen besetzt wurde. — Herr Landrabbiner Dr. Gronemann istvon seinem vierwöchentlichen Urlaub zurückgekehrt. Während seiner Abwesenheit war Herr Seminardirektor Rabbiner Dr. Knoller vom Gemeindevorstand mit der Vertretung beauftragt. Dr. Knoller hat sich in dieser kurzen Zeit durch seine Kanzel- und Gelegenheitsreden, die sich durch eine elegante Sprache und einen gediegenen Inhalt auszeichneten, den ungetheilten Beifall der Gemeinde erworben. A. Stadtlengsfeld, 1. Juli. In voriger Woche bereiste der Kultusminister von Pawel in Begleitung des großherzoglichen Bezirksdirektors und des Bezirksschulinspektors das Eisenacher Oberland. Bei ihrem Aufenthalt in hiesiger Stadt beehrten die Herren auch den großherzoglichen Landrabbiner Dr. Salzer mit ihrem Besuche. Derselbe führte sie auf Wunsch in die Synagoge, woselbst sie mit sichtlichem Interesse die kulturellen Einrichtungen in Augenschein nahmen. — Dem langjährigen Vorsteher der hiesigen Synagogengemeinde Herrn Jakob Huhn I wurde von dem Großherzog von Sachsen die silberne Verdienstmedaille verliehen. —1. München, 29. Juni. In der bayerischen Armee haben sich schon seit mehr als 50 Jahren fast stets, wenn auch nicht zahlreiche, Linienoffiziere israelitischer Religion befunden. Seit einigen Jahren sind theils durch Austritt aus der angestammten Religion, theils durch Pensionirung infolge eingetretener Dienstunfähigkeit dieselben aus dem aktiven Heere verschwunden. Im Beurlaubtenstande befinden sich aber zahlreiche Offiziere israelitischer Religion, und der gestern veröffentlichte neueste Armeebefehl enthält, wie fast regelmäßig jeder größere Armeebefehl, die Ernennung von zwei Vizewachtmeistern bezw. Vizefeldwebeln israelitischer Religion zu Sekondelieutenants, so daß anzunehmen ist, daß für die tatsächlich zur Beförderung zum Offizier geeigneten Offiziersaspiranten des Beurlaubtenstandes die Angehörigkeit zur israelitischen Religion kein thatsächliches Hinderniß bei Erlangung der Offiziersstellung bildet. Im Sanitätsoffizierkorps der aktiven Armee befinden sich nach wie vor Angehörige israelitischer Religion. Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 4. Juli. Endlich darf man wieder erleichtert aufathmen: für die gequälten und mißhandelten Glaubensbrüder in Galizien ist die Erlösung genaht. Für wie lange? — das ist die Frage. Bis abermals ein Agitator ä la Stojalowski austritt und den galizischen Bauernschädeln weiß macht: es sei erlaubt, den Juden alles wegzunehmen und die ohnedies Aermsten aus ihren armseligen Baracken zu jagen. Die Fahrt, welche der Statthalter in Begleitung des Bezirkshauptmanns nach Alt-Sandee unternahm, hat über den Charakter der Ausschreitungen wahrhaft haarsträubende Details an den Tag gebracht. Ein großer Theil der dortigen Stadtbevölkerung scheint an einem organisirten .Raubzuge theilgenommen und das Hab und Gut der Juden förmlich unter sich vertheilt zu haben. Angesehene Bürger sind kompromittirt und sollen verhaftet werden. Das Landvolk wurde von ihnen offen zum Raube und zur Plünderung aufgefordert. Es wurde eine sehr ausgedehnte Hausdurchsuchung vorgenommen und dabei eine Menge von gestohlenen Sachen, selbst bei sehr vermögenden Leuten, vorgefunden. Die Revision dauert fort, und die gefundenen Objekte werden unaufhörlich auf Wagen zum Gemeindeamt transportirt. Der Statthalter hat in einer Ansprache dem Gemeindevorstand und der Bürgerschaft von Alt-Sandee seine tiefste Entrüstung ausgedrückt und erklärt, daß alle Theilnehmer dieses Raubzuges verhaftet werden sollen. Die gänzlich 3 - verwüsteten Geschäfte der jüdischen Tuch- und Getreidehändler bieten einen schrecklichen Anblick dar. Die Panik unter der Bevölkerung von Alt-Sandec ist sehr groß, und selbst die Verkündigung des Standrechtes hat dort nicht vollkommene Beruhigung gewährt. Das Landvolk in der Umgebung erklärt laut, daß es nunmehr den Gutsherren ihr Geld abnehmen wolle. — Ein tragisches Schicksal hat den Rabbiner der israelitischen Religionsgemeinde in Preß bürg, Dr. Julius David, ereilt. Derselbe stürzte sich aus dem Fenster seiner im zweiten Stockwerke befindlichen Wohnung auf die Straße, wo er mit zerschmetterten Gliedern liegen blieb. Ueber die Ursache, die den trefflichen Mann zu der verzweifelten Thal trieb, ist nichts bekannt, doch litt der Unglückliche an hochgradiger Nervosität. — Am 10. Juli 1895 fand in der galizischen Stadt Chrzanow die Wahl eines Rabbiners nach dem alten Judenpatent vom Jahre 1787 statt. Die Mehrheit der Stimmen fiel auf den Kandidaten Naftali Halberstamm, der auch vom Kultusvorsteher als der gewählte Rabbiner der Bezirkshauptmannschaft angezeigt wurde Infolge Protestes mehrerer Wähler erkannte die Bezirkshauptmannschaft, baß nicht Naftali Halberstamm, dem die nöthige Vorbildung mangelte, als gewählt zu betrachten sei, sondern dessen Gegenkandidat Joseph Meilech Halberstamm. Gegen diese Entscheidung protestirte wieder Naftali Halberstamm, worauf das Kultusministerium erkannte, daß zwar der Wahl des zuerst gewählten Kandidaten ein gesetzliches Hinderniß im Wege stehe, daß aber über die Wahl des Gegenkandidaten, der von dem Kultusvorsteher nicht als gewählt der Bezirkshauptmannschaft angezeigt wurde, keine Entscheidung getroffen werden könne. Nun erhob Joseph Meilech Halberstamm gegen die Entscheidung des Ministeriums die Beschwerde an den Verwaltungs-Gerichtshof, der heute unter dem Vorsitz des Präsidenten Grafen Schönborn die angefochtene Entscheidung als ungesetzlich aufhob mit der Begründung, daß das Ministerium in eine Prüfung der Wahl selbst hätte eingehen sollen. — Anläßlich des Jubiläums der fünfzigjährigen Regierung des Kaisers hat Herr Samuel Edler v. Horowitz eine Stiftung gegründet und den namhaften Betrag von 100 000 Kronen bei dem israelitischen Kultusgemeinde-Vorstand in Lemberg zu dem Zwecke hinterlegt, um eine Vorschußkasse zur Ertheilung von unverzinslichen Darlehen an jüdische Handwerker und Kleingewerbetreibende ins Leben zu rufen. Diese Stiftung wird in der Folge vergrößert und in der Kreirung eines Blinden- und Taubstummen- Jnstitutes sowie eines Asyls für unheilbare Kranke für die Lemberger jüdische Kultusgemeinde ihren Ausbau finden. — Der Professor der Musikwissenschaft an der deutschen Universität in Prag, Dr. Guido Adler, wurde zum ordentlichen Professor der Theorie und Geschichte der Musik an der Universität in Wien ernannt. Professor Dr. Adler ist auf dieser Lehrkanzel der Nachfolger des Hofrathes Dr. Eduard Hanslick. Professor Dr. Adler ist ein Schüler Hanslicks und hat sich als Forscher auf dem Gebiet der Musikgeschichte und als ausgezeichneter Musiktheoretiker bereits hervorragend bethätigt. Unter seiner Redaktion werden die „Denkmäler der Tonkunst in Oesterreich" herausgegeben, und er hat überdies zahlreiche andere musikhistorische Studien und Arbeiten veröffentlicht. Er ist der Schwiegersohn des Herrn Heinrich Berger hier. — Dem Großindustriellen Ignaz Brieß, Gesellschafter der Malzfabrikfirma Ignaz und Wilhelm Brieß in Olmütz, wurde vom König der Belgier das Offizierskreuz des Leopold-Ordens verliehen. — Herr Rabbiner Dr. Thon in Krakau wurde zum k. k. Feldrabbiner ernannt. — Im Städtchen Jagielnica sind 400 Häuser, darunter die Synagoge, gänzlich abgebrannt. B. Budapest, 4. Juli. Bevor sich die Pforten des ungarischen Reichstages schlossen, beantwortete der Justizminister Erdoly eine Interpellation des Abtpfarrers Johann Molnar in Angelegenheit eines slovakischen Blättchens, das sich angeblich der Aufwiegelung gegen die katholische Kirche und ihre Seelsorger schuldig machte. Der Führer der katholischen Volkspartei, unter deren Protektorat einige Hetzblättchen erscheinen, verlangte, daß der Justizminister die Staatsanwaltschaft zur Verantwortung ziehe, weil sie gegen dieses Blatt keinen Preßprozeß angestrengt habe. Die Beantwortung der diesbezüglichen Interpellation gestaltete sich sehr interessant, denn der Minister präsentirte dem Hause eine Blüthenlese der gemeinsten Jnvektiven aus jenen Blättern, welche die Bestrebungen der Volkspartei unterstützen, um zu zeigen, in welch roher Weise in diesen Zeitungen über die Liberalen und Juden geschrieben und gehetzt wird, und gab dem Interpellanten und seiner Partei zu bedenken, daß, „wenn das geistliche Kleid sich im Kothe wälzt und dort

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