Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 27 (8.7.1898)
- Date
- 1898-07-08
- Page
- Seite 317 (sequence 5)
- Language
- German
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mm. 317 Nach der Neichstagswahl. Posen, 29. Juni. ie Epiloge, mit denen Berufene und Unberufene die Ergebnisse der Reichstagswahl vom 16. Juni begleiten, gehen im deutschen Osten weniger in der Prüfung der wirthschaftlich-politischen Bedeutung der Wahl auf als in der Würdigung ihrer „nationalen" Tragweite. Und vorweg sei es gesagt, daß in der ganzen diesmaligen Wahlbewegung die deutschnationale Gesinnung der Juden nicht bezweifelt wurde, daß dieses Mal der Wahlkampf nicht mit dem kleinlichen Mittel religiöser Verlästerung geführt wurde und daß im gesammten Osten der Antisemitismus als solcher auf den Gang der Wahlereignifse nicht den mindesten, auch nicht den allermindesten Einfluß auszuüben vermochte. Haben wir in diesen Erscheinungen auch nur eine Rückwirkung der Wahlkompromifse zwischen den verschiedenen deutschen Parteien zu erblicken, so darf doch nicht verkannt werden, daß die Zustände in den qu. Wahlkreisen sich bedeutend gebesiert haben müssen, wenn überhaupt Kompromisse auf so breiter Grundlage möglich waren. Wurden als Kompromiß-Kandidaten auch fast ausschließlich konservative resp. freikonservative Politiker aufgestellt, so konnten die jüdischen Wähler dieses Mal ihr nationales Empfinden um so leichter bethätigen, als sie — die Versprechungen der Kandidaten berücksichtigend — von diesen Abgeordneten nie eine Schmälerung ihrer staatsbürgerlichen Rechte zu befürchten brauchten. Die Wahlen sind also im Osten zur Zufriedenheit aller Deutschen ausgefallen, und kein Mißklang stört die schöne Harmonie, die die Erreichung des gemeinschaftlichen Zieles — eine deutsche Wahl — gestiftet. Die einzelnen Parteien wissen sehr wohl, daß keine von ihnen allein das Werk vollbracht hätte, daß dazu die Mitwirkung Aller nöthig war. Jeder bekommt dieses Mal eine gute Zensur ausgestellt, der Konservative, der Nationalliberale, der Freisinnige — aas ist alles ganz erklärlich, aber dann bekommt auch noch eine besondere Zensur, — und dieses Mal ist es eine sehr gute — der Jude. Zur Kennzeichnung der Verhältniffe im Osten giebt es kein charakteristischeres Merkmal als gerade dieses. Wenn ein Jude, der nationalliberal gesinnt ist, bei einem Kompromiß, resp. auf Grund eines solchen, einen Freisinnigen wählt, dann heißt es nicht: der Aationalliberale hat so gewählt, sondern — der Jude. Und jetzt, b.ei den Epilogen hebt man hervor, daß erst die Parteipolitiker aller Schattirungen und schließlich auch der Jude national gewählt. Die Herren, die so urtheilen — leider sind es nicht Wenige — können unmer noch nicht verstehen, daß der Jude ebenso gut deutsches Empfinden besitzt wie sie selbst. Sie wenden sich nicht an die Parteien, denen die Juden angehören, sondern an diese persönlich als Juden, nicht als Freisinnige, und so ertheilen sie erst den Parteien die gute Zensur sür die diesmalige Wahl und dann auch besonders noch — den Juden. O, wir danken recht sehr für diese exklusive Behandlung, denn »ie deutschen Juden sind ebenso gut deutsche Parteizugehörige wie die der anderen Konfessionen. Und daraus, daß sie sich bei den Wahlen gegen Bestrebungen wenden, die ihnen zum Nachtheil gereichen, kann man ihnen doch unmöglich eine besondere — eine Iudenpartei — andichten. Die Wandlung zum Besseren, die ich bereits im Eingänge meiner Ausführungen erwähnte, wird hierin vielleicht auch eine Besserung schaffen. Und es gäbe keinen schöneren Wahlerfolg für die Juden in den Ostmarken, als den, wenn man aufhörte, sie in eine Sonderstellung hineinzudrängen, in die sie ihrem ganzen Wesen und ihrem ganzen Thun nach absolut nicht Hineinpassen. E. Ph, Und die deutschen Indend Bon Rechtsanwalt Julius Plotke in Frankfurt a. M. flammende Worte hat Clemenceau gesprochen; was er sagt, trifft aber nicht blos auf französische Juden zu. Auch in unseren Reihen sitzen dieselben Leute! Es ist nicht recht, daß wir (wie dies jüngst in dieser Zeitung geschah), an die französischen Juden einen Appell richten, ihnen gute Lehren geben und uns einbilden, daß es bei uns so viel besser bestellt wäre! Was zeigt die Statistik über die Bewegung des Judenthums in Deutschland? — Rückgang! — Und wenn es erst eine Statistik darüber gäbe, wie sich dieser Rückgang vollzieht! Da ist ein reicher Finanzmann, der es sich angelegen sein läßt, das verblaßte Wappen eines Adeligen zu vergolden, er läßt seine Kinder in eine höhere „soziale" Schicht eintreten und erkauft dies durch Charakterlosigkeit. Er erntet hüben und drüben Spott, Hohn und Verachtung! Und mit Recht! Den Ast sägt er ab, auf welchem er sitzt! Da ist ein Mann aus den Gelehrtenkreisen! Er hat die hohen Schulen besucht, er ist in klassische Bildung eingetaucht, er hat die Helden vergangener Zeiten bewundert, welche für Wahrheit und Recht, für Vaterland und Glaubensgemeinde Gut und Blut geopfert haben! Und er selbst? Weil er nicht so bald Richter wurde, als er von Rechtswegen erwarten durfte, weil ihm die Laufbahn des Staatsanwalts, des Regierungsbeamten rc. verschlossen erschien, geht er über! Weil er „seinen Kindern" den Weg öffnen wollte zu dieser oder jener „Karriere", zu den sogenannten, ihm so erscheinenden „höheren gesellschaftlichen" Kreisen, weil er ihnen den Schmerz ersparen wollte, mit ihren Glaubensgenossen der Gegenstand von Verfolgungen zu sein, die ihm um so bitterer erscheinen, je weniger ihm geistige Vornehmheit und eigenes Kraftbewußtsein einen Schutz gewähren, führt er sie hinüber, macht aus ihnen die Hämmer, mit denen vielleicht seine Glaubensgenossen, die Nachkommen seiner Ahnen, verwundet werden! Wer kennt nicht unter jüdischen Aerzten, unter Juristen und Universitätslehrern Viele, welche durch ihre Tüchtigkeit hohe Werthschätzung unter ihren Berufsgenoffen und in weiteren Kreisen gewonnen haben, welche glücklich sein könnten in der Ausübung ihres Berufs, welche den Beweis liefern, das trotz aller Anfeindungen und Schwierigkeiten Energie, Pflichterfüllung und Leistungen noch immer sich zu einem Erfolg durchringen! Und dennoch führen sie ihre Kinder zum Abfall; sie wollen es ihnen leichter machen, die Staffel des Ruhmes und der glänzenden Ehren zu erreichen, sie sollen noch höher dastehen als die Eltern, vielleicht gelingt es gar dem Sohne, Offizier zu werden, das wäre der Gipfel des Glückes! — Ist das die gepriesene Elternliebe, welche den geliebten Gegenstand um scheinbaren Erfolges willen innerlich verderben läßt? Um Vortheile des Augenblicks spielt man mit dem Lebensglück solcher Kinder! Herausgerissen aus der Umgebung, in der sie eingeboren sind, verpflanzt in einen Boden, in dem sie sich fremd fühlen inüssen, verkümmern die Pflanzen! Man kann nicht Religion, vieltausendjährige Geschichte und Tradition aufgeben, wie man ein Kleid ablegt! Auch das Herz und das Gemüth hat seine Geschichte. In ihm wirken die Erfahrungen, die Freuden und Leiden unserer Ahnen unbewußt. Auch hier gilt das Gesetz der „Vererbung"! Eine Armee, aus deren Reihen Glieder fahnenflüchtig werden, ist disziplinlos und kampfunfähig! Die Deserteure aber sind cs, die der Armee die Schande bringen! Und Disziplinlosigkeit wirkt ansteckend!