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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-07-08 · Heft 27 (8.7.1898) · p. Seite 320

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 27 (8.7.1898)
Date
1898-07-08
Page
Seite 320 (sequence 8)
Language
German
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-- 320 - und der ganze diplomatische Apparat würde aufgeboten werden, um sie zu schützen. — Hier aber, Alles schweigt, es schweigen unser- Großen, es schweigen die Rappaport, die Byk, die Piepes, die Tittinger, und der armen Leute Blut wird vergossen, ihr Hab und Gut wird geplündert, gestoßen werden sie von Haus und Hof, und ihre Lehmhütten werden in Brand gesteckt. Keine Hand regt sich zu ihrem Schutze. Die Rabbiner halten keine schönen Reden, die galizischey Abgeordneten fahren in See- und andere Bäder, die patentirten Volksbeschützer ziehen sich hinter schöne Redensarten zurück, die Zeitungen erzählen Mordgeschichten, und die von jüdischen Redakteuren geleitete „Arbeiter-Zeitung" begnügt sich, ein wenig zu schimpfen. Aber helfen, wer wird den Armen helfen? Wann wird den Mordbrennern das Handwerk gelegt werden? Leben wir im Mittelalter? Ist das Märchen von der Brunnenvergiftung auch heute noch im Stande, Leben und Gut von schutzlosen, armen Leuten zu gefährden? Sind die Rindfleisch und Armleder wieder auferstanden? Wer ist der Haman, der es heute wagt, ein ganzes Volk der Vernichtung preis zu geben? Man nennt ihn P. Stolajowsky. Der soll die Bauernbevölkerung gegen die Juden gehetzt haben, er soll an dem Unglück Tausender schuld sein. Der Schlachzize beutet das Volk aus, läßt es roboten, giebt ihm nichts zu essen, und der armselige galizische Jude, welcher die ganze Woche lang von Brod und Zwiebeln lebt, muß es büßen. Die jüdischen Abgeordneten Galiziens aber, die Fabrikanten und Millionäre und Advokaten, sitzen im Polenklub, schweifwedeln vor dem Herrn von Jaworsky, und Keiner von ihnen findet den Muth, die Sache seines Volkes zu vertreten, denn sie fürchten alle für ihr Mandat, ihnen ist es um ihre Person zu thun, mag das arme Volk leiden und sich in seinen Schmerzen krümmen; und so sehen wir wieder die schon hundertfach bestätigte Thatsache von Neuem erhärtet, daß wir Juden keinen Annehmer haben, keinen Beschützer, keinen Vertreter, „auf wen sollen wir uns stützen, wenn nicht auf den Vater im Himmel?" — Der Vater oben, er war zu jeder Zeit unsere Stütze, und doch, er steigt nicht vom Himmel; hilf dir selbst, und Gott wird dir helfen. Ein altes, abgetragenes Sprichwort, aber welche Fülle von Wahrheit enthält es! Was uns Juden fehlt, das ist die straffe Organisation, das ist das feste Zusammenhalten. Ob Würstchen „koscher" sind oder nicht, kann ganze Judengemeinden in Aufruhr versetzen, ob ein Gemeindemitglied mehr oder weniger Steuer zu zahlen hat, kann „Vorsteher" in helle Wuth bringen, ob der Rabbiner mit oder ohne Talar fungiren soll, kann Revolutionen in Gemeinden erwecken, wenn aber unsere armen Brüder in Noth gerathen, wenn die Meute der Mordbrenner gegen sie gehetzt wird, dann schweigen wir, dann fürchten wir uns, der Eine wegen seines Ordens, der Andere, um ja nicht seinem hochmächtigen Freunde auf den Fuß zu treten, der Dritte verbirgt sich aus Gleichgiltigkeit und der Vierte aus reiner Selbstsucht. Da wollen sie Konsistorien gründen, um Rabbinern die Bestätigung zu geben oder zu verweigern, um bei Festlichkeiten mit seidenem Talare und Bäffchen zu paradiren und sich Auszeichnungen zu ergattern, was uns aber noth thut: ein strammes Zusammenstehen, eine Obsorge zu treffen für eine wahre, aufrichtige Vertretung des Volkes, um für dieses zu wirken, wenn es in Noth geräth, um es zu vertheidigen nach oben und nach unten, das haben wir noch nicht zu Stande gebracht, und doch sind 50 Jahre schon verfloffen, seitdem man auch uns die Menschenrechte zuerkannt. Sehen es unsere berufenen Führer noch nicht ein, sind ihre Augen noch zu „klebrig", um es zu bemerken, daß es heute um höhere Dinge im Judenthum sich handelt als um „Koscher" und „Terepha"? Ist das Judenthum noch eine Ghettoreligion, oder ist es nicht hoch an der Zeit, sich daran zu erinnern, daß es sich jetzt um Sein oder Nichtsein handelt? Uns aber fehlen Männer, welche dieses Dornröschen, genannt Judenthum, aus seinem Schlafe erwecken. Da zanken und streiten wir im eigenen Lager, beschimpfen und verhöhnen einander, laufen jedem Modepopanz nach, und inzwischen plündert und raubt der verthierte Pöbel in den armseligen Hütten verlassener Brüder, welche, von bleicher Angst und Verzweiflung aufgescheucht und gejagt, mit Weib und Kind dem Elende preisgegeben werden. „Wo es an Männern fehlt, mühe dich, ein Mann zu sein", sagte einst ein Weiser, und „nicht leeres Studiren ist die Hauptsache, sondern die That" ein Anderer. Alle diese Sprüchlein sprechen wir oft mit Andacht nach, aber wir befolgen sie nicht. Wir alle laufen nur dem Schein nach, dem Leeren und Eitlen strömen wir zu, und die That vergessen wir. Man wird für die Armen Galiziens sammeln, man wird ihnen die Brosamen hinwerfen vom Tische der Reichen — und es wird wieder beim Alten bleiben. Die Wohlthaten werden vielleicht nicht einmal den Würdigen und wahrhaft Bedrängten zu gute kommen, aber die „jüdische Wohlthätigkeit" irgend eines unserer Millionäre wird im glänzenden Lichte leuchten, und die geschwätzigen Zeitungen werden sie in die Welt Hinausposaunen. Das alte Erbübel aber unseres Stammes wird deshalb doch nicht behoben werden. Wir werden uns weiter zanken, wir werden weiter eifersüchtig sein auf einander, Rabbiner und Vorsteher werden auch weiterhin ihre Hahnenkämpfe ausfechten — und das Judenthum wird weiter zu Grunde gehen. Aber kein beherzter Mann wird sich finden, der endlich die „klugen" Juden erweckt, sie belehrt, für ihre Sache zu kämpfen, ihren Streit selbst zu führen. Niemand wird auferstehen, der sie ermahnt, daran zu denken, die alten Uebel endlich auszumerzen, zusammenzuhalten, und Einer für Alle und Alle für Einen einzustehen. Die Flammen von Neu-Sandec beleuchten schrecklich das Dunkel, das uns umgiebt. Auch die Pharisäer und Sadducäer haben sich so lange blutig geschlagen, bis der Römer die Brandfackel ins Heiligthum warf, und der Feuerschein des brennenden Tempels als furchtbare Warnung Juda ermahnte, dem inneren Zwiste ein Ende zu machen und für seine Zukunft zu sorgen. Die traurigen Erinnerungstage des Tamus und Ab und die blutigen Szenen, die sich in den Orten Westgaliziens abspielen, sie vereinigen sich zu einer laut mahnenden Stimme, die ihren Widerhall finden soll in den Herzen Aller, die sich nicht nur Juden nennen, sondern auch als solche fühlen. — Möge diese wuchtige Stimme nicht leer verhallen! — Iwri. Pit Juden in Persien. Bon Rabbiner Dr. A. Frank in Köln. (cSfilie „Zeitung des Judenthums" brachte in ihrer Nr. 25 JSÖgjj einen Aufsatz aus der Feder des Generals Sir Thomas ~ Gordon über unsere Glaubensgenoffen in Persien. Im Verlaufe der Betrachtung meinte der Verfasser, daß „die Zeit für die reichen Juden von Europa gekommen sei, den Ueberbleibseln ihrer Raffe in Persien, die noch dem Glauben ihrer Väter treu geblieben sind, zu Hilfe zu kommen. Der Premierminister in Teheran hat im vorigen Jahr zwei jüdischen englischen Herren, die dorthin gefahren waren, um für sich selbst die Lage ihrer Glaubensgenossen zu studiren, gesagt, daß die Lage der Juden sich viel verbessern würde, wenn sie besser erzogen würden; und der Gouverneur von Teheran warf ihnen bei der ihnen gewährten Audienz vor

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