Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 27 (8.7.1898)
- Date
- 1898-07-08
- Page
- Seite 318 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228285--54721-3290879- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wenn Clsmenceau Klage führt: „Die großen Juden finden, daß alles wohlbestellt ift. Ihre einzige Angst wäre, sich in einer Angelegenheit bloßzustellen, in der sie ihrer Schätzung nach zu viel aufs Spiel setzen würden," ist es etwa bei uns anders? Wieviel Jahre hat bei uns der neuerwachte Haß und die Verfolgungssucht gewüthet, ehe wir uns zur Abwehr zusammenthaten? Wie Viele stehen den Bestrebungen zur Wahrung unserer Rechte und unserer gesellschaftlichen Stellung noch heute fern und entschuldigen sich mit dem freilich nicht kostspieligen Pessimismus, daß es ja doch nichts nütze! Wie viele bleiben kühl, so lange der Haß in anderen Städten und Kreisen wüthet, und erwachen erst dann, wenn sie auf ihrem eigenen Rücken die Schläge spüren! — Aber der Schutz unserer staatsbürgerlichen Stellung ist nur ein ganz geringer Theil der Pflichten, welche unserer Glaubensgemeinschaft heute obliegen. Jahrzehnte hindurch haben wir leider sehr wenig für die gesammten Interessen des deutschen Judenthums gethan. Wir haben geschlummert und alles gehen lassen, wie es ging. Seit vielen Jahren entwickeln sich die Dinge dergestalt, daß weite Kreise unserer Glaubensgenossen, namentlich der Bevölkerung der kleineren Städte und der Dörfer, in ihrer Existenz vollkommen bedroht sind. Haben wir dagegen Vorsorge getroffen? Immer mehr strömen sie vom Lande in die größeren Städte, weil sie sich draußen nicht mehr ernähren können. Und es beginnt die Roth dringend an die Thore unserer Wohlthätigkeitsanstalten zu pochen, schon jetzt in einem Umfang, daß kaum zu helfen ist. Wie soll es erst in der Zukunft werden? Gebieterisch verlangen die Verhältnisse, daß neue Berufszweige rechtzeitig eröffnet werden, damit die jüdische Bevölkerung in friedlichem Verkehr mit der christlichen einen rechtlichen Lebenserwerb finde. Handwerk, Industrie, Landwirthschaft, Betheiligung an der Fabrikarbeit, am Eisenbahndienst rc. wird zweifellos in einem Menschenalter von jüdischen Kreisen in einem weit uckfaffenderen Maße gepflegt werden müssen, als es gegenwärtig geschieht. Treffen wir nun etwa rechtzeitig genügende Veranstaltungen, um die künftigen Generationen hierzu geeignet zu machen? Bekehren wir fortgesetzt die Eltern, ihre Kinder solchen neuen Berufszweigen zuzuführen, um sie vor dem wirthschaftlichen Ruin zu schützen? Wohl widmen sich einige Wenige fortgesetzt der Hebung und Ausgestaltung der israelitischen Handwerkervereine, neuerdings nimmt man auch, nur leider in zu geringen! Umfang, die Gründung und Erhaltung von Gartenbau- und Landwirthschaftsschulen in Angriff, man fängt an. der Einführung des Handfertigkeitsunterrichts in jüdische Schulen weitere Aufmerksamkeit zuzuwenden, um schon in frühester Zeit manuelle Geschicklichkeit bei unseren Kindern zu fördern. Was aber können Einzelne bei solchen weitgreifenden großen Aufgaben erreichen, wenn die große Masse des Mittelstandes solchen Zielen verständnißlos und kühl gegenübersteht, und wenn unsere reichen Glaubensgenossen, die übrigens viel spärlicher gesät sind, als man gemeinhin glaubt, mit Ausnahme einer kleinen Anzahl bei allen guten Bestrebungen immer an der Spitze stehender gutwilliger und klarblickender Persönlichkeiten, nur ein platonisches Interesse für solche Wirksamkeit besitzen! Immerhin befaßt man sich doch jetzt mehr und mehr mit diesen Aufgaben; weit schlimmer aber ist die vollständige Gleichgiltigkeit des Mittelstandes und der großen Mehrheit unserer Wohlhabenden gegenüber den sittlichen Aufgaben des Judenthums. Der Unterricht in der jüdischen Religion hat sich von jeher seitens des Staates keiner Förderung und keines Schutzes erfreut,— er war Sache der jüdischen Gemeinde. Bei den christlichen Kindern war die Sorge für den Religionsunterricht die erste Aufgabe des Staates! Mit peinlicher Gewissenhaftigkeit war und wird bis zum heutigen Tage darüber gewacht,-daß kein christliches Kind ohne den Unterricht in seiner Religion aufwächst. Daß die jüdischen Kinder ein sittliches Fundament für das Leben in der Schule erhalten, kümmert den Staat nicht. So lange aber in den Schulen nicht ein allgemeiner, für alle Konfessionen gleicher Moralunterricht ertheilt wird, so lange die Religionslehre in der Schule derjenige Gegenstand ist, durch welchen ganz besonders, ja vielleicht ausschließlich auf die Ausbildung des Gemüths, der zartesten Saiten des menschlichen Herzens und der Kindesseele, hingearbeitet wird, so lange müssen wir darauf bestehen, daß auch unsere Kinder in der Religion, als einem der wesentlichsten Bestandtheile des Unterrichts, in den Schulen vorgebildet werden; sie entbehren sonst des vornehmsten Unterrichtsgebietes. Für die jüdischen Kinder war aber seit Jahrzehnten und ist noch jetzt in den meisten Fällen der Religionsunterricht nicht der wichtigste, sondern gerade der unwichtigste Theil der gesammten Schuldisziplinen. Eine sehr große Anzahl unserer Kinder wächst heran, ohne überhaupt jemals in den Grundlagen der Sittlichkeit unterrichtet worden zu sein! Es ist wahrlich nicht das geringste Zeichen für die sittliche Kraft, welche traditionell in unseren jüdischen Familien lebt, daß trotz einer häufig durchaus unzureichenden, vielfach aber gänzlich ausbleibenden systematischen sittlichen Vorbildung dennoch die breite Masse unserer jüdischen Gemeinschaft von den Grundsätzen der Moral durchdrungen blieb. Auch hier wirkt noch das Gesetz der „Vererbung", der Segen „bis ins tausendste Geschlecht für Diejenigen, welche meine Gebote üben", fort. Aber wir dürfen uns mit dieser Zuversicht nicht zufrieden geben! Die traditionellen Tugenden würden sich verflüchtigen, wenn nicht fortgesetzt auf die Erhaltung derselben hingearbeitet wird- Sorgt nicht nur für einen guten, tüchtigen systematischen Religions-Unterricht bei Euren eigenen Kindern; schaffet vielmehr die Möglichkeit, daß kein jüdisches Kind ohne Religionsunterricht aufwächst! Gebt den kleinen, in Dürftigkeit verkommenen Gemeinden die Mittel, daß sie, wenn auch nur in Gemeinschaft mit anderen Gemeinden, einen gut vorgebildeten Lehrer erhalten, der in würdiger Weise den Religionsunterricht der Kinder leitet. Alle Litteratur-Vereine, so viel Gutes sie wirken mögen, sind nicht ausreichend, um das Judenthum rein und klar in den Seelen zu erhalten; das Gemüth des Kindes muß von Liebe zum Judenthum, vom Verständniß desselben erfüllt werden, damit die Lehre Israels ein blühender, fruchtbarer, schutzbringender Baum für das Leben ihnen bleibe! Wo aber sind die Reichen, wenn es sich um solche Aufgaben handelt? Man glaubt schon seine Pflicht zu thun, wenn man allenfalls für das Wohl der eigenen großen Gemeinde, für deren Institutionen einigermaßen sorgt; was draußen vor den Thoren der Stadt geschieht, das kümmert uns nicht. Wollen wir zusehen, daß eine geistige und sittliche Noth in unseren kleinen Gemeinden überhand nimmt, die nicht nur eine Gefahr für sie, sondern für weite Kreise bilden würde? Wollen wir es mit ansehen, daß durch unser bequemes Stillestehen gegenüber der Noth auf dem Lande und in den kleinen Städten diese Gemeinden von Juden nach und nach entvölkert werden, und daß in den großen Städten ein Proletariat dann zusammenströmt, aus dessen Schooße weitgreifendes Elend erwachsen muß? Können wir uns über den Abfall wundern, wenn wir fast nichts dafür thun, daß unsere Kinder, die auch im Hause so wenig von Religionsübung sehen, unsere reine Glaubenslehre, unsere rühm- und schmerzensreiche Geschichte, unsere gottbegeisterte Litteratur kennen lernen! „Lehre deine Kinder, schärfe die Lehre Gottes ihnen ein," war die eifrigste Mahnung Moses. Das scheint bei uns vergessen zu sein! Aber es soll nicht vergessen bleiben. Wir thun unsere Pflicht nicht,