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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-07-08 · Heft 27 (8.7.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 27 (8.7.1898)
Date
1898-07-08
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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62. Jahrgang. Ar. 27. Gerlin, 8. Juli 1898. Dev Gemetn-rbote. Vertage zur „Mtgemernen Zeitung öes Iuöenlyums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. g. Berlin,4.Juli. Die Stadtverordnetenversammlung hat in ihrer letzten Sitzung ihre Zustimmung zur Annahme eines Legats von 10 000 Mark erklärt, welches der am 25. v. M. Hierselbst verstorbene praktische Arzt Dr. med. Alexander Fürst der Stadt Berlin hinterlassen hat. Dr. Fürst, der früher Arzt in Memel war und dort als Vorstandsmitglied des jüdischen Hilfskomitees für russische Israeliten nicht nur bei unseren Glaubensgenossen ein segensreiches Andenken hinterlassen hat, bestimmte letztwillig 5000 Mark für das städtische Obdach in der Fröbelstraße sowie 5000 Mark für Schulkinder der hiesigen Gemeindeschulen, die bei Klassen-Spaziergängen für die ärmeren Kinder zu verwenden sind. Herr Dr. Fürst, der auch für wohlthätige Zwecke innerhalb unserer Glaubensgemeinschaft stets eine offene Hand hatte, war ein Mann von echter Humanität und ein hervorragend tüchtiger Arzt. Sein Andenken wird ein gesegnetes bleiben. Berlin, 3. Juli. Der Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens hielt am 28. v. Mts. eine außerordentliche Generalversammlung ab. Zu Beginn der Sitzung konnte der Vorsitzende den Mitgliedern die erfreuliche Mittheilung machen, daß das kürzlich veranstaltete Sommerfest einen Ueberschuß von cirka 800 Mark ergeben habe. Bei den Ergänzungswählen zum Vorstand wurde Sattlermeister Hecht zum ersten Schriftführer, Herr Brasch zum Kassirer, Herr Ascher zum Revisor ernannt. Der Hauptberathungsgegenstand der Generalversammlung, die Gründung einer Krankenunterstützungskasse, fand seine Erledigung in negativem Sinne. Ueber die Nothwendigkeit einer derartigen Institution war man auf allen Seilen einig. Jedoch konnte man sich vorläufig noch nicht entschließen, mit der Gründung der Kasse vorzugehen, da die, wenn auch nichts weniger als ungünstigen, so doch noch immer verhältnißmäßig bescheidenen pekuniären Verhältnisse des Vereins eine derartige Einrichtung einstweilen noch als zu gewagt erscheinen ließen. Es wurde jedoch der begründeten Hoffnung Ausdruck gegeben, daß in nicht allzu ferner Zeit der Verein sich derart gehoben haben würde, daß die Krankenunterstützung alsdann in den Kreis seiner Aufgaben hineingezogen werden könne. F. Berlin, 3. Juli. Die galizischen Unruhen gegen unsere Glaubensgenossen finden in der Berliner Tagespresse, mit Ausnahme eines Antisemitenblattes, die eingehendste Mißbilligung. Ein anderes Lokalblatt hat sogar einen Spezialberichterstatter an den Schauplatz der Unruhen geschickt, der in seinem letzten Briefe folgenden Fall mittheilt, der die Bigotterie der galizischen Juden illustriren soll, in Wirklichkeit aber beweist, daß der Korrespondent Dinge heranzieht, von denen er nur eine unvollkommene Kenntniß hat. Wir citiren wörtlich Folgendes: „Die Bauern betreiben durchgehends Kleinwirthschaft, während die Chasfidim und ihre Rabbiner vom Bettel leben, von den Almosen, die ihnen die gläubige Menge spendet. Wenn einem frommen Juden irgend etwas unterläuft, was er mit seinen Begriffen von Frömmigkeit nicht in Einklang bringen kann, dann wendet er stch an den Chasfidim- Rabbi, daß dieser ihm aus den heiligen Büchern Aufklärung biete. Dieser Rathschlag wird honorirt; das Honorar variirt zwischen 10 Kreuzern und 1 Gulden. Zur Jllustrirung folgender Fall: Eine fromme Jüdin kauft aus dem Markte von einem Bauern ein Huhn. Dieses ist, weil es vom Christen stammt, „unrein". Sie bringt es nun nach Haus, und da will es der Zufall, daß es in eine Schüssel geräth, die „milchig" ist" ... u. s. w. So macht sich hier ein frommer Katholik, wie unser Korrespondent, über Gebräuche, die er falsch wiedergiebt, und über den Rabbiner, den er einen „schlauen Menschen" nennt, lustig und trägt, wohl ohne es zu wollen, zur Vermehrung jenes Hasses bei, der die Unruhen hervorgerufen. £2 Berlin, 4. Juli. Nach den Wahlen pflegt man auf verschiedene Vorgänge zurückzukommen, die stch vor oder während dieser Zeit abgespielt haben, und die damals nicht genügend beachtet wurden. Ein solcher Vorgang spielte sich auch in einer hiesigen freisinnigen Wählern Versammlung ab, wo ein Redner darauf aufmerksam machte, daß von der Sozialdemokratie beabsichtigt sein sollte, im letzten Augenblick ein Flugblatt zu verbreiten und darin dem Kandidaten Schulinspektor Dr. Zwick den falschen Vorwurf zu machen, daß er gegen die Anstellung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen an den Schulen gewirkt habe. Rechtsanwalt Cassel nahm alsbald Veranlassung, einen solchen Borwurf als eine empörende Unwahrheit und Verleumdung entschieden zurückzuweisen und die Ueberzeugung auszusprechen, daß eine solche dreiste Spekulation, wenn sie versucht werden sollte, elend mißglücken würde. Damit war der Zwischenfall beendet. Das Flugblatt ist nicht erschienen. Aber es wäre doch, da Dr. Zwick gewählt wurde, heute doppelt interessant, aus zuverlässiger Quelle etwas darüber zu erfahren, ob sich die Sozialdemokraten jene Nachricht wirklich nur „aus den Fingern gesogen haben". Lp. Aus der Provinz Posen, im Juli. Die israelitische Volksschule in Schrimm ist, nachdem der bisherige erste Lehrer, Neufeld, am 1. d. M. in den Ruhestand getreten ist, in eine einklassige Anstalt umgewandelt worden. — Der Kantor Auerbach in Witkowo ist in gleicher Eigenschaft in die Synagogengemeinde Schmiegel berufen worden. — Die israelitische Firma Herzfeld u. Victorius in Graudenz hat in hochherziger Weise 50 000 Mark zur Versorgung ihrer alten Arbeiter gestiftet. — Die Herren Fabrikbesitzer A. Goldfarb, I. Hoffmann, Z. Fabian, L. Arens und D. Blau in Pr. Stargard sind zu Repräsentanten der dortigen Synagogengemeinde und zu deren Stellvertretern die Herren M. Prinz, M. Mendelsohn und Lewinnek gewählt worden. Das Repräsentantenkollegium hat den Kaufmann A. Meyer zum Gemeindevorsteher neugewählt. — Die israelitische Gemeinde in Wreschen beabsichtigt den Bau einer größeren Leichenhalle auf dem dortigen Friedhof, der kürzlich auch mit einer massiven Mauer umfriedet worden ist. — Kürzlich starb in Bad Wildungen der Tischlermeister Adolf Wohl aus Kattowitz. Derselbe, ein wackeres Mitglied der Synagogengemeinde daselbst, hat die Feldzüge 1864, 1866 und 1870/71 mitgemacht. — Zwei Maurer aus Schlesien, nämlich ein Vater mit seinem Sohn, Namens Russin, störten kürzlich in Witkowo in angetrunkenem Zustand den Gottesdienst in der Synagoge dortselbst. Hierfür wurden sie von der Strafkammer zu Gnesen zu je zwei Wochen Gefängniß verurtheilt. N. Breslau, 4. Juli. Wie bereits gemeldet, verschied am 25. v. M. völlig unerwartet an der Stätte, wo er geboren und gewirkt, der berühmte Botaniker und Direktor des Pflanzenphysiologischen Instituts Geh. Regierungsrath Prof. Dr. Ferdinand Cohn, Ehrenbürger der Stadt Breslau. Selten hat wohl der Tod eines Gelehrten so tiefe Trauer erweckt wie das Hinscheiden dieses bahnbrechenden Forschers. An seiner Bahre trauern mit der tiefgebeugten Gattin die gesummte gebildete Welt, trauern Stadt und Universität Breslau, zahlreiche Schüler und nicht zuletzt das Judenthum, das ihn mit Stolz einen seiner größten Söhne nennen durfte. Die wissenschaftlichen Leistungen Ferdinand Cohns gebührend zu würdigen, kann nicht unsere Aufgabe sein. Hervorheben' wollen wir nur, daß aus dem von ihm geleiteten Pflanzenphysiologischen Institute, dessen Gründung sein Verdienst ist, zahlreiche wichtige Arbeiten auf morphologischem und biologischem Gebiete hervorgegangen find, daß er im Reiche der Pilze und Algen wie selten Einer Meister war, und daß zu dem Spezialgebiete seiner Forschungen auch die Orchideen gehörten. Die größte wissenschaftliche Bedeutung hat er aber durch seine großartigen Untersuchungen auf bakteriologischem Gebiete errungen. Er erkannte zuerst, daß die Bakterien eine selbständige Pflanzengruppe darstellen, und bahnte als der Erste eine schärfere Umgrenzung der Arten und Gattungen sowie eine wissenschaftliche Eintheilung der ganzen Gruppe an; er war der Vater der Bakterienkunde,

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