Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 27 (8.7.1898)
- Date
- 1898-07-08
- Page
- Seite 321 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- 321 daß die reichen Juden von Europa ihre Brüder vollständig vernachlässigten, daß Schulen unbedingt nöthig seien, und daß sein kaiserlicher Herr sowohl wie die öffentliche Meinung jede Anstrengung in dieser Richtung herzlich willkommen heißen und unterstützen würden". Hier möchte ich anknüpfen und auf den Jahresbericht der Alliance Israelite Universelle von 1897, der in den nächsten Wochen in der deutschen Ausgabe von hier aus versandt werden wird. Hinweisen. Seite 78 dieses Berichts beginnt ein Kapitel über: „Die Israeliten von Persien". Das Jahr 1897 war für unsere persischen Glaubensgenoffen ein sehr trauriges. Fanatische und ehrgeizige Priester hatten das Volk aufgehetzt und zu Plünderungen und Abschlachtungen Anlaß gegeben. Unter dem 17. Mai 1897 erhielt das Central-Komitee in Paris aus Teheran einen Bericht, dem wir folgende traurige Thatsachen entnehmen. Ein fanatischer Priester, Seyed Rihan Allah, hatte es fertig gebracht, den Pöbel gegen die Juden aufzustacheln und die Rouelle, den beschimpfenden Stofflappen, wie im Mittelalter, den Juden aufzudrängen und sie zu zwingen, sich anders als die Perser zu kleiden. Am 16. Mai 1897 belagerten zehn schiitische Priester auf Befehl Seyed Rihans das jüdische Viertel, und wehe Dem, der nicht das Abzeichen trug, oder der die Haare nach Art der Perser geschnitten hatte. Mehrere Juden mußten zum Islam übertreten, um den Qualen und dem Schimpf, den das Abzeichen verursachte, zu entgehen, denn die Folgen des rothen Lappens sind verhängnißvoll. Bis jetzt verdankten mehrere der besten Israeliten der Gemeinde in Teheran ihre gute Behandlung von Seiten der muselmännischen Bevölkerung dem Umstande, daß sie ebenso wie diese gekleidet gingen und infolgedeffen vom niederen Volke nicht erkannt werden konnten. Ein gleiches Schreiben erhielt das C.-K. aus Bagdad. Das C.-K. hatte sich an das Ministerium des Aeußeren in Paris gewandt mit der Bitte, die Angelegenheit dem französischen Vertreter in Teheran mitzutheilen, der auf Abhilfe dringen solle. Daffelbe that die Anglo Jewish Association in London, die sich an das Foreign office wandte. Beide Ministerien des Auswärtigen versprachen, ihren Einfluß zu Gunsten der persischen Juden geltend machen zu wollen. In der That scheint folgender Erlaß die Folge der Bemühungen Jener zu sein. Die persische Regierung hat infolge der an den Juden begangenen Grausamkeiten folgenden Erlaß veröffentlicht: „Se. Majestät der Schah, für den wir uns alle hingeben müffen, und besten Gesetzen sämmtliche Gouverneure der Provinzen des Iwan unterthan sind, macht durch folgenden Erlaß seinen Willen kund: Damit die verschiedenen Völker, welche unter dem Szepter Se. Majestät stehen, unter einander in Frieden leben, wird den Muselmännern anbefohlen, ihre Verfolgungen gegen die Juden aufzugeben und ihnen kein Unterscheidungsabzeichen aufzudrängen. Alle Diejenigen, welche unsere nicht-muhammedanischen Unterthanen mißhandeln oder Unterschiede zwischen ihnen und den Anderen Herstellen wollen, werden strengstens bestraft. Alle Gouverneure sind verpflichtet, diesen Erlaß der höchsten Gewalt zu publiziren, damit ein Jeder sich in den Grenzen des Rechts halte. Es möge sich ein Jeder gutwillig dem Allerhöchsten Willen des Schahs unterwerfen." Auf diesen Erlaß hat das Central- Komitee folgendes Telegramm an den Schah abgesandt: „An Se. Kaiserliche Majestät den Schahin-Schah von ganz Persien in Teheran. Die Alliance Israelite Universelle, welche die Israeliten Europas und Amerikas vertritt, macht es sich zur unterthänigsten Pflicht, Ew. Majestät ihren tiefgefühlten Dank auszusprechen für den hohen Schutz, den Ew. Majestät Ihren israelitischen Unterthanen angedeihen läßt. Sie dankt namentlich Ew. Majestät für die Maßnahmen, welche dieselbe getroffen, um die Sicherheit und Ruhe der Juden zu sichern und sie von den beschämenden Unterscheidungszeichen zu befreien, welches mit dem Allerhöchsten Wohlwollen, das Ew. Majestät seit Ihrer Thronbesteigung allen Ihren Unterthanen ohne Unterschied der Raffe und Religion erweist, in Widerspruch steht." Der kaiserliche Erlaß hatte leider geringen Erfolg. Der Fanatiker Rihan Allah hatte trotzdem auch die übrigen Städte neben Teheran verhetzt, so daß in Hamadan, Kirmoneha und Schiras Israeliten gemordet und drei Synagogen in Brand gesetzt wurden. Seitens des Central-Komitees unter Mithilfe der Frau Baronin Hirsch und der Herren v. Rothschild sind bedeutende materielle Unterstützungen an die israelitischen Gemeinden in Persien abgegangen, um wenigstens den dringendsten Bedürfnissen abzuhelfen. Um aber den dortigen unglücklichen Brüdern für die Dauer zu helfen, beabsichtigt die Alliance, in Persien Schulen zu gründen. Im Monat April hat die Alliance Herrn Joseph Cazes, einen der vorzüglichsten Lehrer der Alliance-Schulen, nach Teheran geschickt, um die erste Schule dort zu eröffnen. Das Central-Komitee hat sich besten vergewissert, daß die Schule auf das Wohlwollen der Regierung rechnen kann und des Schutzes der französischen und englischen Gesandtschaft sicher ist. Am 14. Januar 1898 hat das Central-Komitee der Alliance an den General Najar Aga, den Generalbevollmächtigten Persiens in Frankreich, folgendes Schreiben gerichtet: „Herr Minister! Unser Sekretär hat Sie mit unserer Absicht bekannt gemacht, in Teheran eine Schule für israelitische Kinder zu eröffnen. Sie sind dieser Mittheilung mit besonderer Sympathie entgegengekommen und sprachen die Ueberzeugung aus, daß dieses Unternehmen die Wohlthaten des Unterrichts der jüdischen Bevölkerung zukommen lassen würde. Die Regierung S. M. des Schahs war den Israeliten stets wohlwollend gesinnt; sie hat dieselben gegen Exzesse und Gewalt geschützt, und die Gesinnungen von Gerechtigkeit und Duldsamkeit, welche S. M. beherrschen, lasten uns hoffen, daß die Behörden das Fortschritts- und Wohlthätigkeitswerk, das wir projektiren, unterstützen werden. Wir sind uns bewußt, Persien selbst einen Dienst zu leisten, wenn wir die israelitischen Kinder aus der Unwiffenheit ziehen und sie ein Gewerbe lernen lassen und dadurch nützliche, fleißige und S. M. dem Schah ergebene Unterthanen aus ihnen machen. Dieser Gedanke berechtigt uns, das Wohlwollen und den Schutz der Regierung zu Gunsten unseres humanen Kulturwerkes zu erbitten." Indem die Alliance durch die Gründung von Schulen in Persien einzieht, wird sie dort, wie in Tunis, Marokko, der Türkei und anderen Ländern, einen fruchtbaren und civilisatorischenMnfluß ausüben, der eine seit Jahrhunderten gedrückte Bevölkerung aus der Tiefe der Unwiffenheit und Unkultur emporhebt zur Höhe einer menschenwürdigen Existenz. Unsere persischen Glaubensgenossen erfahren an sich das schöne Wort der Estherrolle n^Xffi ITH "HX Dlpöö D1TliT,i? TlöJJ1’ Darum möge an dieser Stelle wiederum die Alliance alle unsere Glaubensgenoffen in allen fünf Welttheilen warm empfohlen sein. In den nächsten Wochen beginnt der Versand der deutschen Jahresberichte, nahezu 20 000 Exemplare, von hier aus nach allen Gegenden und Ländern. Sie erzählen, daß alljährlich 20000 jüdische Kinder gründlichen Unterricht in Religion und allen profanen Fächern erhalten, daß 7—800 Knaben und Mädchen ein Handwerk erlernen. Diese große Kulturarbeit allein sollte jeden Israeliten bestimmen, sich dem größten jüdischen Bruderbund der Welt anzuschließen und ihm als Mitglied eine moralische und materielle Stütze zu gewähren; lautet doch das Motto der Alliance nn nt nnnr!?x-hp’ Sd-