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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-07-08 · Heft 27 (8.7.1898) · p. Seite 315

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 27 (8.7.1898)
Date
1898-07-08
Page
Seite 315 (sequence 3)
Language
German
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315 die Juden auch an der Wissenschaft der Botanik und an den grossen Fortschritten dieser Wissenschaft in unserm Jahrhundert einen hervorragenden Antheil haben. Zu den glänzendsten Namen auf diesem Gebiet gehören die von Nathanael Pringsheim, Julius Wiesner und Ferdinand Cohn. Was dieser für die Pflanzenphysiologie geleistet, wie er das ganze Gebiet jener Wissenschaft gefördert und erweitert, das ist in den vielen Nachrufen auf den gefeierten Gelehrten zur Genüge besprochen worden. Uns geziemt es nun, zu sagen, daß Ferdinand Cohn ein Stolz des modernen Judenthums war, dem er bis zum Tode unwandelbar treu geblieben ist, trotz mancher Verlockungen und Anträge. Er war der erste oder doch einer der ersten Juden, die in Preußen sich eine ordentliche Professur erkämpften; sein Vorbild hat auf Schüler und Verehrer anfeuernd und ermuthigend gewirkt. Von dem Glanze seines Namens ist ein Heller Strahl auch auf die Glaubensgemeinde gefallen, bei der er ausgeharrt hat, und die sein Andenken segnen wird. * Jetzt erst haben die Exzesse gegen die Juden in Galizien die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, weil man gewußt hat, daß der galizische Bauer, der vom Antisemitismus in Dienst genommen ist, der heute in Kolaczyce und Jaslo unter dem Schutze der Nacht jüdische Geschäfte erbricht und plündert, an jüdische Fabriken Feuer legt, zu finden beginnt, daß es lohnender ist, alleinstehende Gutshöfe zu überfallen und auszurauben; das Losungswort hat sich geändert, denn wo aufgestacheltes Gelüste und irregeleitete Zerstörungswuth aufhören, wenn sie einmal am Werke sind, ist niemals abzusehen. „Man wird die Neugierde haben, von der Prüfung der großen jüdischen Vermögen bald zur Prüfung der anderen Vermögen überzugehen," sagte kürzlich im Hinblick auf den Antisemitismus ein Deputirter in der französischen Kammer; und wenn dies in Frankreich zutrifft, um wie viel näher liegt es, bei der Kulturstufe des galizischen Bauers an eine solche Wendung zu denken. Den armen Juden von Kolaczyce und Jaslo ist bald zerstört und genommen, was sie besitzen, denn es ist so blutwenig, daß es vielleicht gerade nur so weit reicht, um den Appetit des Bauers zu reizen und nach begehrenswertherer polnischer Beute lüstern zu machen. Natürlich ist die, Lage der geplünderten Juden in Westgalizien augenblicklich eine sehr traurige, und wir veröffentlichen deshalb den folgenden Aufruf der jüdischen Abgeordneten Galiziens in der festen Ueberzeugung, daß er überall herzliche Sympathien und werkthätige Theilnahme finden werde: Traurige und höchst beklagenswerthe Ausschreitungen haben sich seit Wochen in weiten galizischen Landstrichen gegen die jüdische Bevölkerung wiederholt. Die von einer maß- und gewissenlosen Agitation Irregeleiteten richteten ihre verbrecherische und verheerende Thätigkeit gegen jüdisches Hab und Gut, so daß sehr nahmhafter Schaden angerichtet und viele Erwerbsexistenzen untergraben oder gar zerstört wurden. Diese Katastrophe betrifft eine Bevölkerungsklaffe, deren ökonomischer Bestand ohnehin zu den dürftigsten gehört, und die einen fast übermenschlichen Kampf gegen sich häufende Erwerbsschwierigkeiten zu bestehen hat. So haben denn Roth und Elend in den heimgesuchten Bezirken in noch erschreckenderer Weise zugenommen! Auch schuldlose Familien der irregeleiteten Exzedenten sind der Noth vielfach preisgegeben. Es gilt nun, rasche und ausgiebige Hilfe in die Stätten des Hungers und Jammers zu tragen, und wir wenden uns , an alle Menschenfreunde mit der dringenden Bitte, ihr Scherflein zur Linderung dieses großen Nothstandes beizutragen. Zum Empfange der mildthätigen Spenden sind die Herren Moriz Lazarus, Direktor der Galizischen Hypothekenbank in Lemberg, Dr. Leon Horowitz, Advokat in Krakau, sowie die Redaktionen der geschätzten Blätter ermächtigt, welche diesen Aufruf veröffentlichen. Lemberg und Krakau, im Juli 1898. Dr. Emil Byk, Dr. Philipp Fruchtmann, Dr. Bernard Goldmann, Dr. Leon Horowitz, Samuel v. Horowitz, Dr. Hirsch, Dr. Maximilian Kohn, Dr. Heinrich Kolischer, Hirsch Landau, Moriz Lazarus, Dr. Nathan Löwcnstein, Emil v. Mises, Jacob Piepes-Poratynski. Dr. Arnold Rapoport v. Porada, Professor Dr. Rosenblatt, Dr. Moriz Rosenstock, Dr. Simon Schaff, Dr. Maximilian Trachtenberg. * Wahrhaft ergreifend sind die Nachrichten, die das Monatsbulletin der A. I. U. über die Juden im Jemen bringt. Die jüdischen Gemeinden, die, in dem Lande, das man Jemen nennt, zerstreut sind, führen ein sehr dürftiges und unglückliches Leben. Sie leben unter einer zurückgebliebenen und fanatischen Bevölkerung, deren Sitten und Gebräuche die des 17. Jahrhunderts sind, und sind in einer untergeordneten Stellung. Gedrückt und resignirt, ertragen sie mit Stillschweigen die Demüthigungen ihrer stolzen Mitbürger und das Elend ihres unglücklichen Daseins. Viele sind Handwerker, die aber ihr Handwerk nur oberflächlich verstehen; einige sind kleine Krämer, der Handel im Lande ist unbedeutend, und die wenigen großen Häuser gehören den Mohamedanern. Man begreift, daß sie, die unter einer Regierung leben, die Jahrhunderte zurück ist, den Aberglauben dieser Zeit haben. Vor einigen Jahren verbreitete sich bei ihnen das Gerücht, daß der Messias in Jerusalem erschienen sei; das genügte, daß diese Leute, deren Leben eine Qual ist, sich in Karawanen auf den Weg nach der Heimath machten. Nach langer, mühsamer Reise kamen sie an, und ihre Trauer bei der Enttäuschung läßt sich denken. Einmal in Jerusalem angekommen, konnten die yemenitischen Familien. nicht mehr daran denken, in ihre Heimath znrückzukehren. Die Aufmerksamkeit der Alliance und die Hochherzigkeit des Baron Hirsch gaben ihnen Nahrung und Unterstützung, so daß sie ihr Handwerk dort ausüben und neue lernen konnten. Es ist erklärlich, daß ihr Zustand, so schlecht er auch ist, ihren in Jemen gebliebenen Genossen noch beneidenswerth erschien. Die Alliance hat einen Kredit gewährt, um diesem Unglück etwas abzuhelfen. Aber die Schwierigkeit ist nicht, diese Unglücklichen augenblicklich zu unterstützen. Was werden sie in Jerusalem thun? Sie werden die Menge Armer und Unglücklicher der heiligen Stadt noch vermehren. Gewohnt, von der Arbeit ihrer Hände zu leben, werden sie in Jerusalem schnell die Gewohnheiten des Ortes annehmen und von der öffentlichen Wohlthätigkeit die Hilfe verlangen, die ihnen ihre Arbeit nicht giebt. Außerdem, wenn man die Auswanderung erleichtert, zieht man noch neue Auswanderer heran, und wie wird man diese Invasion verhindern? Vielleicht findet man für die Jemeniten, arbeitsame und nüchterne Leute, wie die Fellachen, Arbeit in Aegypten. Das Land hat Raum für ernste Arbeiter. Natürlich muß man ihnen nicht nur die Gegend anweisen, wohin sie sollen, man muß ihnen auch Arbeit verschaffen, ihnen für die erste Zeit einen Aufseher geben und sie Anfangs unterstützen. Dies wäre ein wichtiges Werk, und dahingehende Instruktionen hat auch das Central-Komitee der Alliance seinen Vertretern in Alexandrien gegeben. Ein zionistisches Blatt in Amerika, der „Jewish Exponent“, hat in einer seiner letzten Nummern ein interessantes Interview mit dem türkischen Gesandten in Washington veröffentlicht, das in deutscher Uebertragung folgendermaßen lautet: „In einer Unterredung mit einem Korrespondenteen hat der türkische Gesandte Ali Feruk Bey folgende Aussprüche gethan, deren Veröffentlichung er. gestattete. Dieselben beziehen sich auf die neue jüdische Pro

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