Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 27 (8.7.1898)
- Date
- 1898-07-08
- Page
- Seite 319 (sequence 7)
- Language
- German
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w*rsr: 5SWSH5 319 wenn wir schweigend zusehen. Die großen Gemeinden, die Begüterten unter den Israeliten, die Gesammtheit müssen zusammenstehen, um die Zukunft unserer israelitischen Jugend besser zu gestalten. Die Abwehr gegen unsere Feinde allein bessert nichts; Kampf gegen Gleichgiltigkeit in unseren eigenen Reihen, Vorsorge für die Zukunft durch Herbeiführung des Ueberganges zur Industrie, zur Landwirthschaft und anderen produktiven Berufszweigen, Hand in Hand daniit Erziehung der Jugend durch Religionsunterricht, das sind dringende Aufgaben! Wir deutschen Juden haben noch viel für uns selbst zu thun, ehe wir Anderen gute Rathschläge ertheilen dürfen; wir müssen mit dem alten Rothschild sagen: „Wir haben nicht zu prangen." Eine Besserungsanstalt. Bon Rabbiner Dr. L. Rofenak in Bremen. t ereits im vorigen Jahre habe ich, nachdem ein spezieller Fall mich darauf hingewiesen, Veranlasiung genommen, die Aufmerksamkeit der geschätzten Leser dieser Zeitung auf den Mangel einer Besserungsanstalt für sittlich verkommene jüdische Mädchen zu lenken. Mit freudiger Genugthuung konnte ich es damals hervorheben, daß der Vorsitzende des hiesigen Magdalenen-Vereins, Herr Pastor Kayser, mir hilfreiche Hand geboten hat, ein jüdisches Mädchen in einem Privathause in der Provinz unterzubringen, weil zu befürchten war, daß das Mädchen sonst, da ihm die elterliche Erziehung abgeht, ganz und gar verkommen würde. So sehr ich mich seinerzeit auch bemühte, es konnte mir durchaus nicht gelingen, eine ähnliche jüdische Anstalt ausfindig zu machen, wie der hiesige Magdalenen - Verein solche unterhält, die ausschließlich nur dem Zwecke dienen, sittlich verwahrloste Mädchen zu, bessern und sie der menschlichen Gesellschaft wieder zurück zu erobern. In den meisten Fällen gelingt dies auch, mit Ausnahme Derjenigen, die vom Verein aus in Privathäusern untergebracht werden. Dies geschah zunächst bei einem jüdischen Mädchen, welches aus naheliegenden Gründen im Asyl nicht untergebracht werden konnte, denn es ist, wie in dem letzten Jahresbericht hervorgehoben wird, ein Grundsatz des Vereins, bei der Hilfeleistung die Konfession nicht anzusehen, aber doch die Hilfe derselben anzupaffen. So wurde denn das in Rede stehende Mädchen, das tief gesunken war und von der Polizei dem Verein zugeführt wurde, in einem israelitischen Privathause untergebracht, weil kein dieser Religion angehöriges Asyl bis jetzt vorhanden ist. Ob dieser Weg zum erwünschten Ziele führt, muß sich zeigen. Wir, so schreibt Herr Pastor Kayser in seinem Bericht, zweifeln daran nach unseren bisherigen Erfahrungen. Die Mädchen sind meistens körperlich und geistig in einer Verfassung, daß nur das Anstaltsleben helfen kann. Dieses bietet in seiner strengen Zucht das Mittel, die niederen Triebe der Faulheit und Sinnlichkeit im Zaum zu halten und zugleich durch Pflege des religiösen Lebens die sittlichen Kräfte zu stärken. Jedenfalls kann im geordneten Anstaltsleben systematischer auf dieses Ziel hingearbeitet werden. Auch sind in der Anstalt die Pfleglinge vor der Versuchung geschützter als in einem Privathause. Was nun hier von einer evangelischen Anstalt gesagt wird, dasselbe gilt natürlich auch von einer jüdischen. Seit zwei Jahren hat der hiesige Magdalenen-Verein für ein jüdisches Mädchen materielle Opfer gebracht. Dabei „geht der Verein, wie es im Jahresbericht heißt, stets Hand in Hand mit dem Seelsorger, dessen Religion oder Konfession das Mädchen angehört, also in diesem Falle mit dem israelitischen Rabbiner". Etwa 400 Mark sind seit dieser Zeit für dieses Mädchen an Verpflegung und sonstigen Kosten ausgegeben worden, zu welcher Summe der Magdalenen-Verein ^/z und die jüdische Armenkasse Vs beisteuerten. Und doch, trotzdem das Mädchen in sehr guten Händen war und unter Aufsicht eines vorzüglichen Pädagogen stand, scheint alle Mühe umsonst und das Geld vergebens ausgegeben zu sein! Das könnte man vielleicht nicht sagen, wenn das Mädchen eine solch lange Zeit in einer jüdischen Anstalt gewesen wäre. Ich könnte noch mehrere ähnliche Beispiele anführen, aber dieses eine beiveist ja auch schon zur Genüge, wie viel Gutes durch die Errichtung einer solchen Anstalt gestiftet werden könnte. Man wird wohl einwenden, wie dies mir gegenüber schon oft geschehen ist, wir hätten es Gott Lob nicht nöthig, eine solche Anstalt zu errichten, da es ja selten oder gar keine jüdische Mädchen giebt, die so sittlich verkommen sind, daß sie eine derartige Anstalt nothwendig erscheinen ließen. Nun, man könnte wünschen, daß dem so wäre. Leider aber ist dies nur Selbsttäuschung, in die man sich um so lieber hineinlebt, als diese dem innersten Wunsche entspricht. Vielmehr bin ich fest überzeugt, daß eine solche Anstalt einem thatsächlichen Bedürfnisse entsprechen und daß die vielbewährte jüdische Wohlthätigkeit auf diesem Gebiete ein reiches Feld zur segensreichen Bethätigung finden würde. Brief aus Oesterreich. Juli 1898. ie jüdische Vorstadt von Neu - Sandec steht in Flammen. Sämmtliche Wirthshäuser und die Häuser der jüdischen Bevölkerung im zweimaligen Umkreise wurden geplündert, vier Bataillone und zwei Eskadronen konnten bisher die Ruhe nicht Herstellen. Das ist die neueste Nachricht vom galizischen Kriegsschauplatz. So steht es in einer Provinz des Rechtsstaates Oesterreich im Jubiläumsjahre aus. Arme Leute werden ihrer dürftigen Habe beraubt, elende Hütten werden geplündert, es wird gebrannt und gestohlen, und alledem sehen die Behörden mit einer sträflichen Lauheit zu, ohnmächtig erweist sich das Militär, das gewöhnlich auf dem Schauplatz aller jener Schandthaten erst ankommt, wenn die armen Teufel vollständig ausgeraubt und an den Bettelstab gebracht sind. — So weit haben wir es glücklich gebracht. In ganz Westgalizien herrscht Heller Aufruhr, und die gehetzten Bauern fallen über wehrlose Juden her, plündern und rauben, und die Regierung eriveist sich ohnmächtig, diesem Bürgerkrieg zu steuern, Ordnung zu schaffen und friedliche Leute zu schützen. — Wo bist du aber auch, großmäulige Sozialdemokratie, mit dem großen Daszynsky an der Spitze, du Schützerin der Elenden und Unterdrückten? Diese armen Teufel verdienen doch wahrlich den Schutz der Mächtigen. Sie haben ja auch für die Sozialdemokraten die Kastanien aus dem Feuer geholt, sie sind ja wacker zur Wahlurne geschritten, da es galt, ihren Kandidaten zum Siege zu verhelfen, und jetzt überläßt man diese Aermsten der Armen ihrer Pein und Noth — es sind ja nur Juden, und die Sozialdemokratie ist wahrlich keine Judenschutztruppe. Wird der prahlerische Daszynsky, der ehemalige Schlachzize, noch Witze über die Juden machen, daß sie sich als Nation fühlen? Aber wir Juden sind alles Mögliche — nur keine Juden. Würde man es wagen, gegen ein paar muhammedanische Bosniaken in ähnlicher Weise vorzugehen wie gegen diese galizischen Juden, welch ein Geschrei würde sich erheben,